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StartseiteEssay und Diskurs"Bin doch nur ein einfältig Mädgen"25.01.2009

"Bin doch nur ein einfältig Mädgen"

Romantische Reihe, Teil 2: Bettina von Arnim und die Frauenfrage

Am 20. Januar jährte sich zum 150. Mal der Todestag von Bettina von Arnim. In der ersten Hälfte unserer vierteiligen "Romantischen Reihe" wollen wir an das progressive, ihrer Zeit weit vorauseilende Denken der Dichterin erinnern. In dem nun folgenden Essay befasst sich Ulrike Landfester mit dem Engagement Bettina von Arnims für die Rechte der Frauen.

Von Ulrike Landfester

Bettina von Arnim (1785-1859) (British Museum)
Bettina von Arnim (1785-1859) (British Museum)

Ulrike Landfester ist Professorin für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität St. Gallen in der Schweiz. 2000 erschien ihre Monografie "Selbstsorge als Staatskunst. Bettine von Arnims politisches Werk". Außerdem gab sie 2004 beim Suhrkamp Verlag die vierbändige Reihe "Werke und Briefe. Bettine von Arnim" mit heraus.

"Dass ich traurig bin, kannst Du Dir wohl leicht erklären - so viel Lebenskraft und Muth zu haben, und keine Mittel, ihn anzuwenden! Wie mag es einem großen Krieger zu Mut sein, dem das Herz glühet zu großen Unternehmungen und Taten, und der in der Gefangenschaft ist, mit Ketten beladen, an keine Rettung denken darf! Mir überwältigt diese immerwärende rastlose Begier nach Wirken oft die Seele, und bin doch nur ein einfältig Mädgen, deren Bestimmung ganz anders ist. Wenn ich so denke, dass gestern ein Tag war wie heute einer ist, und morgen einer sein wird, und wie schon viele waren, und noch viele sein werden, so wird es mir oft ganz dunkel vor den Sinnen, und ich kann mir selbst kaum denken, wie unglücklich mich das machen wird, nie in ein Verhältnis zu kommen, worinnen ich meiner Kraft gemäß wirken kann."

Als Elisabeth Brentano, spätere von Arnim und von ihrer Familie stets bei der Koseform Bettine oder Bettina gerufen, im Oktober 1804 diese Worte an ihren Schwager Friedrich Carl von Savigny schreibt, ist sie neunzehn Jahre alt und lebt unter der Vormundschaft ihres älteren Halbbruders Franz in dessen Haushalt, um von seiner Frau in ihre späteren Pflichten als Ehefrau und Mutter eingewiesen zu werden.

Was diese Pflichten um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert konkret für das Leben einer Frau bedeuten können, hat Bettine in ihrer Kinderzeit an ihrer Mutter bereits in eindrücklicher Weise erlebt: Maximiliane von La Roche, leidenschaftlich von dem jungen Goethe umworben und ihm gegenüber nicht gleichgültig, war von ihrer Mutter Sophie in eine Konvenienz-Ehe mit dem 21 Jahre älteren italienischstämmigen Großkaufmann Peter Anton Brentano gedrängt worden.
Brentano war wohlhabend, eine sogenannte 'gute Partie‘, und hatte in der eben Achtzehnjährigen für seine sechs Kinder aus erster Ehe eine Stiefmutter und für sich selbst die Verbindung zu einer angesehenen Frankfurter Familie gesucht.

Maximiliane hatte ihrer Mutter widerspruchslos gehorcht, Brentanos Haushalt geführt, gesellschaftlich repräsentiert und daneben in rascher Folge zwölf weitere Kinder geboren, bevor sie früh verbraucht an Kindbettfieber gestorben war.

In den vielen Hunderten, ja Tausenden von Briefen, die Bettine bei ihrem Tod im Jahr 1859 geschrieben und teilweise veröffentlicht haben wird, gehört der Brief, in dem sie hier so leidenschaftlich die mit Ketten beladene Gefangenschaft weiblicher Existenz beklagt, zu den ganz wenigen, in denen sie sich ausdrücklich kritisch über die gesellschaftlichen Grenzen äußert, die ihr kraft ihres Geschlechts auferlegt sind, und diese wenigen Briefe finden sich zudem nur in ihren privaten Korrespondenzen.

Nie - auch nicht, nachdem die Fünfzigjährige mit Erscheinen ihres ersten Buchs 1835 die Karriere einer international bekannten Schriftstellerin angetreten hat - nie bezieht sie direkt Stellung zur Frauenfrage, nie fordert sie öffentlich die soziale und politische Emanzipation der Frau; scharf geschliffene Analysen der Geschlechtsrollennorm sind ebenso wenig ihre Sache wie propagandistische Aufrufe zur Rebellion gegen das Patriarchat - zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus: Ihr erstes Buch gibt sich als eine kindlich-verliebte Hommage an den großen Goethe, gefolgt von ihren Jugendbriefwechseln mit der Freundin Karoline von Günderode und dem Lieblingsbruder Clemens Brentano, und selbst ihre späteren politischen Schriften scheinen keinerlei Beziehung zu dem Kampf um weibliche Selbstbestimmung zu haben, der Zeitgenossinnen wie etwa Louise Aston im Vorfeld der Revolution von 1848 in die frühfeministische Radikalisierung treibt.

Dieser Schein aber trügt - und dass und auf welche Weise er trügt, macht die besondere Qualität der Autorin Bettine aus. Die poetische Unschuld, in der ihre Werke sich dem Blick ihres Lesers präsentieren, ist Symptom einer ebenso subtilen wie effektvollen Strategie angewandter Kritik: Indem nämlich Bettine darin systematisch jede thetische Verdichtung ihrer Rebellion gegen die ihr von außen verordnete Weiblichkeit vermeidet, schafft sie sich einen Freiraum, in dessen Schutz sie mit von Buch zu Buch zunehmender inhaltlicher Kompromisslosigkeit die zeitgenössischen Mechanismen zur gesellschaftlichen Disziplinierung der Frau gleichzeitig offenlegt und durch ihre literarische Praxis unterläuft.

Schlüsselfigur der Entwicklung, durch die Bettine zur Ausformung dieser Strategie gelangt, ist die Mutter ihrer Mutter, Sophie von La Roche, der Bettine nach dem Tod des Vaters 1797 als Zwölfjährige zusammen mit zwei ihrer Schwestern zur Erziehung anvertraut wird.

1771 hatte La Roche mit der Geschichte des Fräuleins von Sternheim den ersten von einer Frau geschriebenen Erfolgsroman der bürgerlichen Moderne veröffentlicht, einen Briefroman, dieselbe Form also, die später Bettines eigene Bücher haben werden. La Roche weiß, dass Bettine und ihre Schwestern, wenn sie ehetauglich werden sollen, jener Weiblichkeitsnorm entsprechen müssen, die sie selbst mit ihrer Sternheim propagiert hat: ganz und gar natürlich, unintellektuell und von geradezu penetranter Tugendhaftigkeit, gehorsam und möglichst ohne ausgeprägte eigene Bedürfnisse.

La Roche weiß aber auch um die Gefährdung weiblicher Existenz durch eben diese Norm - Maximilianes früher Tod nach liebloser Ehe hat ihr unauslöschliche Schuldgefühle verursacht; und sie ist sich zudem nur zu deutlich dessen bewusst, dass sie ihre eigene relative Freiheit allein dem Erfolg ihrer allgemein als unfeminin angesehenen Schriftstellerei verdankt. So greift sie bei der Erziehung ihrer Enkelinnen zu einer List: Sie lehrt sie Hand- und Gartenarbeiten, bringt ihnen bei, wie eine Frau nach außen zu erscheinen hat - und sie fördert an ihnen zugleich eine ganz unweibliche Verstandesbildung, indem sie ihnen Werke von Burke und Montesquieu, Kant und Fichte, Sophokles und Platon zu lesen gibt und eigens für die wissenshungrige Bettine einen Geschichtslehrer anstellt.

"Der Geschichtslehrer kommt dreimal die Woch. Er unterrichtet mich so, dass ich wahrscheinlich der Zukunft ewig den Rücken drehen werdem und so auch um die liebe Gegenwart geprellt wär, wenn die unreifen Aprikosen in der Großmutter Garten nicht meinen Diebssinn weckten, mit dem ich doch für meinen Verstand etwas handgreiflicheres zu erbeuten gedenke, als: "Die Geschichte Ägyptens ist in den ersten Zeiten dunkel und ungewiss." Das ist ein Glück, sonst müssten wir uns auch noch darum bekümmern. 'Menes ist der erste König, von dem wir wissen. Dann folgte Sesostris der Eroberer, der sich selbst entleibte.' - Warum? - War er schön? - hat er geliebt? - war er jung? - war er melancholisch? - auf all dies erfolgt vom Lehrer keine Antwort, nur die Bemerkung, er möge wohl eher alt zu denken sein. - Ich demonstriere ihm vor, dass er jung war, bloß um das Rad der Zeit in Schwung zu bringen, das im Geschichtskot der Langeweil immer stecken bleibt."

Was hier als muntere Plauderei einer spitzbübischen Vierzehnjährigen daherkommt, beschreibt faktisch die Pose, die die spätere Autorin Bettine in Anlehnung an das großmütterliche Vorbild ihre politisch-literarische Tätigkeit verfolgt.

Entstanden ist dieser Brief nämlich lange nach der unbeschwerten Kinderzeit bei La Roche, in den späten 1830er Jahren, als Bettine den Briefwechsel mit Günderrode zur Publikation vorbereitete und dabei so manches angeblich mit dieser einst gewechselte Schreiben erst erfand.

Wie La Roche ihre eigene Bildung und Intelligenz unter der Maske der von ihr entworfenen Frauenbilder zugleich verbarg und doch sichtbar ausstellte, so gibt sich Bettine hier von der Trockenheit akademischen Wissens abgestoßen und zeigt doch zugleich, dass sie über dieses Wissen verfügt, ja, dass sie ihm 'handgreiflicheres‘ abringen kann als nur reine Fakten: Der eigentliche Schlüssel dieser Passage liegt in Bettines Beharren darauf, dass Sesostris jung gewesen sein müsse, um die Welt bewegen zu müssen.

Das Konzept der Jugend hat in Bettines Werk eine doppelte Funktion. Zum einen stellt es im Sinne der vorpubertären, geschlechtlich noch ungeschiedenen Kindlichkeit die harmlose Maske bereit, unter der sie ihren Lesern als Autorin entgegentritt.

Zum anderen ist "Jugend" im Sinne bildungsfähiger geistiger Beweglichkeit auch die Adresse, unter der sie ihre Leser immer wieder dazu auffordert, aktiv in den zeitgenössischen "Geschichtskot der Langeweil" einzugreifen. Und in dieser Dimension des Begriffs schlägt sich auch ihr biografisches Leiden an der Einengung der weiblichen Existenz nieder - und nicht weniger im Hinblick auf die eigene Jugend als in demjenigen auf ihre Erfahrungen als Ehefrau und Mutter.

1811 heiratet Bettine Achim von Arnim, den besten Freund ihres Bruders Clemens. Sie gebärt ihrem Mann sieben Kinder, die sie - in Zeiten inflationärer Säuglingssterblichkeit geradezu ein Rekord - sämtlich gesund in das Erwachsenenalter bringt.

Vor allem aber steht für die Ehefrau Bettine vollkommen außer Frage, dass sie ihre eigenen literarisch-politischen Interessen vollumfänglich in denen ihres Mannes Achim aufgehen lässt, ihn unterstützt und anfeuert - und dabei, so bezeugt ein Brief, den sie Ende Dezember 1822 wiederum an ihren Schwager Savigny schreibt, intellektuell wie emotional zu verkümmern droht, nicht zuletzt, weil sie sich auch mit ihren liberalen Vorstellungen von Kindererziehung gegen ihren konservativen Mann nirgends durchsetzen kann.

"Ach, wie sind meine Ansprüche an das Leben gesunken, und je weniger ich fordere, je mehr dingt es mir ab, und es wird mir nichts gewähren als dass es mich zum Schelm oder zum Lump mache. Ich habe die 12 Jahre meines Ehestands leiblich und geistigerweise auf der Marterbank zugebracht, und meine Ansprüche auf Rücksicht werden nicht befriedigt.

Die Kinder, um deren irdischen Vorteil alle Opfer geschehen, werden in allem, was sich nicht mit der Oekonomie verträgt, versäumt. Wenn es nach meinem Gewissen ginge, so würde die zärtlichste Pflege ihrer geistigen Existenz alle Ausgaben dafür rechtfertigen; das Höchste, was man den Kindern an Liebe geben kann, ist, dass man sie so früh, als es ihren Fähigkeiten möglich ist, mündig sein lasse. Mir aber sind (ich schäme mich es zu sagen) die Hände gebunden, und ich kann nichts [von dem] befördern, wozu ich mich bei jedem Nachdenken aufgefordert fühle. - Was ich sonst mit Geduld ertrug, weil ich mich kräftig genug fühlte, das trag ich jetzt mit Ungeduld, weil ich schwach genug bin. Mein Perspecktif ist das End aller Dinge. "

Das "End aller Dinge" kommt dann mit dem überraschenden Tod Arnims 1831 sehr plötzlich - und so leidenschaftlich Bettine auch um ihn trauert, bedeutet dieser Tod für sie doch den Anbruch einer neuen Ära. In den folgenden Jahren betreibt sie nicht nur eine Gesamtausgabe von Arnims Werken, sondern sie beginnt vor allem, selbst zu schreiben - wobei sie freilich das Licht ihrer enormen schöpferischen Potenz zunächst unter den Scheffel angeblicher Quelleneditionen stellt: 1835 erscheint mit Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde ihre langjährige Korrespondenz mit Goethe, 1840 folgt mit "Die Günderode" diejenige mit ihrer Jugendfreundin und 1844 der Briefwechsel mit dem Bruder Clemens.

Diese drei Bücher allerdings haben es in sich. Quelleneditionen sind sie zwar schon, insofern sie die originalen Korrespondenzen enthalten - aber alle drei Korrespondenzen werden von Bettine massiv bearbeitet, erweitert, ergänzt durch erfundene eigene wie auch Briefe der jeweiligen Gegenüber, und in allen drei Büchern dient diese Bearbeitung demselben Zweck: der Abrechnung mit der Missachtung weiblicher Kreativität durch bornierte, egozentrische, aus purer intellektueller Bequemlichkeit in den Konventionen der Geschlechterpolarität befangene Männer.

1808 von Bettine persönlich in Weimar aufgesucht, hatte Goethe zu Lebzeiten ihre physischen wie brieflichen Annäherungsversuche mit bestenfalls wohlwollendem Desinteresse quittiert - außer zu der Zeit, in der er an seiner Autobiografie schrieb; da wurde Bettine, die in Frankfurt eine enge Freundschaft mit seiner Mutter pflegte, vorübergehend zu einer charmant hofierten Gewährsfrau für all die Informationen, die er der alternden Katharina Elisabeth Goethe selbst abzulauschen die Zeit nicht erübrigen mochte.

Auf der Basis dieser in den originalen Briefen angelegten Situation zeichnet Bettine den gealterten Olympier als einen von seinem Ruhm bis zur Unbeweglichkeit überkrusteten Literaturkarrieristen, der die Vitalität echter Weiblichkeit sein Leben lang dadurch abwehrt, dass er in seinen Werken fast nur Frauenfiguren von schematischer Unlebendigkeit wie etwa Werthers Lotte entwirft - mit einer einzigen Ausnahme: der Kindfrau Mignon aus seinem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre, die in Männerkleidung als Verkörperung der Naturpoesie die soziale Festlegung auf ihr Geschlecht verweigert.

Goethe hatte sie am Ende seines Romans in Frauenkleidung zwingen und deshalb an gebrochenem Herzen sterben lassen - und Bettine, die sich seit ihrer jugendlichen Lektüre des Romans mit Mignon identifiziert hatte, konfrontiert ihn nun in ihrem Buch als Reinkarnation seiner eigenen Kreatur:

In einem Traum, den sie Goethe in einem erfundenen Brief schildert, tritt sie ihm in der Kleidung gegenüber, die Mignon bei ihrem Tod getragen hatte.

"Häufig hab ich denselben Traum; es ist, als solle ich vor Dir tanzen, ich bin ätherisch gekleidet, ich hab ein Gefühl, dass mir alles gelingen werde, die Menge umdrängt mich. - Ich suche Dich, dort sitzest Du frei mir gegenüber; es ist als ob Du mich nicht bemerktest und seiest mit anderem beschäftigt; jetzt trete ich vor Dich, goldbeschuhet, und die silbernen Ärmel hängen nachlässig, und warte; da hebst Du das Haupt, Dein Blick ruht auf mir unwillkürlich, ich ziehe mit leisen Schritten magische Kreise, Dein Aug verlässt mich nicht mehr, Du musst mir nach, wie ich mich wende und ich fühle einen Triumph des Gelingens."

Zu Lebzeiten Goethes von diesem mit demselben Nachdruck ausgegrenzt, mit dem er sich in seinem Roman des von Mignon ausgehenden Irritationspotenzials entledigt hatte, zwingt sie ihn nun nach seinem Tod dazu, ihren Bewegungen zu folgen - dem schöpferischen Tanz, den sie im Text ihres Buchs vollzieht, indem sie ihre Korrespondenz mit ihm "in leisen Schritten" umschreibt: Hier, in diesem Buch, feiert Bettine einen literarischen "Triumph des Gelingens", über den die einstige abschätzige Ignoranz Goethes gegenüber ihrer poetischen Natur keinerlei Macht mehr hat.

Elegischer grundiert, aber nicht minder explosiv in seinem Gehalt ist dann der Briefwechsel mit Karoline von Günderrode, in dem Bettine das Trauma des Selbstmords der Freundin im Sommer 1806 verarbeitet:

Karoline hatte eine Liebesbeziehung zu einem Mann gehabt, der seine Frau ihretwegen schließlich doch nicht verließ und stattdessen Karoline den Laufpass gab - die hochgebildete Karoline schrieb und veröffentlichte unter einem Pseudonym Gedichte und war deshalb nach Ansicht seines Freundeskreises zu unweiblich, als dass sie zur Ehefrau getaugt hätte. Dass sie sich deshalb das Leben nahm, ist die dunkle Folie, vor deren Hintergrund Bettine in ihrem Buch die Geschichte einer Freundschaft zwischen zwei Frauen entwirft, in der sie - Bettine - erst die Werbende und am Ende die Verlassene ist:

"Frei sein willst Du, hast Du gesagt? - ich will nicht frei sein, ich will Wurzel fassen in Dir. Ja, mein Leben ist unsicher; ohne Deine Liebe, in die es eingepflanzt ist, wird's gewiss nicht aufblühen und mir ist's eben durch den Kopf gefahren, dass Du mich vergessen könntest, es ist aber vielleicht nur, weil`s Wetter leuchtet so blass und kalt, und wenn ich denk an die feurigen Strahlen, mit denen Du oft meine Seele durchleuchtest! - bleib mir doch."

Was bleibt, ist die Erinnerung an die tote Freundin und deren Briefe, anhand derer Bettine sich nun, in ihrem zweiten Buch, am tragischen Beispiel Karolines endgültig ihre eigene Freiheit von dem Ausschließlichkeitsanspruch männlicher Autorschaft erschreibt - und das Geschriebene pointiert an die nächste, die junge Generation nachwachsender männlicher Autoren adressiert: Die Günderode ist "Den Studenten" gewidmet.

Das Buch, das Bettine aus ihrem Briefwechsel mit dem Bruder Clemens erarbeitet, steht schon deshalb in enger entstehungsgeschichtlicher Beziehung zu demjenigen über die Günderrode, weil die Korrespondenzen mit beiden aus derselben Zeit von Bettines Mädchenjahren stammen. Clemens erscheint in diesem Buch als typischer Funktionär patriarchalischer Disziplinarmacht, der in arroganter Engstirnigkeit der Schwester empfiehlt, lieber Strümpfe zu stricken als Philosophen zu lesen.

In den Konturen, die Bettine dem inzwischen ebenfalls Verstorbenen 1844 in ihrem Buch gibt, schlägt sich rückblickend eine tiefe Enttäuschung nieder. Als die junge Bettine dem auswärts erzogenen Bruder nämlich einst bei der Großmutter wiederbegegnet war, war er ihr als lang ersehnter kongenialer Gesprächspartner für ihren unweiblichen Bildungsdrang erschienen.

Kein Wunder, dass sie ihm 1802 eine fast ans Inzestuöse grenzende Liebe bekundet:

"Clemens! Weißt Du, wer der Mond ist, er ist der Wiederschein unsrer Liebe, und die Sterne sind Wiederschein der übrigen Lieb auf Erden, aber die Sterne so nah dem Mond - Lieber, was ist diese Liebe, die mir so nahe geht, unsre Liebe aber ist auserkoren, und groß und herrlich vor allen andern. Die Erde aber ist ein großes Bett, und der Himmel eine große freudenreiche Decke aller Seligkeit, Clemens, was sehnst Du Dich nach mir, wir schlafen in einem Bette."

Wie aber Mignon am Ende von Goethes Roman, so war auch Bettine von Clemens bald schmerzhaft auf die Vorgaben ihrer weiblichen Bestimmung zurückgestoßen worden. Gleich den anderen zeitgenössischen Dichter der romantischen Bewegung schätzt Clemens an der Kindfrau vom Typ der Mignon nicht deren individuelle Eigentümlichkeit, sondern das Potenzial, das sie für ihre Erziehung durch den Mann birgt.

Wenn Clemens Bettines erste literarische Schreibversuche ermutigt, geschieht dies deshalb nur innerhalb der Spielraums, in dem Frauen zu dieser Zeit schreiben dürfen - nicht in publikationswürdigen Werken, sondern nur in privaten Briefen, in denen sie ihre weibliche Natur entwickeln und kultivieren - und mit dem Ziel, der Schwester Texte abzuringen, durch deren Weitergabe in seinem Freundeskreis er sie potenziellen Freiern als ideale Verkörperung romantischer Weiblichkeit anpreisen kann.

Und hatte die junge Bettine, irritiert und verunsichert angesichts seiner widersprüchlichen Signale, ihre Wünsche und Hoffnungen in ihren originalen Briefen noch immer wieder mit den Vorstellungen Clemens' zu versöhnen versucht, so formuliert nun die gealterte Autorin Bettine in einem nachträglich eingefügten Brief an den Toten eine klare Absage an den Einfluss, anhand dessen dieser einst ihre Identität im Namen konventioneller Weiblichkeit hatte deformieren wollen:

"Was mich selber bilden soll, das muss aus mir auch hervorgehen, drum möchte ich aller Teilnahme ausweichen und allein mit mir fertig werden. Es kommt mir wie Frevel vor, dass ich mich einer Leitung hingebe, die vielleicht das Urspüngliche in mir verleitet. Ich soll doch mein eigen werden, dies ist doch der Wille meines Ichs, denn sonst wär ich umsonst; dies eine was mich eigentümlich aus dem Gesamtsein heraus bildet, das ist der Adel des freien Willens in mir, anders kann ichs nicht ausdrücken. - Sich dem Begriff und Willen eines Andern unterwerfen, der auch kein Selbstsein hat, das ist Verzichten auf diesen Adel des freien Willens. So steht das in mir fest, dass ich den nicht aufgebe."

Die Kategorie des Geschlechts, die in ihren autobiografischen Erinnerungsbüchern so zentral gewesen war, scheint in der politischen Arbeit der folgenden Jahre nur noch in der immer schematischeren Figuration der alten Frau auf, die in der Rolle der mütterlichen Mentorin politische Entscheidungsträger in diejenige des zu erziehenden Kindes zu drängen und damit unter dem Deckmantel des weiblichen Erziehungsauftrags in die Domäne männlicher Entscheidungskompetenzen einzugreifen versucht.

Trägerkonstruktion dieser Taktik sind zahlreiche persönliche Briefwechsel, die Bettine in diesen Jahren mit politischen Hoffnungsträgern und Angehörigen regierender Häuser Europas aufnimmt, darunter Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und Kronprinz Karl von Württemberg.

In diesen Briefwechseln begegnet sie ihren Adressaten in einer Kreuzung aus koboldhafter Kindlichkeit und sibyllinischer Weisheit, als angeblich ganz und gar ungelehrte Visionärin, wohl wissend, dass ihre männlichen Gegenüber einer mit Vernunft und Wissen arbeitenden Frau eine Abwehrhaltung an den Tag legen, die sie in der Pose des irrationalen, naiven, verträumten Weibchens immer wieder gewinnbringend auszuhebeln vermag - zumal sich ihre Gegenüber von der Aufmerksamkeit der akklamierten Schriftstellerin stets auch hofiert und bestätigt fühlen.

Inhaltlich aber, so bezeugt schon ein Brief Bettines an den württembergischen Kronprinzen aus dem Jahr 1844, hat die Frauenfrage über die mediale Pose selbst hinaus keine Bedeutung:

"Lieber Kronprinz, nichts ist gesund als nur reines Menschlichsein mit sich und andern. Es umfaßt alles, und erlangt alles, und besteht alles, in ihm liegt die wahre Lösung aller Schicksalskarten; es allein ist der Quell aller höherer Begriffe und aller Offenbarung! Denn die Wahrheit im reinsten Stil, nämlich nackt, wie sie aus den Wogen des brausenden Geistmeeres als Anadiomene mit strahlenden Gliedern hervorsteigt, ist diese Humanitas. Doch die Häscher fassen sie, verwicklen ihre freien Glieder in Gewande, die sie vermummt, und legen sie dann faltig aus. Diesen Auslegungen kein Gehör zu schenken, sie zu verneinen durch reines Handlen, keine Macht höher zu stellen als das eigne Gewissen, dies Gewissen so auszubilden, dass es der Spiegel sei des eignen Ichs, alle Macht, allen Muth als die elektrische Gewalt dieses Gewissen in sich zu bewähren - das ist die Aufgabe, des Menschlichseins!"

Die idealtypische Weiblichkeit der Venus Anadyomene aus der antiken Mythologie, als welche die Humanitas in vollendeter Schönheit aus den vormärzlich bewegten Wogen eines gesamteuropäisch 'brausenden Geistmeers' hervorgehen soll, ist hier nur der Köder, mit dem der Kronprinz auch den Auftrag schlucken soll, gegen die Auslegungen seiner Ratgeber vielmehr nach seinem Gewissen zu handeln- im Interesse der unterprivilegierten Armen seines Volks, die für seine Ratgeber allein den Status eines unbequemen Störfaktors besitzen.

Das, worum es Bettine eigentlich geht, das "reine Menschlichsein an sich", ist in ihren Augen weder männlich noch weiblich, sondern schlechterdings absoluter Maßstab integren politischen Handelns in einer Zeit, in der die Auswirkungen der europäischen Wirtschaftsreformen unter diesen unterprivilegierten Armen ein Hungerelend unvorstellbaren Ausmaßes hervorgebracht haben.

Die Entschlossenheit, mit der Bettine nun auf derart absoluten Werten zu insistieren beginnt, sprengt allerdings auch die Tragkraft ihrer Mentorinnenpose und der darin begründeten persönlichen Beziehungen.

1843 gelingt es Bettine gerade noch, eine Friedrich Wilhelm IV. gewidmete Schrift, in der eine an Goethes Mutter modellierte alte "Frau Rat" scharfe Kritik an den sozialen und politischen Missstände in Preußen übt, an der Zensur vorbeizujonglieren - ohne das Buch gelesen zu haben, verfügt der höchst geschmeichelte König seine Freigabe.
Als er das Buch dann aber zur Kenntnis genommen hat, entzieht er Bettine seinen Schutz, und, in die Schusslinie der vormärzlichen Demagogenverfolgung geraten, verliert sie damit auch ihre konkreten Einflussmöglichkeiten.

Ihre später erscheinenden Bücher bleiben ohne Resonanz, die Beziehung zu König Friedrich Wilhelm IV. wird durch die März-Revolution von 1848, in der Bettine sich auf die Seite der Revolutionäre schlägt, endgültig zerstört, aber noch immer experimentiert Bettine in Gedichten und Briefentwürfen an den König mit der Rolle, in der sie sich ihm einst genähert hat - der Rolle einer Frau, die weniger konkret weiblicher Natur als vielmehr eine Allegorie für das Volk war, in dessen Namen Bettine den König umworben hatte:

"Im verworrnen Getümmel, Germaniens Planet zu umkreisen
Suchet ein jeder die Bahn, machen alle sich breit. -
Ihr allein, - Der Einsamen unter den Menschen
Führet ein zärtlicher Gott vorüber Morgen wie Gestern und Heut.
Wann hätte sie Deiner vergessen? -
Und Träume, ein lieblich Geheimnis der Nacht, kommen, zu ihr zu reden,
Sonnenstrahlengetaufte - Die von Des ätherischen Nektars Kräften sich nährt,
Und im schöpfrischen Strahl reifet begeisterte Glut. -
Die zu Dir redet Der Liebenden flehende Sprache,
Deren Seele Der Laut ist Des Volks:
Ach warum traust Du ihr nicht?"

Zu dieser Zeit hatte das Signalement des Weiblichen in Bettines politischer Selbstdarstellung längst jede Affinität zu der aktuellen Problematik weiblicher Emanzipation verloren - und in ihrem letzten Buch zieht Bettine dann auch ästhetisch die Konsequenzen aus der Entwicklung, die sie von der im Zentrum ihrer ersten Bücher stehenden Frauenfrage zum Problem einer politisch verfassten Menschlichkeit an sich geführt hatte.

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