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StartseiteKalenderblattBis heute unaufgeklärt30.11.2009

Bis heute unaufgeklärt

Vor 20 Jahren: Alfred Herrhausen fällt einem Bombenanschlag der RAF zum Opfer

Am 30. November 1989 ermordete die RAF in Bad Homburg den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, mit einer Sprengfalle. Bis heute ist keiner der Täter des "Kommandos Wolfgang Beer", die den einflussreichen und politisch engagierten Bankier umbrachten, gefasst.

Von Oliver Tolmein

Das völlig zerstörte Auto von Alfred Herrhausen am Tatort des RAF-Anschlags in Bad Homburg. (AP)
Das völlig zerstörte Auto von Alfred Herrhausen am Tatort des RAF-Anschlags in Bad Homburg. (AP)

Die Zeiten waren bewegt in diesem Deutschen Herbst 1989. Die staatssozialistische DDR erlebte ihr Ende. International zeichneten sich große Umwälzungen ab, mit dem Niedergang des Warschauer Paktes schien die Konfrontation der beiden großen Blöcke überwunden. Die Staaten der Dritten Welt suchten verzweifelt einen Ausweg aus der Schuldenkrise. Da schlug in der Bundesrepublik die RAF nach drei Jahren Anschlagspause wieder zu. Am 30. November 1989 ermordete ein "Kommando Wolfgang Beer" den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, mit Hilfe einer Sprengfalle.

"Es hat eine schwere Erschütterung gegeben so gegen 8:30 Uhr, dann haben wir eine schwarze Wolke gesehen, darauf sind wir hochgelaufen und haben dann gesehen, wie der Mercedes da total zerstört gestanden hat, der ist halt in die Luft geflogen."

Herrhausen war zu dieser Zeit einer der am besten geschützten Menschen der Republik. Aber gegen die durch eine Lichtschranke ausgelöste Sprengladung, deren Explosionsdruck durch eine Art Kupfertrichter auf die Wagentür konzentriert wurde, hinter der Herrhausen saß, hatten er und sein Begleitschutz keine Chance. Das Bundeskriminalamt war ratlos:

"Wir wissen nur so weit, dass der Sprengsatz abgelegt war neben dem Straßenrand und dass der Wagen vorbeifuhr und in voller Fahrt praktisch getroffen wurde vom Sprengsatz, wir wissen nur, dass es kein militärisches oder sonst wie Gerät war, sondern selbst hergestellt, aber wie und aus welchen Mitteln, kann man im Moment nicht sagen."

Der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen (AP)Der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen (AP)Herrhausen hatte sich zehn Tage zuvor in einem Interview des "Spiegel" für die deutsche Wiedervereinigung ausgesprochen – damals noch ein radikaler Gedanke. Der 59-jährige Banker, der mit Bundeskanzler Helmut Kohl befreundet war, hatte schon öfter durch wirtschafts- und ordnungspolitische Initiativen Aufmerksamkeit erregt. Als Aufsichtsratsvorsitzender war er eine treibende Kraft für die Umstrukturierung von Daimler-Benz zu einem integrierten Technologiekonzern mit einer ausgeprägten Rüstungssparte. Auf internationalem Parkett hatte er 1988 durch seinen Vorstoß zu einem großangelegten Schuldenerlass für Aufsehen gesorgt:

"Wir müssen unsre Lösungsansätze konzentrieren auf die Frage, mit welcher Wirtschaftspolitik die Schuldnerländer aus ihren Schwierigkeiten herauskommen können, und wir als Gläubiger müssen ihnen dazu Hilfestellung bieten. Dies als eine Art von Hilfe zur Selbsthilfe, die die Länder brauchen, um ihrerseits sich in den Stand zu setzen, die richtige Wirtschaftspolitik anzuwenden, die wie gesagt dazu führt, dass sie ihre Probleme überwinden."

Im Bekennerschreiben der RAF zum Attentat auf den Bankier wurde daraus:

"Herrhausens Pläne gegen die Länder im Trikont, die selbst in 'links-intellektuellen' Kreisen als humanitäre Fortschrittskonzepte gepriesen werden, sind nichts anderes als der Versuch, die bestehenden Herrschafts- und Ausplünderungsverhältnisse längerfristig zu sichern."

In der Tageszeitung "taz" wurde der sehr gut vorbereitete Anschlag, der ein hohes Maß an Logistik und technischen Kenntnissen voraussetzte, als Anzeichen dafür gedeutet, dass die linksradikale Szene wieder in Bewegung kommt:

"Die Phase der Verunsicherung scheint vorbei, die Zeit der klammheimlichen Freude wieder da. Der erste Mann der deutschen Wirtschaft immerhin. Und so perfekt gemacht."

Auch Bundeskanzler Helmut Kohl ging in seiner Rede auf der Trauerfeier für Alfred Herrhausen im Frankfurter Dom auf Stimmungen wie "klammheimliche Freude" und auf eine scharfe, bisweilen persönlich ausgerichtete Kapitalismuskritik ein. Er erneuerte den vor allem in den 1970er-Jahren erhobenen Sympathisantenvorwurf:

"Es stimmt etwas nicht in unserer Gesellschaft, wenn die führenden Repräsentanten dieser Gesellschaft systematisch zur Zielscheibe gemacht werden, zunächst im übertragenen und dann im wörtlichen Sinne. Dem Mord geht der Rufmord voraus. Die Verhöhnung, die Verächtlichmachung, die Deformierung."

Bis heute ist der Mord an Alfred Herrhausen nicht aufgeklärt. Niemand wurde bislang deswegen angeklagt oder gar verurteilt. Zwei kurzzeitig aufgrund einer Kronzeugenaussage verdächtigte Menschen hatten, wie sich bald erwies, mit dem Attentat nichts zu tun. Die Erfolglosigkeit der aufwendigen Ermittlungen und die technische Perfektion des Anschlags riefen bei einigen Autoren auch Zweifel hervor, ob hinter dem Anschlag wirklich die RAF steckte oder nicht doch ein interessierter Geheimdienst – eine Theorie mit Substanz konnte daraus aber auch niemand entwickeln. So ermittelt das Bundeskriminalamt weiter – seit Langem nur gegen "Unbekannt".

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