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StartseiteSonntagsspaziergang"Bis ich sterbe, bin ich Deutsche"22.01.2012

"Bis ich sterbe, bin ich Deutsche"

Die Schwarzmeerdeutschen im Süden der Ukraine

Die russischen Zaren holten 1781 deutsche Handwerker, Wissenschaftler und Siedler als tüchtige Vorbilder ins Land. Einige von ihnen siedelten sich an der Wolga an - in Odessa, der Perle am Schwarzen Meer.

Von Pauline Tillmann

Altarraum der evangelisch-lutherischen Kirche St. Paul gemalt von Tobias Kammerer, Odessa (Pauline Tillmann)
Altarraum der evangelisch-lutherischen Kirche St. Paul gemalt von Tobias Kammerer, Odessa (Pauline Tillmann)

Schwarzmeerküste. Odessa. Die Sonne scheint. Es ist Sonntag, zehn Uhr morgens. In der evangelisch-lutherischen Kirche St. Paul wird Gottesdienst gefeiert. Bischof Uhland Spahlinger steht vorne am Mikrofon, daneben eine Übersetzerin. Das Altarbild ist moderne Malerei, das Kreuz ist umgeben von einem roten Schein. Das Rot wirkt kräftig, aber nicht aufdringlich. Schaut man nach oben, entdeckt man die Arche Noah, umgeben von sanftem Blau. Insgesamt wirkt die Kirche hell und freundlich, durchsetzt mit wenigen, wohl tuenden Farbtupfern. Bischof Uhland Spahlinger predigt an diesem Sonntag - wie an jedem Sonntag - auf Deutsch. Viele seiner Gemeindemitglieder sind deutschstämmig, trotzdem verstehen sie Bischof Spahlinger nur mithilfe der Übersetzerin. Der Grund dafür ist einfach: Während der Sowjetzeit war es verboten, Deutsch zu sprechen. Deutschstämmige wurden im Job benachteiligt, wenn es zum Beispiel darum ging, befördert zu werden. Jeder Einzelne von ihnen sollte spüren wer den Zweiten Weltkrieg gewonnen - und wer ihn verloren hat. Im Gottesdienst wird also Deutsch und Russisch gesprochen. Bischof Spahlinger erklärt warum:

"Das ist manchen unserer Gemeindeglieder schwer zu vermitteln. Die sagen: Wir sind doch die deutsche Kirche, wir müssen doch die deutsche Sprache und die deutsche Kultur, das deutsche Traditionsgut, die deutschen Choräle beibehalten, denn Deutsch war ja die Sprache Martin Luthers. Das ist die Argumentation. Dazu muss man aber sagen, warum war Deutsch die Sprache Martin Luthers? Weil er in Eisleben geboren, gestorben und sich im Wesentlichen in Mitteldeutschland aufgehalten hat, aber er hat ausdrücklich gesagt, man muss dem Volk aufs Maul schauen - es geht nicht um Deutsch, sondern es geht um die Sprache der Menschen."

Uhland Spahlinger ist der oberste Vertreter der deutschen evangelisch-lutherischen Kirche in der Ukraine. Bevor er nach Odessa gekommen ist, war er Gemeindepfarrer in München. Die meisten Ukrainer sind orthodox, entweder russisch-orthodox oder ukrainisch-orthodox. Nur die Wenigsten sind katholisch oder evangelisch.

"Wir können unsere eigenen Angelegenheiten, unser kirchliches Leben sehr gut, sehr unabhängig und sehr frei gestalten - und das ist sehr, sehr viel. Wir erhalten wenig Unterstützung vonseiten des Staates, sagen wir mal in finanzieller Hinsicht, wenn es um sozialdiakonische, caritative Aufgaben, auch im kulturellen Bereich dürfen wir da nicht viel erwarten. Das schafft uns auch Probleme. "

Kirchturmspitze der evangelisch-lutherischen Kirche St. Paul, Odessa (Pauline Tillmann)Kirchturmspitze der evangelisch-lutherischen Kirche St. Paul, Odessa (Pauline Tillmann)Jahrelang wurde das Kirchengebäude der Gemeinde umgebaut. In den 70er-Jahren ist es fast vollständig abgebrannt, jetzt erstrahlt es in neuem Glanz - finanziert wurde das von der evangelischen Landeskirche in Bayern. Rund sieben Millionen Euro hat man sich das Prachtstück kosten lassen, inklusive Büroräume für weitere deutsche Organisationen. Nach dem Motto: alles Deutsche unter einem Dach.

"Zur Einweihung waren nicht nur insgesamt Tausende Menschen, Besucher, Teilnehmende, Mitfeiernde zu den verschiedenen Veranstaltungen da, sondern auch 50, 60 Journalisten von Fernsehanstalten, von Radioanstalten, von der schreibenden Zunft und aus dem Internet. Also das Interesse war riesig. Wir sind damit als lutherische Kirchengemeinde Odessa aus der Nische in das öffentliche Interesse geraten.""

Luise Risling, eine der letzten verbliebenen Schwarzmeerdeutschen in Odessa. (Pauline Tillmann)Luise Risling, eine der letzten verbliebenen Schwarzmeerdeutschen in Odessa. (Pauline Tillmann)1897 hatte die Gemeinde mehr als 1000 Mitglieder. Heutzutage sind es deutlich weniger, weil die meisten Deutschstämmigen nach dem Fall der Sowjetunion ausgereist sind - viele nach Deutschland, einige auch in die USA und nach Kanada. Luise Risling ist nicht weggegangen. Im Gegenteil: Sie ist zurückgekommen. Die 75-jährige Schwarzmeerdeutsche hat einige Jahre in Lettland gelebt.

Anfang der 90er-Jahre ist sie nach Selz zurückgekehrt. Selz - auch Rybalskoe genannt - ist ein Dorf mit 3.000 Einwohnern, es liegt im Westen der Ukraine, 120 Kilometer von Odessa entfernt.

"Fahren oder nicht fahren sicher, ich hätte es vielleicht besser gemacht, wenn ich nach Deutschland gefahren wäre. 1992 hätte ich nach Deutschland gekonnt, dann wäre das vielleicht leichter gewesen - nur das Haus haben sie mir zurückgegeben. "

"In diesem Haus, dem Haus ihres Vaters, wohnt sie jetzt mit ihrer Tochter Lena und Enkelkind Renata. Die Renten seien niedrig, klagt Luise Risling. Und Arbeit gebe es auch keine. Trotzdem lässt sie sich nicht unterkriegen. Zehn Jahre lang hat sie alles gesammelt, was sie gefunden hat zum Thema Schwarzmeerdeutsche in Selz und Umgebung. Und damit ein Museum eingerichtet. Das Museum besteht aus einem großen Raum in einer Schule, zehn Minuten von ihrem Haus entfernt.

""Da ist schwer zu erzählen und schwer sich vorzustellen was für eine Schwierigkeit, wie sie gekommen sind auf das Land, wo nichts war. Und das haben sie alles aufgebaut und das haben sie alles gemacht. Wer? Nur die Deutschen ... und ihre Kultur haben sie mitgebracht und ihren Glauben. Nur Gutes haben sie diesem Land gemacht, nur Gutes. "

Manchmal bekommt sie Besuch von Nachfahren der deutschstämmigen Auswanderer - die meisten stammen aus den USA oder Kanada. Mit den Spenden kann sie das kleine Museum gerade so aufrecht erhalten. Sie will damit gegen das Vergessen ankämpfen. In dem Dorf ist sie die einzige verbleibende Schwarzmeerdeutsche. Mit ihren 75 Jahren blickt sie auf ein wechselvolles Leben zurück, mit einigen Höhen, aber auch vielen Tiefen.

Museum der Schwarzmeerdeutschen in Odessa (Pauline Tillmann)Museum der Schwarzmeerdeutschen in Odessa (Pauline Tillmann)"Oh, ich musste mir viel anhören. "Faschist" haben sie zu mir gesagt, schade, dass sie euch nicht erschossen haben. Und ich habe geantwortet: Ich bin Deutsche und bin stolz darauf. Also: Ich habe es niemals nicht abgesagt von dem, dass ich eine Deutsche bin. Mein Vater ist ein Deutscher, meine Mama ist eine Deutsche, so blieb ich und bis ich sterbe, bin ich Deutsche."

Durch das Museum habe sie etwas für ihre Nachkommen geschaffen, sagt sie. Damit sie ihre deutschen Wurzeln niemals vergessen.

"So ein Museum gibt es nur eines, in der ganzen Ukraine, kann man sagen. Der Anfang, hier ist der Anfang. Weiter sind ja Museen, den weiter niemand nicht hat. Das habe ich sehr schwer zusammengesammelt und doch gezeigt wo der Anfang ist - und bis heute wo die Dörfer sind. "

Ihr Vater wurde 1937 erschossen, weil er Deutscher war. Bis heute steckt ihr das in den Knochen, denn es wurde in ihre Dokumente eingetragen und hat sie ein Leben lang verfolgt. Vor allem als die Kommunisten an der Macht waren, wurde sie ständig damit konfrontiert. Heute konfrontiert sie niemand mehr. Der Makel Deutsch zu sein hat sich vor 20 Jahren, nach dem Zerfall der Sowjetunion, in Luft aufgelöst. Doch ein Problem bleibt: Die deutsche Kultur in der Ukraine scheint langsam aber sicher auszusterben. Von Selz geht es weiter nach Nowogradowka. Eine ehemals deutsche Siedlung mit 42 weißen Häusern. Kompakt stehen sie beieinander, jedes mit Garageneinfahrt und kleinem Garten: darauf Tomatenstauden, nicht selten auch ein Blumenbeet mit roten oder gelben Tulpen. Die Häuser wurden Anfang der 90er-Jahre mit Geldern aus Deutschland errichtet, damit die deutschstämmigen Ukrainer aus Kasachstan und Sibirien in ihre Heimat zurückkehren konnten. Erst vor Kurzem wurden die Häuser offiziell ihren Bewohnern übergeben. In einem Keller haben sich drei Frauen versammelt: Hier befindet sich die "Sozialstation" von Nowogradowka.

"Diese Sozialstation ist wichtig, weil das staatliche Gesundheitssystem schwach ausgebaut ist. Während der Sowjetzeit war es vermutlich ausreichend - inzwischen reicht es aber nicht mehr aus, weil einfach viel mehr Menschen versorgt werden müssen. "

Sagt Leyla Gretschka, sie ist Ärztin und betreut neben Nowogradowka noch die beiden Dörfer Dobroalexandrowka und Marianowka. Insgesamt kommt sie damit auf 5000 Menschen, um die sie sich kümmern muss. Eigentlich schreibt das ukrainische Gesetz vor, dass auf 1000 Einwohner ein Arzt kommt. Aber auf dem Land gilt diese Faustregel nicht. Mitten im Gespräch kommt eine Frau Anfang 70. Die Ärztin misst den Blutdruck und gibt ihr eine Tablette. Die Sozialstation gibt es seit zehn Jahren, jedes Jahr sind Spenden - unter anderem aus Deutschland - geflossen, womit Medikamente gekauft werden konnten. Denn Medikamente können sich die älteren Menschen in der Ukraine kaum leisten. Ihre Rente beträgt nicht mehr als 100 Euro - für ärztliche Behandlungen kommen meist die Kinder auf. Wenn man welche hat. Viele von ihnen arbeiten im Ausland und schicken Geld nach Hause. Deshalb bleiben Nähe und Fürsorge oft auf der Strecke. Bislang konnte diese Lücke die 66-jährige Natalja Awramenko füllen. Die Sozialarbeiterin hat die Alten und Kranken regelmäßig besucht und ihnen gut zugeredet. Doch dafür ist in Zukunft kein Geld mehr da. Auch die Sozialstation ist im Sommer dichtgemacht worden. Nun müssen die Bedürftigen zur nächsten Ambulanz fahren. Nowogradowka ist aber keine Ausnahme - viele Dörfer in der Ukraine drohen zu veröden. Es besteht eine massive Landflucht, denn Arbeit gibt es nur in großen Städten. In großen Städten wie Odessa, der Perle am Schwarzen Meer. Rund 40 Kilometer liegt sie von Nowogradowka entfernt.

"Odessa war ein Zufluchtsort für geflohene Bauern, die wurden hier nicht verfolgt, auch die jüdische Bevölkerung fühlte sich hier viel besser als in jeder anderen Region. Und da es hier viele verschiedene Völkerschaften gab, sollte man irgendwie nebeneinander existieren in Frieden und damit alles sozusagen gut funktioniert und klappt. "

Erklärt Alexandra Deinis, sie ist 32 und deutschstämmig. Deinis hat Germanistik studiert, unter anderem in Regensburg, und sich vor drei Jahren selbstständig gemacht. Sie kümmert sich um Touristen, die in die Ukraine kommen wollen. Das heißt: Sie bucht Flüge, reserviert Hotels und besorgt Dolmetscher. In Odessa kennt sie sich am besten aus, weil sie in der Nähe aufgewachsen ist. Gegründet wurde die Stadt 1794, nach dem Sieg über das Osmanische Reich. Zu einem der wichtigsten Plätze gehört deshalb der Katharinenplatz.

Katharina die Große hat die meisten Schwarzmeerdeuschen ins Land geholt. (Pauline Tillmann)Katharina die Große hat die meisten Schwarzmeerdeuschen ins Land geholt. (Pauline Tillmann)In der Mitte des Platzes steht das Denkmal der Stadtgründer, auf der Säule steht die Katharina, sie steht auf der türkischen Fahne, das heißt, dass dieses Territorium erobert wurde und in der Hand hält sie den Erlass über die Stadtgründung. Und um die Säule herum stehen die Figuren der Stadtgründer.""

Zu den Stadtgründern gehört unter anderem De Ribas, ein Generalmajor aus Spanien und der Franzose Devollan, der die Stadt auf dem Reißbrett entworfen hat - schachbrettartig, wie es damals Mode war. Ihr frühes Wachstum verdankt Odessa Herzog von Richelieu, weshalb ihm eine Bronzestatue an prominenter Stelle gewidmet wurde.

"Also Duke, so nannten die Odessiten den Herzog, obwohl nicht alle wussten, was Duke eigentlich bedeutete. Aber damals war Französisch eine der Hauptsprachen im russischen Reich und deswegen haben sich die einfachen Leute einfach daran gewöhnt ihn Duke zu nennen. Und das ist immer noch eine Gewohnheit, man nennt ihn Duke, nicht Richelieu, nicht irgendwie, sondern Duke - und dann weiß man sofort um welchen Duke es gerade geht. "

Reporterin:

"Von dieser Statue hat man einen Blick aufs Meer, allerdings wird der Blick zugekleistert vom Hotel Odessa, einem riesigen Betonblock, nicht wahnsinnig schön, genauso wenig wie der Moskowsij Woksal. Wir gehen jetzt die Potemkin-Treppe runter, die sehr bekannt ist durch den Film ... "

... von Eisenstein. Der Film erzählt über den Widerstand auf dem Panzerkreuzer Potemkin und die leitende Szene des Films ist die Szene, in der ein Kinderwagen die Treppe herunterrollt und dem Kinderwagen entgegen kommen die schießenden Soldaten. Also das ist die Hauptszene.

Neben der Potemkinschen Treppe ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt die Odessiter Oper. Sie gilt als eine der schönsten Opern der Welt, entworfen vom Wiener Architekturbüro Fellner & Helmer im Jahr 1883.

"Zu der Zeit war das Gebäude sehr modern eingerichtet. Es gab ein Lüftungssystem, dank diesem System im Sommer angenehm kühl und im Winter sehr warm. Außerdem ist die Akkustik in diesem Gebäude ganz besonders - es ist sogar so, dass man Geflüster von der Bühne hört. Und das wurde dadurch erreicht: Unter der Bühne gibt es zersplittertes Glas, das auf eine spezielle Weise aufgeteilt wurde. "

Die Odessiten sind stolz auf ihre barocke Oper, und zwar Ukrainer genauso wie Deutschstämmige. Sie gehen oft und gerne hierher. Die Ränge in goldenem Anstrich, die Decke mit reich verziertem Stuck. Die Aufführungen, die Bühnenbilder und vor allem die Kostüme sind prächtig wie die Stadt selbst. Nicht grell, aber lebensbejahend bunt. An diesem Abend läuft das Ballettstück "Die Bajadere" von Ludwig Alois Minkus. Das Haus ist - wie so oft - bis auf den letzten Platz gefüllt. In den Pausen wird Ukrainisch, Russisch, Polnisch, Englisch und nicht selten auch Deutsch gesprochen. Schon der bekannte russische Dichter Alexander Puschkin lobte in seiner Erzählung "Eugen Onegin" die Freiheit und Offenheit von Odessa. Auch wenn inzwischen viele ausgewandert sind, vor allem die Deutschstämmigen, so ist dieser Geist, diese ungezwungene Atmosphäre bis heute erhalten geblieben.

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