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StartseiteKultur heuteBiografie eines römischen Hauses23.04.2013

Biografie eines römischen Hauses

Die Casa di Goethe in Rom hat ihre Geschichte erforschen lassen

Die Casa di Goethe ist ein Museum in Rom. Von 1786 bis 1788 hat hier Johann Wolfgang Goethe zusammen mit einem Freund während seiner Italienreise gelebt und geschrieben. In einer Publikation wurde die Geschichte dieses Ortes nun aufgearbeitet.

Von Thomas Migge

Johann Wolfgang von Goethe verfasste einen Bericht über seine Italienreise und seinen Aufenthalt in Rom. (AP Archiv)
Johann Wolfgang von Goethe verfasste einen Bericht über seine Italienreise und seinen Aufenthalt in Rom. (AP Archiv)

Via del Corso 18 – Biografie eines römischen Hauses

"Guido Zabban wurde 1943 hier versteckt, und zwar in einem Mezzaningeschoss, von der Portiere, von der mutigen Portiersfrau, die damals hier noch Dienst führte."

Autorina Molinari hieß diese Portiersfrau, die damals, als die Deutschen Rom besetzt hatten, in der Via del Corso Hausnummer 18 arbeitete. In der kleinen Pförtnerwohnung, berichtet Dorothee Hock, Mitarbeiterin in der Casa di Goethe, wohnte sie zusammen mit ihrem Mann und einer Nichte. Am 16. Oktober 1943 ordnete SS-Kommandant Herbert Kappler die Verhaftung aller Juden und ihre Deportation an. Die Familie von Guido Zabban erfuhr von dieser Razzia dank der Freundschaft mit einem faschistischen Parteifunktionär. Während die Ehefrau und die Kinder woanders in Sicherheit gebracht wurden, nahm die Portiersfrau Zabban bei sich auf: In dem Mezzanin unter dem Büroraum des Angestellten Zabban, der Filialleiter einer Mailänder Firma war. Dieses Büro befand sich im ersten Stock des Hauses in der Via del Corso 18, genau dort, wo sich heute das Museum Casa di Goethe befindet. Dorothee Hock:

"In Deutschlands einzigem Auslandsmuseum, genau in den Räumen, in denen wir heute die Büros haben, wurde 1943 ein jüdischer Angestellter versteckt. Insgesamt neun Monate nach der Razzia im Oktober 1943 mussten die meisten Juden sich verstecken. Ohne die Hilfe der Portiersfrau wäre er sicherlich deportiert worden."

5000 Lire, damals viel Geld, hätte Autorina Molinari von den Behörden für die Auslieferung des Juden erhalten, doch sie half und riskierte damit ihr Leben. 2008 wurde die Portiersfrau vom Staat Israel als "Gerechte unter den Völkern" geehrt.

Diese und andere Geschichten hat Dorothee Hock für ihre gerade erschienene lesenswerte Publikation "Via del Corso 18, Rom – Eine Adresse mit Geschichte" recherchiert:

"Das Haus bestand im 16. Jahrhundert noch aus drei Parzellen und ist dann Ende des Jahrhunderts von einem Notar namens Jacopo Scala zu einem stattlichen Palazzo zusammengefasst worden. Danach haben hier Generationen von Handwerkern, Künstlern, Geistlichen, aber immer wieder auch deutsche Künstler gelebt, und ich konnte das in meiner Publikation durch eine Art Chronologie, eine Biographie des Hauses niederlegen."

Sicherlich wäre die Adresse in der Nähe der Piazza del Popolo ein x-beliebiges Wohnhaus geblieben, wenn dort nicht Johann Wolfgang Goethe zusammen mit seinem Freund, dem Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, von 1786 bis 1788 gelebt und geschrieben hätte. Dorothee Hock:

"Die wohnten sozusagen zur Untermiete, das war das Kutscherehepaar Collina, die haben hier eine Art Bed and Breakfast, aber auch mit Abendessen geführt."

In Hocks Hausbiografie passieren viele Persönlichkeiten Revue, darunter Goethe-Zeitgenossen wie der klassizistische Bildhauer Giuseppe Veracchi, der Architekt Pietro Bracci, dessen Familie bis ins 19. Jahrhundert das Haus bewohnte, und auch Paul Heyse. 1877 mietete sich der deutsche Literaturnobelpreisträger im Goethe-Haus ein.

Dorothee Hock recherchierte für ihre Publikation auch den Tod zwei Deutscher in der Via del Corso 18. Im November 1875 nahm ein deutsches Paar in der Pension Casa Goethe ein Zimmer, um sich wenig später das Leben zu nehmen. Der Freitod des preußischen Polizeibeamten Maximilian Schmidt und seiner Freundin, die seine schwangere Stieftochter Luise Münstermann war, sorgte damals in Rom für großes Aufsehen. Hock zitiert in ihrer Publikation den penibel verfassten Abschiedsbrief, mit dem Schmidt die Bezahlung des Gästezimmers und die Entfernung des Gepäcks regelte, sich für die Umstände entschuldigte, die der Selbstmord verursachte, und in dem er darum bat, zusammen mit seiner Luise auf dem protestantischen Friedhof in Rom die letzte Ruhe zu finden – was auch geschah, unter der großen Anteilnahme der römischen Presse und der Bevölkerung.

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