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StartseiteKommentare und Themen der WocheViele haben ganz viel zu verlieren11.09.2021

Bitcoin offizielle Währung in El SalvadorViele haben ganz viel zu verlieren

In El Salvador ist die Kryptowährung Bitcoin jetzt ein normales Zahlungsmittel. Über die Motive von Präsident Nayib Bukele könne nur spekuliert werden, kommentiert Sandra Pfister. Für seine hochspekulative Wette könnte die eigene Bevölkerung aber einen hohen Preis bezahlen.

Ein Kommentar von Sandra Pfister

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Ein Bitcoin-Symbol auf einer Flagge von El Salvador. El Salvador hat als erstes Land den Bitcoin als offizielle Währung zugelassen. (dpa / NurPhoto / Jakub Porzycki)
Ein Bitcoin-Symbol auf einer Flagge von El Salvador (dpa / NurPhoto / Jakub Porzycki)
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Es ist schon ironisch. Der Bitcoin war eigentlich mal eine Anti-Währung. Kein Staat sollte Zugriff darauf haben, keine Zentralbank ihn in die Finger bekommen. Jetzt wird er also Staatswährung.

Das ist nicht gut. Auch wenn El Salvador nur etwa so groß ist wie Hessen und in einem Jahr so viel erwirtschaftet wie die USA an einem Vormittag, der Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel kann großen Schaden anrichten.

  (Imago / photothek - Thomas Trutschel) (Imago / photothek - Thomas Trutschel)Virtuelles Geld - Sind digitale Kryptowährungen wie Bitcoin die Zukunft?
Inzwischen gibt es Tausende sogenannte Kryptowährungen. Bitcoin ist eine der bekanntesten, auf die auch Anleger ein Auge geworfen haben. Wie funktioniert dieses virtuelle Geld? Ein Überblick.

Die geläufigen Argumente greifen hier alle: Der Bitcoin schadet dem Klima. Außerdem ist der Bitcoin eine unsichere Währung, weil er nicht von einer Zentralbank abgesichert ist. Wenn das Geld weg ist, ist es weg. Wenn der Kurs stark schwankt, dann schwankt er.

Kryptoparadies statt Steuerparadies?

Bei der Wette des salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele haben viele ganz viel zu verlieren. Der Bitcoin könnte die Menschen in El Salvador arm machen, ohnehin gilt schon die Hälfte der Bevölkerung als arm. Seit 20 Jahren ist der US-Dollar für das Land eine solide Staatswährung gewesen. Warum dann setzt der Präsident jetzt ohne Not auf die Kryptowährung?

Über seine Motive lässt sich nur spekulieren. Möglich, dass er El Salvador zum Paradies für Kryptoanleger machen will. Kryptoparadies statt Steuerparadies. Auch ein Geschäftsmodell. Zumal, wenn ihm dazu auch Schwarzgeld aller Art willkommen ist. Darauf deutet einiges hin. Immer mehr Drogenbosse nutzen Kryptowährungen, um Geld zu waschen. El Salvador ist bereits jetzt ein Drogenkorridor für Kokain, das von Südamerika in die USA gebracht wird.

Vertreter sozialer Organisationen in El Salvador protestieren gegen das Bitcoin-Gesetz, das die Kryptowährung als offizielles Zahlungsmittel zulässt (dpa / AA / Alex Pena)Vertreter sozialer Organisationen in El Salvador protestieren gegen das Bitcoin-Gesetz (dpa / AA / Alex Pena)

Aber was ist mit dem Volk? Das hält, so zeigen Umfragen, in seiner überwiegenden Mehrheit nichts vom Bitcoin. Und das schon vor dem sehr holprigen Start, bei dem die meisten Geldautomaten ausfielen, die elektronischen Geldbörsen teilweise wegen schlechter Internetverbindungen nicht hochgeladen oder geöffnet werden konnten.

Der weitgehend armen Bevölkerung nutzt der Bitcoin nur in einer Hinsicht: Er macht Überweisungen von Arbeits-Emigranten nachhause günstiger. Diese Diaspora macht ein Drittel aller Staatsbürger aus, und trägt ein Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Wenn diese Arbeitsemigranten von Bitcoin-Wallet zu Bitcoin-Wallet Geld an ihre Verwandten zuhause schicken können, schnell und unkompliziert und ohne dabei bis zu einem Drittel der Überweisung als Provision abdrücken zu müssen – wunderbar.

El Salvador taugt nicht als Blaupause

Nur: Die Menschen in El Salvador haben zurecht Angst, mit Geld zu hantieren, dessen Wert allein im vergangenen Jahr zwischen umgerechnet rund 8.500 und 53.000 Euro geschwankt ist. Spekulanten und Sparer können möglicherweise wegstecken, wenn der Wert binnen kurzer Zeit um 70 Prozent einbricht. Aber für Menschen in Schwellenländern, deren Rente in Bitcoin fließt, geht es da um Leben und Tod.

Deshalb taugt El Salvador nicht als Blaupause für andere Entwicklungs- und Schwellenländer, wie viele Krypto-Enthusiasten glauben. Finanzielle Inklusion ist wirklich wünschenswert. Aber dafür gibt es längst stärkere Alternativen. Neobanks, Onlinebanken, die in Südamerika übrigens stark im Kommen sind, liefern alle Finanzdienstleistungen, aber ohne die Umweltverschmutzung und ohne die finanziellen Risiken des Bitcoins.

Die Kryptowährung hat großes Potenzial. Aber nur in Ländern mit hoher Inflation wie der Türkei oder Vietnam. Dort Ist der Bitcoin oft ein wertvoller Schutz gegen permanente Geldentwertung. Als Zahlungsmittel im Alltagsverkehr taugt er aber nicht. Für die hochspekulative Wette des salvadorianischen Präsidenten könnte die eigene Bevölkerung einen hohen Preis bezahlen.

Sandra Pfister (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Sandra Pfister, geboren 1975 im Saarland, ist Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft. Nach einem Geschichtsstudium in Freiburg, Düsseldorf, Aix-en-Provence und Brüssel hat sie in Düsseldorf die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten absolviert. Im Anschluss an ihr Volontariat beim Deutschlandfunk hat sie regelmäßig Sendungen in Deutschlandfunk und WDR moderiert und zuletzt fünf Jahre als freie Autorin und Moderatorin in London gelebt.  

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