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StartseiteForschung aktuell"Für den Artenschutz ist der Verlust der Tiere eine Katastrophe"02.01.2020

Biologin des Krefelder Zoos"Für den Artenschutz ist der Verlust der Tiere eine Katastrophe"

Für die Zucht bedrohter Arten sei der Tod der Krefelder Affen eine Tragödie, sagte die Biologin Petra Schwinn vom Krefelder Zoo im Dlf. Einige der gestorbenen Tiere seien für Nachzucht-Pläne vorgesehen gewesen. Die Orang-Utan-Gruppe sei zudem eine der wichtigsten Zoo-Populationen weltweit gewesen.

Petra Schwinn im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Das erst drei Tage alte und noch namenlose Orang-Utan Baby klammert sich am 07.12.2016 im Zoo in Krefeld (Nordrhein-Westfalen) an seine Mutter Lea. (dpa)
Ende 2016 gab es noch Nachwuchs bei den Orang-Utans in Krefeld (dpa)
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Lennart Pyritz: Bei dem Feuer im Affenhaus des Krefelder Zoos waren in der Silvesternacht mehr als 30 dort untergebrachte Tiere ums Leben gekommen. Hätte man das durch eine rechtzeitige Evakuierung verhindern können?

Petra Schwinn: Im Menschenaffen-Haus lebten Menschenaffen, die zu den sehr gefährlichen Tieren gehören in der Einstufung in einem Zoo, das heißt also auch unter besonderen Sicherheitsvorkehrungen untergebracht sind. Und es ist selbst im Normalfall kaum möglich, einen Menschenaffen aus einem Haus in ein anderes zu transportieren, ohne Narkose oder entsprechende Sicherheitsmaßnahmen, das heißt, eine Evakuierung von zehn Menschenaffen in kurzer Zeit ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Und das Zweite ist natürlich auch, dass der Brand extrem schnell ausgebrochen ist und auch sehr schnell durchgezündet hat, das heißt, beim Eintreffen der Feuerwehr herrschten vermutlich schon Temperaturen von weit über 500 Grad.

Pyritz: Hätten die Tiere ein Außengehege erreichen können?

Schwinn: Grundsätzlich ist fraglich, ob ein Außengehege eine Möglichkeit der Evakuierung geboten hätte, denn wir haben Winter und die Tiere wären über Nacht sicherlich in den Innengehegen gewesen. In der Regel ist es so, dass solche Schiebesysteme natürlich aus dem Innenbereich bedient werden, das Hin-und-Herschicken der Tiere geht nur über elektronische oder hydraulische Schieber, die von den Pflegern bedient werden müssen, und zur Zeit des Brandes hätte auch ein Tierpfleger das Haus nicht mehr betreten können.

Die Reste des abgebrannten Affenhauses. (Revierfoto)Das Affenhaus nach dem Brand, bei dem über 30 Affen gestorben sind. (Revierfoto)

Pyritz: Bei diesem Brand sind viele Tiere, viele Vertreter bedrohter Arten gestorben, Menschenaffen wie Orang-Utans und Gorillas, aber auch Goldene Löwenäffchen, die die Weltnaturschutzunion IUCN auch als stark gefährdet einstuft. Was bedeutet jetzt so ein Unglücksfall wie der bei Ihnen im Krefelder Zoo für den Artenschutz?

Schwinn: Für den Artenschutz und natürlich auch unsere Zusammenarbeit in den Zuchtprogrammen weltweit ist der Verlust dieser seltenen Tiere eine Katastrophe, denn gerade bei so bedrohten Tierarten wie Goldene Löwenäffchen oder auch bei den Orang-Utans und Schimpansen gibt es teilweise nur wenige hundert bis wenige tausend Exemplare in der freien Wildbahn und in Zoos, und jedes Individuum ist wichtig für den Fortbestand dieser seltenen Art. Von daher ist der Verlust nicht zu beziffern und wirklich die größte Tragödie.

Paare werden teils weltweit zusammengestellt

Pyritz: Sie haben jetzt schon diese internationalen Zuchtprogramme erwähnt, die es für bedrohte Arten gibt, um deren Bestand zu schützen, können Sie ganz kurz einmal skizzieren, wie diese Programme organisiert sind?

Schwinn: Die Zoos arbeiten europaweit, teilweise weltweit zusammen, um bestimmte bedrohte Tierarten nachhaltig in Zoos zu erhalten, das heißt, eine stabile, gesunde Zoopopulation aufzubauen, um Tiere zu haben, die man unter Umständen perspektivisch auswildern kann. Das bedeutet aber, dass man sehr genau darauf achten muss, dass die Tiere eben keine Inzucht irgendwann über die Jahre oder Jahrzehnte bekommen. Das heißt, es werden Paare zusammengestellt, und es wird genau geplant, wer sich mit wem fortpflanzen darf, und es wird auch darauf geachtet, dass es keine Tiere gibt, die überzählig sind, und da dann die Zucht gesteuert ist. Es ist also wirklich eine Art Management des Nachwuchses für zukünftige Generationen.

Pyritz: Das heißt, unter den Tieren, die da jetzt gestorben sind bei dem Brand, waren Tiere, die eigentlich noch für diese Zuchtprogramme vorgesehen oder eingeplant waren.

Schwinn: Ganz aktuell hatten wir gerade ein neues Silberäffchen-Paar zusammengestellt, und wir hatten ein neues Paar Goldene Löwenäffchen, die alle noch aktiv für das Zuchtprogramm eingeplant waren. Und unsere Orang-Utan-Gruppe gehört zurzeit auch mit zu einer der größten und jüngsten Orang-Utan-Gruppen in einem Zoo, sodass da wirklich aktive Nachzucht betrieben worden ist und wichtige Teile dieser Zuchtprogramme jetzt auch weggebrochen sind, ja.

"Der Krefelder Zoo wird immer Teil dieser Zuchtprogramme bleiben"

Pyritz: Wenn man da zumindest schon mal einen vorsichtigen Blick in die Zukunft wagt, welche Herausforderungen bringt das denn jetzt für einen Tiergarten mit sich, wieder Teil solch eines Zuchtprogramms oder dieser Zuchtprogramme zu werden?

Schwinn: Der Krefelder Zoo wird immer Teil dieser Zuchtprogramme bleiben, auch wenn wir aktuell keine Vertreter dieser Tierarten bei uns im Zoo halten. Aber sobald wir uns entscheiden, dass wir ein neues Menschenaffen-Haus bauen – wie auch immer das aussehen mag, das steht noch in den Sternen –, haben wir jede Chance, als etablierter und wissenschaftlich geführter Zoo wieder an Tiere zu kommen und neue Gruppen aufzubauen.

Kerzen, Blumen und Zettel liegen im Krefelder Zoo zum Gedenken an die gestorbenen Affen. (Revierfoto)Der Tod der Affen hat deutschlandweit für Bestürzung gesorgt (Revierfoto)

Pyritz: Lassen Sie uns zum Schluss noch kurz auf die öffentliche Trauer, die öffentliche Anteilnahme nach diesem Brand blicken: Der Zoodirektor ist schwarz gekleidet aufgetreten, Menschen haben geweint und Blumen, Fotos und Kerzen am Unglücksort niedergelegt. Was verursacht diese öffentliche Anteilnahme, spielt da vielleicht auch die verwandtschaftliche Nähe zwischen Mensch und den betroffenen Tieren, also den Menschenaffen insbesondere eine Rolle, die Tatsache, dass uns diese Tiere doch sehr ähnlich sind?

Schwinn: Die Anteilnahme, die uns zurzeit überrollt, ist wirklich bemerkenswert, denn wir kennen das natürlich von Todesfällen bei Menschen oder auch schweren Unfällen, wo dann Menschen betrauert werden. Aber es ist, glaube ich, so, dass die Menschenaffen eben doch eine besondere Bindung zu den Besuchern aufbauen und umgekehrt, sodass man weiß, man besucht eine Persönlichkeit. Und das ist auch sehr zu spüren, dass wir E-Mails bekommen von Menschen oder die kommen hier vorne zu uns zum Zoo und betrauern tatsächlich bestimmte Tierindividuen. Was ich mir jetzt wünschen würde für die Zukunft, ist, dass dieses Bewusstsein für das Tierindividuum auch noch länger anhält, dass man sich auch klar ist, dass tagtäglich diese seltenen Tierarten in der freien Natur sterben. Und vielleicht kann das auch einen Bewusstseinswandel ergeben bei den Menschen, auch sich für diese bedrohten Tiere in der freien Wildbahn einzusetzen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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