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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturEin prägender Revolutionsführer, über den man wenig weiß15.03.2021

Biographie über Ayatollah KhomeiniEin prägender Revolutionsführer, über den man wenig weiß

Bücher über den Iran werden im deutschsprachigen Raum eher selten veröffentlicht. Jetzt gibt es die erste deutschsprachige Biographie über Ayatollah Khomeini, verfasst von der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur. Der Revolutionär hat die islamische Welt verändert und geprägt. Und doch ist erstaunlich wenig über ihn bekannt.

Von Ina Rottscheidt

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Das Buch von Katajun Amirpur "Khomeini. Der Revolutionär des Islam. Eine Biographie" neben einer iranischen Flagge (Buchcover C.H.Beck Verlag / Hintergrund Imago/xblickwinkel/McPHOTO/K.xSteinkampx)
Das Konterfei der Islamischen Revolution: Ayatollah Ruhollah Khomeini (Buchcover C.H.Beck Verlag / Hintergrund Imago/xblickwinkel/McPHOTO/K.xSteinkampx)
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Es ist der 1. Februar 1979: Ayatollah Ruhollah Khomeini kehrt aus dem Pariser Exil nach Teheran zurück. Am Flughafen und in den Straßen wird er von jubelnden Massen empfangen. Zwei Wochen zuvor hatte der verhasste Schah, der in den Augen vieler Iraner nur eine Marionette Washingtons gewesen war, das Land verlassen. Jetzt hofften sie auf Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit.

"Vielen in Iran erschien Khomeini wie der erwartete Mahdi, der verborgene Imam, der nun aus der Entrückung des Exils zurückkehrte. Jeder erwartete die Erfüllung seiner Wünsche und Träume. ‚Du bist meine Seele, Khomeini‘, hallte es durch die ganze Stadt."

Doch diese Hoffnung wird schnell enttäuscht. Entgegen seiner Ankündigungen greift Khomeni nach der Macht und treibt die Installation einer Theokratie voran. Opposition gilt fortan als Abfall vom Glauben, alle gesellschaftlichen Bereiche von der Bildung bis zum Rechtssystem werden sukzessive islamisiert.

Geplante Täuschung oder Fügung?

Bis heute haben Wissenschaftler keine eindeutige Antwort auf die Frage, ob Khomeini die Öffentlichkeit bewusst täuschte, als er noch aus dem Exil heraus die Übernahme eines politischen Amtes ausschloss. Oder ob er angesichts der auseinanderdriftenden politischen Kräfte nach 1979 glaubte, einzugreifen zu müssen.

"Ich glaube, ein wichtiger Punkt war, dass sich nach 1979 die verschiedenen Fraktionen nicht einig wurden, wie säkular, wie demokratisch, wie weltlich oder nicht weltlich das System sein soll, welche Rolle da die Religion spielen soll."

Die deutsch-iranische Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur ist überzeugt: Die Utopie von einer geistlich geprägten Politik hatte Khomeini immer:

"...aber ich glaube, er hat das selber auch als unrealistisch eingeschätzt, dass es dazu überhaupt kommen könnte. Und vielleicht ist es dann irgendwann durch die Ereignisse so gekommen, dass er sich dachte: 'Das scheint ja wirklich zu klappen'."

Iranian students walk past a mural outside former US embassy during a demonstration marking the 31th anniversary of US Embassy takeover in Tehran, Iran, 04 November 2010. The rally marks the 31th anniversary of the occupation of the US embassy in Tehran and the 'day of national confrontation against World Imperialism'. Iranian students occupied the embassy on 04 November 1979 after the US granted permission to the late Iranian Shah to be hospitalised in the US. Fifty-three American diplomats and guards were held hostage by students for 444 days. EPA/ABEDIN TAHERKENAREH | (EPA) (EPA)Die Revolution von 1979 - "Der Islam ist die Lösung"
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Einsiedler, Dichter, Herrscher

Katajun Amirpur hat ein Buch geschrieben über diese Ereignisse von damals, die Revolution, die eigentlich erst nach 1979 eine "Islamische Revolution" wurde, vor allem aber über die Person Khomeinis. Bis heute ist das Bild von dem stets grimmig guckenden Ayatollah mit dem langen Bart und dem Turban im Iran präsent. Doch über den Menschen dahinter ist wenig bekannt, auch weil Khomeini um seine Person nie viel Aufhebens machte und zurückgezogen lebte.

Umso überraschender liest es sich in der Biografie, dass Khomeini trotz seiner emotionslosen Art, seiner unnachgiebigen Haltung und seines brutalen Vorgehens gegen die, die er als Feinde des Islams identifizierte, ein empfindsamer Dichter war, der Liebesgedichte schrieb. Ein frommer und asketischer Mann war er und eine widersprüchliche Persönlichkeit:

"Er war sehr hart gegenüber seiner Umwelt, auch gegenüber sich selbst: Als man ihm sagte, dass sein Sohn vermutlich durch ein Attentat umgekommen ist, hat er keine Träne vergossen. Er hat nur gesagt: 'Wir kommen von Gott und zu Gott kehren wir zurück. Und jetzt alle an die Arbeit!'. Auf der anderen Seite gibt es Berichte darüber, wie lieb und kinderfreundlich er war, es gibt Fotos, wo er mit seinen Enkeln spielt und die Enkel auf ihm rumhopsen. Seine Enkel, die ja noch leben, berichten auch, dass er ein sehr warmherziger großzügiger Großvater gewesen sein soll. Er hatte auch eine sehr familiäre Seite."

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Die Stellung der Frau im Iran

Auch die im Iran bis heute herrschende frauenfeindliche Gesetzgebung steht im krassen Gegensatz zu seinen persönlichen Prägungen. Als politischer und geistiger Führer postulierte Khomeini, Frauen hätten im öffentlichen Raum nichts zu suchen. Bis heute degradiert die im Iran geltende Scharia sie zu Menschen zweiter Klasse. Dabei wuchs der junge Ruhollah, nachdem sein Vater ermordet wurde, bei seiner Mutter und seiner Tante auf: zwei äußerst emanzipierten Frauen.

"Khomeinis Meinung, wie sie in vielen öffentlichen Äußerungen jener Jahre hervortritt, ist [...] umso erstaunlicher, als er von einer Mutter großgezogen wurde, der eine starke Persönlichkeit nachgesagt wird und die sich durchaus nicht scheute, den öffentlichen Raum zu betreten, als es zum Beispiel darum ging, Gerechtigkeit für ihren Mann zu fordern. […] Auch der Werdegang seiner drei Töchter scheint nicht unbedingt nahezulegen, dass Khomeini ein Verfechter der Idee war, dass Frauen hinter den Herd gehören. Zwei von ihnen sind Universitätsprofessorinnen."

Kohmeini starb am 3. Juni 1989 nach einem Herzanfall. Seine Beisetzung geriet zu einem Massenspektakel, das außer Kontrolle geriet; das aber auch illustriert, wie groß die Verehrung für ihn war:

"Millionen versuchten den Sarg zu erreichen, Dutzende sollen im Gedränge ums Leben gekommen sein. Die Trauernden zerrten so sehr an dem Leichentuch, dass der Leichnam zu Boden fiel. Er wurde dann per Hubschrauber zum Friedhof […] transportiert. Noch Tage nach Khomeinis Tod zählte man Tausende am Grab, wo später das Mausoleum errichtet wurde."

Khomeini war eine charismatische Figur – das müssen ihm selbst seine Kritiker zugestehen.

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Das politische Erbe

Katajun Amirpur hat jetzt die erste umfassende Biografie über ihn auf Deutsch vorgelegt. Dabei verzichtet sie auf Bewertungen. Spannend und faktenreich erzählt sie von seiner frühen religiösen Prägung, sie stellt seine wichtigsten Lehrer und Weggefährten vor und erklärt, wie er den schiitischen Islam revolutionierte, weil er erstmals die Einheit von politischer und religiöser Führung, das Konzept von der "Herrschaft des Rechtsgelehrten" in die Praxis umsetzte.

Khomeinis politisches Erbe wirkt bis heute nach, auch wenn die Mehrheit der Iraner so jung ist, dass sie keine Erinnerungen mehr an ihn hat. Für sie ist er ein Mann aus den Geschichtsbüchern, der den Grundstein für das Land legte, in dem sie in Unfreiheit leben. Das heute geprägt ist durch Machtmissbrauch, Korruption, Arbeitslosigkeit und ein schwieriges Verhältnis zum Westen.

Viele seiner damaligen Weggefährten gehören heute der Opposition an. Sie sagen: Ein solches System habe Khomeini nicht im Sinn gehabt. Würde er noch leben, würde er die Machthaber verurteilen. Am Ende – auch das ist in dem Buch nachzulesen – sind Khomeini die politischen Entwicklungen entglitten. Die Revolution fraß ihre eigenen Kinder.

Katajun Amirpur: "Khomeini. Der Revolutionär des Islam". Eine Biographie,
Verlag C.H. Beck, 352 Seiten, 26,95 Euro.

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