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StartseiteCorsoMeister der Kompressoren und Echoräume13.04.2019

Bill PutnamMeister der Kompressoren und Echoräume

Bill Putnam gilt als einer der bedeutendsten Musikproduzenten der 50er- und 60er-Jahre. Er arbeitete mit Künstlern wie Frank Sinatra oder Ray Charles und in seinen Studios in San Francisco sind dutzende Welthits entstanden. Er gilt als Erfinder der heutigen Mischpulte - und sein Erbe lebt weiter.

Von Marcus Schuler

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Bill Putnam Jr. - Geschäftsführer und Gründer von Universal Audio - blickt in die Kamera, im Hintergrund sind Musikinstrumente (ARD/Marcus Schuler)
Bill Putnam Jr. - Geschäftsführer und Gründer von Universal Audio (ARD/Marcus Schuler)
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Seine ersten Aufnahmen machte er in den 40er-Jahren in Chicago. Dann hat er angefangen selbst Equipment zu bauen - für Popmusik-Aufnahmen gab es keine speziell ausgerüsteten Studios. Er merkte schnell, dass es im ganzen Land Bedarf für diese Technik gab. So entwarf, baute und verkaufte er Geräte für Aufnahmestudios.

Generation der Audio-Pioniere

Das ist Bill Putnam Junior. Der Vater von Putnam, Bill Putnam Senior, hat in den 40er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts mit seinen Erfindungen die Musikindustrie in den USA weit vorangebracht. Er gehörte zur goldenen Generation der Audio-Pioniere.

Schulkinder besuchen das Stax Records Museum in Memphis (AP Archiv)Mischpulte sind heute überall zu finden: Schulkinder besuchen das Stax Records Museum in Memphis (AP Archiv)Bill Putnam Junior: "Mein Vater war berühmt für seine Kompressoren. Das sind Geräte, die den Audiopegel regeln. Zum Beispiel, wenn ich spreche und dabei lauter werde. Oder wenn ich zu laut rede, kann es die Aufnahme verzerren. Das war auch im Radio so. Wenn das Signal zu laut war, bekam man mit der Rundfunkaufsicht Ärger. Der Klang der Kompressoren und Limiter spielte im Lauf der Zeit dann eine immer wichtigere Rolle."

Es sprach sich schnell herum, dass Putnam für die damalige Zeit neue Sounds produzierte. Die Mehrspuraufnahme war noch nicht erfunden. Populäre Musik wurde auf Schellack-Platten oder auf den in den USA sehr beliebten Drahttongeräten aufgenommen. Aber so etwas wie künstlicher Hall, Echo oder eine zweite Stimme parallel aufzunehmen, das existierte noch nicht.

Toiletten und Treppenhäuser als Klangräume

"Er benutzte die Toilette, weil sie gefliest war und es darin hallte. Auch Treppenhäuser nutze er. Später baute er extra Kammern und Echo-Räume. Die haben Gipswände, sie lassen den Klang sehr langsam zerfallen. Er legte also  vom Mischpult ein Kabel in den Raum, schloss einen Lautsprecher an und fing das Signal wieder mit einem Mikro ein. Er mischte alles in Echtzeit ab."

Berühmt ist auch diese Aufnahme mit Patty Page aus dem Jahr 1947. Putnam legte zwei Gesangsaufnahmen übereinander. Patty Page sang ihren Background selbst ein - Overdub genannt. Zur damaligen Zeit eine komplizierte Sache.

Der Pianist und Komponist Duke Ellington, aufgenommen 1966 während Proben in der Kathedrale in Coventry. (imago/ZUMA/Keystone)Der Pianist und Komponist Duke Ellington - auch er war ein Kunde von Putnam (imago/ZUMA/Keystone)

Mit Putnam wollten plötzlich alle Künstler zusammenarbeiten. Ray Charles, Duke Ellington, Count Basie oder Chuck Berry nahmen mit ihm ihre Titel auf.

"John Lee Hooker ist bekannt für sein Stampfen. Also legte er ein Stück Sperrholz unter Hookers Fuß, stellte ein Mikrofon daneben und mischte es in den Song. So nahm er den ganzen Stampf-Sound mit auf."

Freundschaft mit Frank Sinatra

Besonders zu Frank Sinatra hat ihn eine enge Freundschaft verbunden. Für ihn zog er sogar nach Kalifornien um. Dort gründete er in Los Angeles und San Francisco Studios.

"Mein Vater hat über Jahre so gut wie alles aufgenommen, was Sinatra produziert hat. Über ihn hat er meine Mutter kennengelernt. Sie war Sinatras Assistentin. Er zog für Sinatra sogar nach Kalifornien, weil er unbedingt dort aufnehmen wollte. Mein Vater gründete dort weitere Studios."

In Putnams Studio nahmen die Mamas und Papas ihren berühmten Song "California Dreamin'" auf, und Scott McKenzie spielte 1967 dort seine San Francisco-Hymne ein.

Universal Audio eine der besten Audio-Schmieden der Welt

Bill Putnam ist 1989 im Alter von 69 Jahren gestorben. Zehn Jahre später haben seine beiden Söhne das Unternehmen ihres Vaters neu gegründet. Unweit des Silicon Valley, nahe Santa Cruz, betreiben sie seit 1998 Universal Audio. Ihre Geräte stechen allein schon durch ihr Retro-Aussehen hervor. Das Design erinnert an die 50er-Jahre: Große, runde Drehknöpfe. Übersichtliche Pegelanzeigen zur Tonaussteuerung, richtige Kipp-Schalter, wie man sie vor 40 oder 50 Jahren verbaut hat.

(Marcus Schuler)Grammy für Universal Audio (Marcus Schuler)

"Ich habe gehört, wie er gesagt hat, dass es im Studio wichtig sein, dass man quasi blind zu seinen Geräten greifen und sie bedienen kann. Bei Tonaufnahmen schaut man auf das Orchester - das letzte, was man in solch einer Situation machen möchte, ist sich mit der Ausrüstung auseinanderzusetzen."

Heute sind Geräte und Software von Universal Audio, mit der digital Ton-Effekte produziert werden, in vermutlich jedem Aufnahmestudio zu finden - egal ob Profi- oder digitale Audio-Workstation. Das Universal Audio heute zu den besten Audio-Schmieden der Welt gehört, ist das Verdienst von Bill Putnam Junior. Und das quasi vor den Toren des Technologie-Mekkas Silicon Valley mit direktem Zugang zum Pazifik.

Bill Putnam Junior 2019 (Marcus Schuler)Bill Putnam Junior (Marcus Schuler)

Alles mehr oder minder Zufall, wiegelt Bill Putnam Junior ab: "Nein, kein genialer Plan hat mich hierher gebracht, eher ein glücklicher Zufall. Hier herrscht eine wunderbare Mischung aus Kreativität, künstlerischen Impulsen, großartiger Musikszene und der besten Technologie-Szene der Welt. Es ist also ein wirklich toller Ort."

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