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StartseiteMusikjournalMehr als der Vater zweier Wunderkinder16.09.2019

Biografie über Leopold MozartMehr als der Vater zweier Wunderkinder

Oft wird Leopold Mozart nur als geschäftstüchtiger Vater seiner Kinder Wolfgang und Nannerl wahrgenommen. Eine neue Biografie zu seinem 300. Geburtstag versucht, eine Lanze für ihn als Komponisten zu brechen - und räumt dabei mit einigen Klischees auf.

Von Elisabeth Richter

Ein schwarzweiß Porträt zeigt den Komponisten Johann Georg Leopold Mozart. (picture alliance / dpa / Design Pics / Ken Welsh)
Leopold Mozart stammte aus armen Verhältnissen - arbeitete sich aber aus eigener Kraft hoch (picture alliance / dpa / Design Pics / Ken Welsh)
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"Lange Zeit wird der Komponist Leopold Mozart vor allem als Schöpfer solcher unterhaltsamer Gelegenheitsmusiken wahrgenommen. Lange Zeit gelten Bauernhochzeit, Schlittenfahrt und Kindersinfonie auch als Beweis dafür, dass der musikalische Horizont des Vaters gegenüber dem des genialen Sohnes doch eher eingeschränkt sei. Diese Sichtweise ist aus mehreren Gründen unangemessen."

Natürlich stellt Silke Leopold nicht die Größe von Wolfgang Amadeus Mozart in Zweifel, doch mit Recht holt sie Leopold Mozart aus der Schublade des "Kindersinfonie- oder Schlittenfahrt-Komponisten". Erstens zeigten solche Stücke, so die Autorin, dass Leopold Mozart sich Gedanken mache, für welches Publikum er schreibe, zweitens gehöre der Vater einer anderen Generation an und drittens habe Leopold weit mehr komponiert.

Gerade in der Kirchenmusik Leopold Mozarts gibt es einiges zu entdecken. Silke Leopold versucht eine Lanze für ihn als Komponisten zu brechen. Gewiss, er verstand sein Handwerk, und für ihn spricht auch, dass nicht wenige Werke lange Zeit dem jungen Wolfgang Amadeus fälschlicherweise zugeschrieben wurden. Allerdings haben etwa seine Altersgenossen Carl Philipp Emanuel Bach oder Christoph Willibald Gluck einen stärkeren Personalstil.

Leopold Mozart gelingt gesellschaftlicher Aufstieg

Kirchenmusik, Sinfonien, Konzerte, Kammermusik, Lieder und mehr, vieles von Leopold Mozart ist verschollen. Trotzdem vermisst man in Silke Leopolds Biografie ein Werkverzeichnis. Dafür gibt es eine recht umfangreiche Bibliografie, die Quellen, Noteneditionen und Sekundärliteratur auflistet, sowie eine ausführliche Zeittafel.

Die Lebensstationen des am 14. November 1719 in Augsburg geborenen Künstlers erzählt Silke Leopold chronologisch in sieben Kapiteln. Sie tragen programmatische Überschriften wie "Der Sohn des Buchbinders", "Der Komponist", "Der Schriftsteller" und – am umfangreichsten - "Der Wegbereiter" für die Karriere seines Sohnes Wolfgang.

Die Schwester Nannerl, Wolfgang Amadeus Mozart und der Vater Leopold (l-r) auf einem Gemälde, das im Salzburger Geburtshaus des Komponisten hängt, aufgenommen 1956. (picture-alliance / dpa / Georg Goebel)Leopold Mozart gab das Komponieren auf, um seine Kinder Nannerl, und Wolfgang zu fördern (picture-alliance / dpa / Georg Goebel)

"Vor allem aber ist er es, der die außergewöhnliche Begabung seiner Kinder als Erster entdeckt und beide, das ältere Mädchen wie den jüngeren Knaben, nach Kräften fördert. Von Dressur oder gar der üblichen Erziehungsmethode, die unter dem Namen »Kinderzucht« (samt dazugehöriger Züchtigung) auch in der Mitte des 18. Jahrhunderts allgegenwärtig ist, hält Leopold Mozart wenig."

Spannend ist die Zielstrebigkeit, mit der Leopold Mozart sein Leben und das seiner Kinder gestaltet. Dabei stellt Silke Leopold diesen bemerkenswerten Lebenslauf in den zeitgeschichtlichen Kontext. Zwar holt sie zuweilen ein bisschen arg weit aus, etwa zu Beginn des Buches mit der Darstellung der Geschichte Augsburgs – unter anderem des jahrhundertealten Konfessionsstreits, der Bedeutung der Fugger, des Schulwesens und mehr. Man wartet, endlich etwas über den "Titelhelden" des Buches zu erfahren. Erst später versteht man, dass Leopold Mozarts lebenslange Auseinandersetzung mit den Religionen, seine Offenheit als gläubiger Katholik gegenüber Anhängern anderer Konfessionen auch aus der Geschichte seiner Heimatstadt herrührt.

Für breite Leserschaft geschriebenes Buch

Vor allem fasziniert Leopold Mozarts gesellschaftlicher Aufstieg. Er kommt aus ärmeren Verhältnissen, sein Vater ermöglicht ihm Schulbildung und Studium, schon als Kind spielt er in Theater-Aufführungen. Aber er verlässt Augsburg und baut sich in Salzburg eine Musiker-Karriere auf, verfasst eine bis heute beachtete "Violinschule" und gibt das Komponieren auf, um seine "Wunderkinder" Nannerl und Wolfgang auf Konzerttourneen durch Europa bekannt zu machen. Dabei hat er eine gewinnende und geschäftstüchtige Art. Ob Wien, Paris oder London, Leopold Mozart erreicht in kürzester Zeit Audienzen bei Kaisern und Königen.

Stilistisch hat sich Silke Leopold für eine leicht zu lesende Sprache entschieden. Sie – und natürlich der Bärenreiter Verlag - wenden sich mit dieser Biografie auch an eine nicht musikwissenschaftlich gebildete, breitere Leserschaft. Auflockernd zu einigen etwas anspruchsvolleren Werkanalysen wirken manche boulevardesken Briefzitate. Leopold Mozart lässt sich auf den langen Reisen auch über Mode oder über hübsche und weniger hübsche Damen aus. Vom Reiseungemach gibt es anschauliche Beschreibungen.

"Wir musten also um 2. Stunden eher das Mittagmahl einnehmen, bis das Rad wieder in Ordnung war: allein der Ort war schlecht, in einem Wirthshause wo nur fuhrleute füttern, saßen wir auf ... auf ströhenen Sesseln ... da bekamen wir ein klein elendes Tischchen hin,... Die Thüre war beständig offen, darum hatten wir sehr oft die Ehre, daß uns die Schweine einen Besuch abstatteten und um uns herum gruntzten."

Weniger bekannt ist, dass Leopold Mozart ein aufklärerischer Geist war, er stand etwa in Kontakt mit Friedrich Melchior Grimm oder Christian Fürchtegott Gellert.

Keineswegs einsam und verbittert

Seine letzten Lebensjahre machen nachdenklich. Der Vater verwindet nicht, dass der Sohn eigene Wege geht. Silke Leopold belegt an Briefen, dass das Verhältnis nur an der Oberfläche aufrechterhalten wird, in Wirklichkeit aber zerrüttet ist. Die Kinder seines Sohnes Wolfgang interessieren den Großvater im Grunde nicht. Mit Passion widmet er sich aber der Erziehung eines Sohnes seiner Tochter Nannerl.

Leopold Mozart habe aber keineswegs, so die Autorin, einsam und verbittert in Salzburg gelebt - wie oft klischeehaft dargestellt -, sondern weiter interessiert und aufmerksam gesellschaftliche Zusammenhänge beobachtet. Ein Geistlicher beschreibt Leopold Mozart nach seinem Tod am 28. Mai 1787 als einen "Mann von vielen Witz und Klugheit ...". Silke Leopold resümiert:

"Hier starb nicht nur ein Musiker, der mehr als vierzig Jahre lang in der Salzburger Hofkapelle Dienst getan hatte; hier starb auch ein Mann, dessen Interessen weit über die Musik hinausreichten, der belesen und gebildet, weltmännisch und kultiviert gewesen war, der die Welt bereist und bei Kaisern und Königen zu Gast gewesen war – und dennoch jemand, mit dem der Umgang nicht leicht gefallen war."

Silke Leopold: Leopold Mozart. "Ein Mann von vielen Witz und Klugheit". Eine Biografie. Bärenreiter-Verlag, Augsburg 2019. 29,99 Euro.

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