Kommentare und Themen der Woche 16.05.2020

BilligfleischNicht nur ein TierschutzproblemVon Alois Berger

Beitrag hören Ferkel werden in Tiertransportern zu den Masthöfen antransportiert. Zu sehen sind drei Schweine hinter Gittern. (imago / Kai Horstmann)Deutschland, ein Industrieland, ist ein Produzent und Exporteur von billigem Fleisch - das bringt massive Probleme mit sich (imago / Kai Horstmann)

Die verantwortungslose Preisdrückerei findet nicht nur in den Schlachthöfen statt. In deutschen Ställen werden mehr Antibiotika verabreicht als in allen Krankenhäusern zusammen. Sie gelangen in die Umwelt - und bergen die Gefahr einer neuen Pandemie, ausgelöst durch multiresistente Keime, meint Alois Berger.

Seit Monaten ist das öffentliche Leben eingeschränkt, die Wirtschaft fährt im Notbetrieb. Das ist alles vernünftig, um die Ausbreitung von COVID-19 in den Griff zu bekommen. Aber dann tauchen innerhalb weniger Tage Hunderte von Infizierten in den Schlachthöfen auf. Ganz plötzlich. Völlig überraschend.

Im Grunde wissen wir seit langem, dass in den Schlachthöfen vieles falsch läuft. Dass die Rumänen, Bulgaren, Türken, die dort arbeiten, es sich oft nicht leisten können, zum Arzt zu gehen oder krank zu Hause zu bleiben. Weil sie schlecht versichert sind, weil sie nicht mal den Mindestlohn bekommen, Krankengeld sowieso nicht. Weil sie von Subunternehmern ausgebeutet werden und die deutschen Verantwortlichen sich nicht verantwortlich fühlen. Alle paar Jahre kocht ein Skandal hoch, die Landwirtschaftsminister von Bund und Ländern sprechen dann von schwarzen Schafen, versprechen Maßnahmen und machen dann ein bisschen Kosmetik.

Billigfleisch im Hochlohnland

Das bewusste Wegschauen ist leider Teil der deutschen Agrarpolitik. Denn die Produktion von Billigfleisch ist ein Geschäftszweig der deutschen Landwirtschaft, der über die Jahre immer größer geworden ist. Deutschland, ein Industrieland, ein Hochlohnland, gilt international als Produzent und Exporteur von billigem Fleisch. Frankreich und Belgien beschweren sich regelmäßig in Brüssel über die Dumping-Exporte der Deutschen, die in ihren Ländern alles platt machen. Deutsches Fleisch treibt selbst in Afrika noch viele Bauern in den Ruin, weil nicht einmal afrikanische Bauern mit den Niedrigstpreisen mithalten können.

Schlachtstraße in einem Schlachthof (imago/Hake) (imago/Hake)Warum häufen sich Corona-Infektionen in Schlachthöfen?
Die hohe Zahl der Corona-Infizierten in Schlachthöfen lenkt den Fokus auf die dortigen Arbeitsbedingungen. Die Strukturen begünstigen die Ausbreitung des Virus und auch die Politik trägt ihren Teil dazu bei. Doch warum häufen sich die Fälle gerade dort?

Die verantwortungslose Preisdrückerei findet nicht nur in den Schlachthöfen statt, sie fängt schon auf den Bauernhöfen an und sie ist nicht gut für die Qualität des Fleisches. Vor allem Schweine und Geflügel werden in den meisten deutschen Mastbetrieben unter unsäglichen Bedingungen gehalten. Hauptsache billig. Möglich ist das nur durch den exzessiven Einsatz von Antibiotika. Ohne Antibiotika würde unter diesen Bedingungen kein Schwein und kein Masthuhn das Schlachtalter erreichen. Selbst mit Medikamenten verendet in Deutschland jedes fünfte Schwein noch im Stall. Und von denen, die es bis zum Schlachthof schaffen, ist ein großer Teil krank.

Um es klar zu sagen: Es gibt viele Landwirte - nicht nur Biobauern, auch konventionelle -, die ihre Tiere so halten, dass sie keine Medikamente brauchen. Mehr Platz, mehr Auslauf, mehr Betreuung: Das geht, das ist möglich. Aber es kostet eben Geld, und die niedrigen Fleischpreise sind für diese Bauern ein großes Problem. Doch solange Antibiotika im Stall erlaubt sind, wird es immer Mastfabriken geben, die billig und ohne Rücksicht auf die Tiere produzieren und die Preise drücken.

Die nächste Pandemie könnte von einem multiresistenten Keim ausgelöst werden

Das ist nicht nur ein Tierschutzproblem. In deutschen Ställen werden mehr Antibiotika verabreicht als in allen Krankenhäusern zusammen. Je mehr Antibiotika ins Grundwasser und in die Umwelt gelangen, desto schneller entstehen resistente Keime. Schon heute sterben laut Robert-Koch-Institut allein in Europa jedes Jahr 33.000 Menschen an Keimen, gegen die kein Medikament mehr hilft. Viermal so viel wie noch vor zehn Jahren. Tendenz: rasant steigend. Die aktuelle Pandemie ist durch ein Virus verursacht, doch die nächste Pandemie könnte durchaus von einem multiresistenten Keim ausgelöst werden.

04.02.2019, Niedersachsen, Garrel: Halbierte Schweine hängen im Schlachthof Böseler-Goldschmaus während des Besuchs des Ministerpräsidenten von Niedersachsen an den Haken. Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Mohssen Assanimoghaddam / dpa) (picture alliance / Mohssen Assanimoghaddam / dpa)Den Deutschen sind die Rumänen einfach egal
Dass der Aufschrei über die Fleischindustrie jetzt so groß ist, hat nur zum Teil mit aufkommender Empathie für die Arbeiter in der Corona-Pandemie zu tun, kommentiert Manfred Götzke. Die Ausbeutung von Arbeitern aus Osteuropa habe System und werde von der Politik geduldet.

Man muss sich das mal vorstellen. Wir erleben gerade, was es heißt, wenn sich eine Krankheit ausbreitet, gegen die es kein Medikament gibt. Und gleichzeitig lassen wir es zu, dass unsere wichtigsten Notfallmedikamente wirkungslos werden - nur damit Fleisch billig bleibt.

Wann wollen wir das ändern, wenn nicht jetzt? Die Fehler der Agrarpolitik gefährden unsere Gesundheit. Wir brauchen endlich klare Vorschriften und ernsthafte Kontrollen für die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen, auch, damit dort keine Infektionsherde mehr entstehen. Und: wir brauchen endlich ein Verbot von Antibiotika in der Tiermast. Denn was in deutschen Ställen passiert, ist lebensgefährlich für uns alle. Nach den Erfahrungen mit COVID-19 sollte das auch die Landwirtschaftsministerin verstanden haben.

Alois Berger (privat)Alois Berger (privat)Alois Berger, gelernter Elektroniker, studierte Politik, Wirtschaft und Philosophie in Deutschland, Frankreich und den Philippinen und absolvierte die Deutsche Journalistenschule in München. Er arbeitete als Radioredakteur, Moderator und Reporter in Berlin, damals West- und Ost-Berlin. Danach fast 20 Jahre EU-Korrespondent in Brüssel für Zeitungen, Radio und Fernsehen. Seit fünf Jahren im Rheinland, hier macht er Dokumentarfilme für ARTE, Kommentare, Kolumnen und Hintergrundberichte für Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur. Lebenserfahrung: verheiratet, zwei erwachsene Kinder.

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