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StartseiteCorsoSchützengraben als Inspiration?18.06.2019

Biopic über J. R. R. TolkienSchützengraben als Inspiration?

Der Schöpfer des "Hobbit" und des "Herrn der Ringe" , J. R. R. Tolkien, war im Ersten Weltkrieg Fernmelde-Offizier in der Britischen Armee. Er überlebte im Jahr 1916 die Schlacht an der Somme. Das Biopic "Tolkien" erzählt dieses Ereignis als Initialzündung seines literarischen Werkes.

Von Hartwig Tegeler

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Ein Drache speit Feuer (imago / Prod. DB)
Die tödlichen Waffen des Ersten Weltkrieges: Bei Tolkien erscheinen sie als Drachen (imago / Prod. DB)
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Am Anfang das Grauen, der Strudel von Krieg und Chaos. Erster Weltkrieg. J. R. R. Tolkien ist Fernmeldeoffizier. Schwer verletzt überlebt er 1916 die Schlacht an der Somme. Und in den Tag- oder auch Wahnträumen des zukünftigen Schriftstellers, verwundet im Schlamm der Schützengräben liegend, erheben sich aus den Nebelschwaden des Giftgases der Schlacht die Nazgul, die bösen fliegenden Drachen aus dem "Herrn der Ringe". Immer wieder schneidet Dome Karukoski in "Tolkien" zurück an die Somme.

Kriegsgrauen als Inspiration?

Ist das Kriegsgrauen alleinige Quelle, ist es das entscheidende psycho-phantastische Material für den Schriftsteller Tolkien, das sich später im "Hobbit" und im "Herrnder Ringe" verdichtet zur Fantasy-Erzählung über die Auflösung der Welt und den Absturz des dichterischen Ortes "Mittelerde" in Krieg und Chaos? Wenn er so einfach wäre, der Blick auf Dichtung und Wahrheit, wie Dome Karukoski ihn in "Tolkien" anbietet.

Immerhin begann J. R. R. Tolkien, von dessen Kindheit, Jugend und frühen Erwachsenenjahren diese Filmbiographie erzählt, ja gerade im Ersten Weltkrieg, seine Mythologie zu erschaffen. Die ersten Versuche als Schriftsteller stammen aus dieser Zeit 1914-1918, ebenso wie die Anfangs-Entwürfe seiner "elbischen" Sprache. Aber reicht das als Argument? Immerhin wurden der "Hobbit" und der "Herr der Ringe" erst mehrere Jahrzehnte später fertig gestellt.

"Der Autor selbst kann es nicht."

Nach der Veröffentlichung des großes Epos´gab Tolkien folgende Einschätzung ab, die wie ein prophetischer Kommentar zu Dome Karukoskis Film gehört werden darf:

"Ich habe etwas gegen diese moderne Tendenz in der Kritik mit ihrem übertriebenen Interesse an den Einzelheiten aus dem Leben von Schriftstellern und Künstlern. Sie lenken nur die Aufmerksamkeit vom Werk eines Autors ab. Aber nur der Schutzengel eines Autors, vielleicht sogar nur Gott selbst könnte die wahre Beziehung zwischen den persönlichen Lebensumständen und den Werken eines Autors aufdröseln. Der Autor selbst kann es nicht (obwohl er mehr weiß als jeder Nachforschende), und ein sogenannter 'Psychologe' schon gar nicht."

Sprach-Besessenheit des Jung-Philologen

Eben in diesem Tolkienschen Sinn, wenn es um den Bezug von Leben und Werk des Schriftstellers geht, macht es sich das Biopic "Tolkien" zu einfach, weil die Szenen aus dem Schützengraben eben ziemlich wirkungsmächtig die Aura des ganzen Films prägen.

Andere Passagen hingegen mögen weniger spektakulär sein, überzeugen aber mehr, wenn es beispielsweise um die Sprach-Besessenheit des Jung-Philologen Tolkien geht, mit der er bei seinem alten Oxforder Professor begeistertes Gehör findet: "Ich habe eigene erfunden. Ich erfand Geschichten, Legenden. Denn wozu dient Sprache? Doch nicht nur zum Benennen von Dingen. Sie ist das Lebensblut einer Kultur. Eines Volkes. - Ja, ganz richtig."

"Erzähl mir eine Geschichte!"

Die schönsten Szenen in diesem Film aber sind die zwischen Tolkien, Nicolas Hoult spielt ihn, "Erzähl mir eine Geschichte!" und seiner später Frau Edith Bratt - "Was?" – entzückend, in fast elfenhafter Anmutung: Lily Collins –, wenn sie  - "Die Geschichte"  - den späteren Schriftsteller sozusagen verlockt - "von Tannentor! - Das kann ich nicht. - "Warum nicht?"- ins Fabulieren, in das literarische Erzählen, das Entwerfen einer Welt, einzutreten:"Tannentor ist ein Ort, ein sehr alter Ort, den man nicht erreichen kann, außer über einen tückischen Aufstieg. Eine Weihstätte, und in deren Zentrum stehen … - Ja? - … Bäume."

Zwiespältiger Eindruck

Herrlich auch, wenn J. R. R. und Edith sich die Karten für eine von Edith so geliebte Wagner-Inszenierung nicht leisten können und heimlich in der Requisite der Oper in wundervollen Verkleidungen imaginäre Ritter-, Königinnen- und Helden-Abenteuer bestehen.

Doch Dome Karukoskis Biopic "Tolkien" hinterlässt am Ende einen zwiespältigen Eindruck. Dass das Werk direkter Ausdruck der Biographie des Künstlers is, das bleibt ein zu einfacher Blick auf Tolkien. Auch wenn es für einen Filmemacher verführerisch ist, seine Hauptfigur, delirierend im Weltkrieg-I-Schützengraben, Drachen aus dem späteren Weltbestseller herbei phantasieren zu lassen.

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