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StartseiteForschung aktuellBitte vorsichtig öffnen10.08.2012

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Bombenentschärfung in jeder Lage

Technik. - Das Entschärfen von Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg ist ein risikoreiches Unterfangen, denn nach 60 Jahren weiß niemand, in welchem Zustand die Bombe ist. Insbesondere solche mit chemischen Langzeitzündern bereiten den Räumtrupps Probleme: Ihr Zündmechanismus ist so perfide, dass sie auch heute noch bei der kleinsten Bewegung wieder scharf gemacht werden können. Cottbusser Forscher versuchen, eine Bombenentschärfung so risikolos wie möglich zu gestalten.

Von Caroline Ring

Bombenentschärfen, hier ein britisches Team, ist ein gefährliches Unterfangen. (AP)
Bombenentschärfen, hier ein britisches Team, ist ein gefährliches Unterfangen. (AP)

Altlasten nennt sich das Spezialgebiet von Wolfgang Spyra, der in Cottbus an der Brandenburgischen Universität lehrt und forscht. Im Fall seiner Forschung sind diese Lasten gut 60 Jahre alt: Es handelt sich um Bombenblindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg.

"Da hat irgendetwas in der Zündkette nicht funktioniert. Angefangen von der Initialzündung über die Verstärkerladung bis zur Hauptladung aber keiner kann den Fehler im Vorhinein sagen, wo das Versagen da war, und es gibt auch Bombenfunde, wo eben kein Zünder dran ist."

Was auch immer das Problem bei einer nicht-explodierten Bombe ist, eines ist in jedem Fall klar: Sie muss weg. Denn der alte Sprengstoff hat seine Wirkung nicht verloren. In besiedelten Gebieten, wo so ein Blindgänger nicht kontrolliert gesprengt werden kann, muss er entschärft werden. Eine bestimmte Form von Bomben bereitet Spyra und den Feuerwerkern dabei am meisten Kopfzerbrechen: Solche mit chemischen Langzeitzündern. Bei ihnen hängt die Explosion allein von einem kleinen Zelluloidplättchen ab, das den Sprengmechanismus blockiert. Beim Aufprall der Bombe zersplittert eine kleine Ampulle im Zündkopf und Aceton wird frei. Dieses zersetzt das Zelluloidplättchen, wodurch die Bomben, so Spyra,

"eine unbestimmte Zeit einfach so tun, als wenn sie Blindgänger sind und nach Ablauf der Zeit, bis zu 144 Stunden, dann explodieren. Also für den Betroffenen soll es eine Unsicherheit geben, dass er diese Gefahrensituation, die durch die Bombe entstanden ist, nicht kalkulieren kann."

Diese Gefahrensituation kann Jahre andauern, wie sich heute zeigt. Denn wenn die Bombe in weichen Boden eindringt, dreht sie sich mit der Spitze nach oben und der Zündmechanismus funktioniert erst einmal nicht mehr. Im Norden von Berlin, wo auch der Ort Oranienburg liegt, findet man solche Fälle besonders häufig.

"80 Prozent der Bombenblindgänger, die in Oranienburg gefunden werden, dort zeigt die Spitze nach oben. Und dadurch ist der Langzeitzündereffekt völlig außer Betrieb genommen, weil nämlich die Flüssigkeit zum tiefsten Punkt läuft, und nicht dorthin, wo sie ihre Funktion erfüllen soll."

So ein Blindgänger darf also auf keinen Fall bewegt werden, weil sonst der uralte Zündmechanismus wieder in Gang gesetzt werden kann. Das Problem ist jedoch: Bei der Entschärfung setzt man für gewöhnlich auf die Entfernung des Zünders. Und der liegt am Bombenheck. Also an dem Ende, das noch in der Erde steckt, wenn die Bombenspitze aus dem Boden ragt. Spyra und seine Kollegen konzentrieren sich bei ihrer Entschärfungsmethode deshalb auf die Bombenhülle, die sie durch sogenanntes Plasmaschweißen öffnen wollen. Bei dem Verfahren wird ein x-beliebiges Gas mit extrem hoher elektronischer Energie beladen, sodass aus den Hüllen der Gasatome negativ geladene Elektronen geschleudert werden.

"Übrig bleibt dann ein positiv geladenes Medium, das so genannte Plasma, und das mit seinen hochenergetischen Eigenschaften kann dann Beton trennen, Stahl trennen und ist dann in der Lage, für unseren Fall auch ganz dicke Bombenhüllen zu öffnen."

Schweißen auf einer Bombenhülle, das klingt zunächst einmal nicht gerade sicher. Denn natürlich entstehen auch bei dem Verfahren enorm hohe Temperaturen. Die Frage, die also bleibt, ist:

"Was passiert mit dem dahinterliegenden Sprengstoff. Diese hohen Temperaturen lassen zunächst einmal erwarten, dass er explodiert. Aber der Energieeintrag pro Punktquelle ist so gering, dass unsere Versuche bisher belegt haben, die sind allerdings noch nicht abgeschlossen, dass dieser Strahl mit dieser Energie einen Sprengstoff nicht umsetzt. Sondern er schmilzt, er kokelt ein bisschen an, und das ist das, was wir auch in unseren Vorversuchen auf dem Sprengplatz festgestellt haben."

Bisher haben Spyra und seine Kollegen ihre Versuche an Attrappen gemacht, also Stahlhüllen, die sie mit einer definierten Menge TNT gefüllt haben. Als nächstes kommen die Feldversuche mit echten Bombenkörpern, die sie für ihre Zwecke präparieren wollen, bevor es dann in die wirkliche Anwendung geht.

"Unsere Vorversuche haben gezeigt, dass wir auf einem guten Weg sind, und dass diese Art der Öffnung vielleicht eine zukunftsweisende Methode sein kann, die dann den Feuerwerkern zur Auswahl steht, sie zu nehmen, weil sie eben Vorteile hat gegenüber dem, was bisher bekannt ist."

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