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StartseiteForschung aktuellDie vielen Sinne der Fledermaus23.07.2014

BiologieDie vielen Sinne der Fledermaus

Die Wahrnehmung von Fledermäuse hält für die Forschung immer wieder Überraschungen bereit. Die Tiere können nicht nur sehr gut hören, eine Art, das Große Mausohr, kann auch polarisiertes Licht sehen. Seine Fähigkeit nutzt das Tier, um einen weiteren ungewöhnlichen Sinn zu kalibieren: seinen eingebauten Kompass.

Von Jochen Steiner

Eine Fledermaus der Art Großes Mausohr wird in der Hand gehalten. (picture alliance / dpa / Matthias Bein)
Das Große Mausohr nutzt zur Orientierung viele verschiedene Sinne (picture alliance / dpa / Matthias Bein)
Weiterführende Information

Artenvielfalt - WG mit der Fledermaus (Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 25.04.2014)

Viren in Fledermäusen (Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 25.04.2012)

Das demokratische Verständnis der Fledermäuse (Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 20.04.2011)

Wenn das Große Mausohr auf die Jagd nach Insekten geht, dann bekommen die meisten Menschen davon nichts mit, denn die Fledermäuse flattern im Dunkel der Nacht umher. Dabei rufen sie fortlaufend im Ultraschallbereich, um sich zu orientieren und die umherfliegende Beute zielsicher zu schnappen. Die Laute sind für die meisten menschlichen Ohren zu hoch, doch spezielle Fledermaus-Detektoren können sie in hörbare Signale umwandeln:

Das Große Mausohr ist eine der größten Fledermausarten Europas, mit einer Flügelspannweite von etwa 40 Zentimeter. Und es besitzt eine weitere besondere Eigenschaft: Das Große Mausohr kann das Magnetfeld der Erde wahrnehmen und sich daran orientieren.

Das Große Mausohr hat einen inneren Kompass

"Ein Kollege von mir hat da Versuche dazu gemacht und hat vor ein paar Jahren herausgefunden, dass die ihren Magnetsinn kalibrieren und das Ganze bei Sonnenuntergang machen. Und darauf dachten sie: Wahrscheinlich liegt es an der Position der Sonne. Und im darauffolgenden Jahr haben sie nochmals versucht, das ganze zu wiederholen, um das herauszubekommen, ob es wirklich am Sonnenuntergang lag. Hat aber nicht funktioniert. Und dann bleibt wenig über, was für Sinnesmöglichkeiten könnten noch zur Verfügung stehen bei Sonnenuntergang, und darauf sind wir dann auf die Polarisation gekommen."

Stefan Greif arbeitet am Max Planck-Institut für Ornithologie im bayerischen Seewiesen. Seit gut zehn Jahren erforscht er die Sinnesleistungen der Fledermäuse.

Um herauszubekommen, ob das Große Mausohr tatsächlich die Polarisation des Abendlichts, also die Schwingungsrichtung der Lichtwellen, nutzt, um seinen Magnetsinn einzunorden, fingen die Biologen 70 Weibchen vor deren Schlafhöhle ein. Sie setzten die Tiere während der Abenddämmerung einzeln in kleine Boxen mit Polarisationsfiltern, die das Polarisationsmuster bei Sonnenuntergang nachahmten. Dabei teilten sie die Fledermäuse in zwei Gruppen.

"In der einen Gruppe hatten wir das um 90 Grad verschoben, und bei der anderen in der natürlichen Ausrichtung gelassen und haben die Tiere dann 20 Kilometer weggebracht von ihrer Höhle und haben sie dann wieder losfliegen lassen, um zu gucken, in welche Richtung fliegen die dann nach Hause."

Der Wunsch, in die Höhle zurückzukehren war groß, denn dort wartete der Nachwuchs auf die Weibchen.

"Also wir konnten sehen, dass die Tiere wirklich das Polarisationsmuster des Himmels nutzen, um ihren Magnetsinn zu kalibrieren. Und wenn wir den um 90 Grad gedreht haben, dann hat sich deren Magnetwahrnehmung auch um 90 Grad gedreht. Und dadurch sind sie 'falsch abgeflogen', woraus wir schließen, dass dies das Signal ist, an dem sie ihren Magnetsinn ausrichten."

Kompass-Kalibrierung mit polarisiertem Licht

Der um 90 Grad gedrehte Polarisationsfilter führte die Hälfte der Fledermaus-Weibchen in die Irre. Er war aber auch der Beleg für die Forscher, dass sie mit ihrer Vermutung richtig lagen. Spätestens in der darauffolgenden Nacht kehrten die in die Irre geführten Fledermäuse übrigens auch wieder zur Höhle zurück, in der die andere Hälfte der Versuchstiere bereits hing.

Bei einer Frage tappen die Biologen aber noch im Dunkeln: "Wir haben überhaupt keine Ahnung, wie die das wahrnehmen können." Hier seien weitere Studien nötig, so Stefan Greif, damit eines Tages der Magnetsinn der Fledermäuse ebenso gut erforscht ist wie die Echo-Ortung:

"Die Echo-Ortung ist eher ein Sinn, der für die kurze Distanz zuständig ist. Mit dem können sie, je nach Art, 10 bis 50 Meter "sehen". Und wenn es dann über größere Distanzen geht, um sich zu orientieren, da kommen dann andere Sinnessysteme ins Spiel, wie zum Beispiel jetzt der Magnetsinn oder bei manchen Arten vielleicht auch der Sehsinn."

Jetzt wollen Greif und sein Team erst einmal ihren Versuch wiederholen und dann bei anderen Fledermausarten testen, ob sie sich mithilfe des Magnetsinns orientieren und diesen anhand der Polarisation des Abendlichts kalibrieren.

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