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StartseiteForschung aktuellBiochemische Gedächtnisstütze23.12.2004

Biochemische Gedächtnisstütze

US-Mediziner testen Neurowirkstoff Ampakin

<strong>Neurologie. – Wer schon einmal mit Kindern Memory gespielt hat, wird sich daran erinnern kein Bein auf die Erde bekommen zu haben. Kein Wunder, denn das Arbeitsgedächtnis, also das Kurzzeitgedächtnis, läßt schon nach Beendigung der Schule deutlich nach. Spätestens mit 60 ist es dann mit dem Gedächtnis vorbei. Aus den USA kommt möglicherweise Hilfe. Dort haben erste Studien mit Gedächtnispillen begonnen.</strong>

Nervenzellen bilden weitverzweigte Netzwerke im Gehirn (Universität Antwerpen)
Nervenzellen bilden weitverzweigte Netzwerke im Gehirn (Universität Antwerpen)

In einem kalifornischen Labor leiden Affen im Dienst der Wissenschaft. Nachts bedröhnt sie laute Musik, gleichzeitig laufen Videos auf einem Fernseher und überall im Käfig stand Junkfood herum. Die Affen sollen eine Gedächtnispille testen, die ihnen auch nach einer solchen Prozedur durch einen Gedächtnistest helfen sollte. Den Wirkstoff dieser Pillen - sogenannte Ampakine - hat Gary Lynch von der Universität von Kalifornien entwickelt: "Ampakine docken an die Ampa-Bindungsstelle der Nervenzellen an. Ein eintreffendes Signal aktiviert normalerweise diese Bindungsstelle, die dafür sorgt, dass das eintreffende Signal weitergeleitet wird. Mit dem Ampakin arbeitet sie jedoch weitaus effizienter und kann mehr Signale weiterleiten." Diese höhere Leistung macht sich auch strukturell bemerkbar. Denn im Zentralen Nervensystem kommt es dann zu Umbauten, so daß die Zelle besser mit den benachbarten Neuronen vernetzt wird. Lernen ist nichts anderes als eine solch intensivere Verknüpfung von Nervenzellen.

Für andere Hirnforscher ist dieser künstlich angefachte Verknüpfungsprozess eine Horrorvision, denn damit wird in der komplizierten Maschinerie von Denken und Bewußtsein herumgefuscht. Auch Lynch kennt dieses Problem, denn "Ampakine wirken besonders gut in komplexen Netzwerken. Je komplexer, desto besser arbeiten die Ampakine. Und zufällig ist das Netzwerk von Nervenzellen in unserer Großhirnrinde viel komplexer als im restlichen Gehirn". Daher müssen die Nebenwirkungen des Wirkstoffs genauestens erforscht werden. Für junge Erwachsene hält Lynch die Mittel auf keinen Fall für geeignet, eher für ältere Menschen mit Gedächtnisstörungen, möglicherweise auch Alzheimerpatienten. Lynch: "Unsere Substanz verändert die Kommunikation der Nervenzellen in der Großhirnrinde, so etwas gab es bislang noch nicht. Deswegen wurden zunächst alle Versuche am Menschen mit abgeschwächten Ampakinen gemacht." Die Wirkstoffe wurden im menschlichen Körper binnen Minuten abgebaut. Derzeit wird ein Ampakin mit einer Verweildauer von einem Tag getestet. "Wenn wir alle Daten ausgewertet haben, können wir bald mit weiteren klinischen Studien beginnen und dann endlich mehr darüber erfahren, was Ampakine im menschlichen Körper wirklich verursachen."

Zunächst sollen die Ampakine nur bei sehr bedrohlichen Erkrankungen eingesetzt werden, gegen die es keine anderen Heilmittel gibt. Eine davon ist das so genannte Fragilem-X-Syndrom, eine der häufigsten geistigen Entwicklungsstörungen. Die Betroffenen haben oft einen niedrigen Intelligenzquotienten und leiden unter schweren Lernstörungen. Denn bei ihnen ist die Ampa-Bindungsstelle im Gehirn nur schwach aktiv. Deswegen haben vor kurzem amerikanische Ärzte damit begonnen, Menschen mit Fragilem-X-Syndrom mit Ampakinen zu behandeln. Frühestens in zwei Jahren wollen sie über die Ergebnisse dieser klinischen Studie berichten.

[Quelle: Kristin Raabe]

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