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StartseiteKommentare und Themen der WocheBeichten reicht nicht mehr25.09.2018

Bischofskonferenz und MissbrauchsskandalBeichten reicht nicht mehr

Die Missbrauchs-Studie der katholischen Kirche hätte eine Chance sein können - eine Möglichkeit für einen Neu-Anfang, kommentiert Christiane Florin. Aber daraus ist nichts geworden. Keiner von Deutschlands Bischöfen sei ernsthaft bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Von Christiane Florin

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Das Foto zeigt von links nach rechts Harald Dreßing, Professor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, und Stephan Ackermann, Bischof von Trier und Beauftragter für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich. (dpa)
Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz: Der Verfasser Harald Dreßing (links) übergibt seine Studie an Kardinal Reinhard Marx und Bischof Stephan Ackermann (dpa)
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Zugegeben, ich hatte etwas Anderes erwartet: demonstrierende Katholikinnen und Katholiken auf den Straßen Fuldas zum Beispiel. Die ihre Solidarität zeigen mit jenen mehr als 3.600 Kindern und Jugendlichen, die aktenkundig von Klerikern missbraucht wurden. Die  dagegen protestieren, wie die Hierarchen mit den Betroffenen umgingen. Die einfach sagen: Wir fügen uns diesem System nicht mehr. Doch es kamen keine 3.600 Protestierenden zusammen, auch keine 360 und keine 36. Es blieb still auf den Straßen Fuldas. Und es blieb still bei der lange erwarteten Pressekonferenz, auf der eine Studie zum Ausmaß des Missbrauchs präsentiert wurde.

Opfer standen als Störer da

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Marx schämte sich mit belegter Stimme. Sein Amtsbruder Stephan Ackermann bekundete Abscheu und Wut. Man fragt sich, in welcher Parallelwelt sie bisher gelebt haben, so offenkundig war für alle, die es sehen wollten, wie selbst in jüngster Zeit noch Missbrauchs-Opfer als Störer des katholischen Betriebsablaufs dastanden. Auch Harald Dreßing, der Leiter des Forschungskonsortiums, breitete unerbittlich still die Ergebnisse aus. Er erzählte von Beschuldigten, die meinten: Beichten reicht. Von Betroffenen, die ihr Leben lang unter den Folgen des Macht- und Vertrauensmissbrauchs leiden. Von Verantwortlichen, die keine Verantwortung übernahmen. Ruhig legte der Forensiker die Bedingungen dar, die es Tätern und Vertuschern leicht machten.

Auf dem Prüfstand: Sexualmoral und Korpsgeist

Bis gestern konnte vieles noch mit Hinweisen von der Sorte "Missbrauch gibt es auch in der Familie, und da ist kein Zölibat" weggewischt werden. Jetzt steht alles zur Disposition: die verquere Sexualmoral, die Verachtung der Homosexualität, der klerikale Korpsgeist, der Glaube, mit der Priesterweihe einer höheren menschlichen Gattung anzugehören. Die Älteren werden sich erinnern: Etwas Ähnliches hatte vor vielen Jahrzehnten der auch unerbittlich still redende Eugen Drewermann über die Psychologie des Klerikers geschrieben. Ihm wurde die Lehrerlaubnis entzogen, jetzt ist plötzlich Klerikalismus-Kritik das Wort der Stunde. Männer mit römischem Priesterkragen stimmen öffentlich ein.

Kein Druck von der katholischen Basis

Es ist gut, dass es die Studie gibt. Die Wissenschaftler beschreiben beklemmend differenziert, wie Kinder und Jugendliche gedemütigt wurden, wie die Täter planten und die Institution versagte. Jetzt nahen Debatten mit Ewigkeitswert: über die Macht und über den Sex. Es sollen weitere Studien sollen folgen, das wird  dauern. Ob der Staat eingreift, ist noch nicht entschieden. Und die katholische Basis hat entweder resigniert oder kuschelt sich ein in ihrer vermeintlich heilen Gemeindewelt, da ist kein Druck zu erwarten.  Die Strukturdebatten sind wichtig, könnten aber davon ablenken, was den Betroffenen wichtig ist: die Klärung persönlicher Verantwortung. Auf meine Frage, ob unter den mehr als 60 anwesenden Bischöfen einer oder zwei sagen: Ich habe so viel persönliche Schuld auf mich geladen, ich kann mein Amt nicht mehr wahrnehmen, gab es eine sehr kurze Antwort des ansonsten beredten Vorsitzenden. Er sagte "Nein".

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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