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StartseiteBücher für junge LeserBitterschokolade für die Ohren21.05.2011

Bitterschokolade für die Ohren

Gut gemeint, schlecht gemacht - viele Hörbücher treffen nicht den Geschmack von Kindern

Wenn die Patentante dem Kind etwas Gutes schenken will, kommt häufig, aus Sicht des Kindes, Unerfreuliches dabei raus - zum Beispiel: Bitterschokolade statt Brausepulver. Ein ähnliches Phänomen gibt es auch bei Hörbüchern.

Von Florian Felix Weyh

Nicht nur beim Essen haben Kinder einen eigenen Geschmack - auch bei Hörbüchern (picture alliance / dpa)
Nicht nur beim Essen haben Kinder einen eigenen Geschmack - auch bei Hörbüchern (picture alliance / dpa)

"Am Bodensee wachsen viele Birnen. Und am Bodensee gibt es wie überall Diebe, die gern Birnen essen. Einmal schlichen des Nachts zwei Diebe durch die Gärten und wollten Birnen stehlen. Endlich fanden sie einen besonderen ... (Kind fragt: "Was ist Birnen stehlen?") Birnen stehlen? Ja, Äpfel stehlen kennst du wohl, aber man kann auch Birnen stehlen! Na, hört mal zu, wie die Geschichte weitergeht."

Spannend geht sie weiter und offenkundig für die jungen Zuhörer höchst belustigend. Vorgetragen von einem ausgewiesenen Fachmann für Diebstahlsangelegenheiten, dem nicht ganz unbekannten Rechtsanwalt a.D. Heinrich Hannover. Der ist seit vielen Jahren auch Kinderbuchautor und, wie man hören kann, ein talentierter Vortragskünstler in mindestens zwei Sprachen, Deutsch und Niederdeutsch - aber davon später, denn das könnte eine akustische Katzenzunge sein.

Nie davon gehört? Früher, als man noch keine MP3-Player kannte, aber die Handtaschen der Damen auch nicht größer als heute waren, konnten alte Patentanten kaum Tonträger als Geschenke mitbringen. Langspielplatten sprengten alle Dimensionen, und Kassetten waren als moderner Plastikmüll verpönt. Also gab es Schokolade, Katzenzungen vornehmlich, von denen die Patentanten dachten, sie würden Kindern besonders gut schmecken. Das aber war ein Irrtum. Niemand mochte Katzenzungen – nicht mal die Eltern! –, und so wurden diese in den 60ern und 70ern zum beliebtesten Wandergeschenk.

Warum das hier erzählt werden muss? Nun: Patentanten gibt es immer noch, nur scheint das Prinzip Katzenzunge inzwischen erfolgreich auf andere Mitbringsel übergegangen zu sein. Wer immer die hohen Stapel der Hörbuch-Neuerscheinungen für Kinder durchgeht, stößt auf ein augenfälliges Phänomen: "Ich bin eine Überraschung!", scheint manche CD zu wispern, "aber du sollst dich nicht zu sehr darüber freuen!" Etwas ratlos starrt dann ein Acht- bis Zehnjähriger auf ein Hörbuch mit Fontane-Texten:

Langweilig? No Action? Keine Spannung? Doch wohl eher nicht! Und solltet ihr eure Erwartungen auf Nervenkitzel in der Zauberwelt Harry Potters aufgebaut und an Fernsehkrimis trainiert haben, so kommt ihr hier auf andere Art auf eure Kosten.

Holla, das klingt nach einer Katzenzunge, die ihr Wesen als Erwachsenenmitbringsel vorauseilend reflektiert. Keine schlechte Volte des Fontane-Spezialisten Gotthard Erler, und Friedhelm Ptok trägt die Texte durchaus ansprechend vor. Doch was von Fontane taugt für heutige junge Zuhörer? Berühmt ist ja vornehmlich sein Alterswerk, Kindergeschichten sind nicht überliefert. Allenfalls ein paar Anekdoten aus der Autobiografie bieten sich an, etwa die Experimente des späteren Apothekers mit Schwarzpulverresten:

Wenn sich ein Feuerrad zu drehen weigerte, nun das ging allenfalls. Ein Feuerrad war eine vergleichsweise künstliche Sache. Ein Schwärmer aber musste brennen, und wenn er trotzdem nicht wollte, war das eine Schändlichkeit, die man nicht hinnehmen durfte! So bückte ich mich denn über die in einen Sandhaufen gesteckten Hülsen und begann zu pusten, um dem erlöschenden Zündschwamm neues Leben zu geben. Erlosch er dabei völlig, so war das eigentlich das Beste. Ging es aber plötzlich los, so wurden mir das Haar versengt oder die Stirn verbrannt. Schlimmeres kam nicht vor.

... und das war auch schon der Spannungshöhepunkt auf 152 Minuten – von wegen Nervenkitzel! Katzenzunge in Gold, sagt der Hörberater, gut gemacht und gut gemeint, aber ziemlich an der Zielgruppe vorbeigeschossen – nicht zuletzt, weil auch Gotthard Erler nicht darauf verzichtet, eines der windschiefsten deutschen Gedichte vortragen zu lassen, das seit Generationen reimerisch übers Knie gebrochen nur beweist: Lyrik ist anscheinend was für Worthandwerker mit Silberblick.

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit,
Und die Birnen leuchteten weit und breit...


Nein, hier spricht natürlich nicht mehr Friedhelm Ptok. Wir haben schon die nächste Katzenzunge aus der angebrochenen Packung genommen: eine CD von Kai Spitzl, "Psst, ich weiß was", die bei der Zielgruppe schon nach dem vierten Track Widerstand hervorrief. "Das sind ja nur Gedichte!", sagte das Kind empört, so wie man selbst vor 40 Jahren ausgerufen hat: "Iiieh, Bitterschokolade." Aber Gedichte müssen natürlich nicht unbekömmlich sein. Ganz im Gegenteil:

Gedicht "Das Eletelfon": Das edle Telefon...ähh, nein...das lefe Telefon...

Das Problem dieser weiteren Katzenzunge in Gold – wir wollen uns mit den Prädikaten nicht lumpen lassen – liegt nicht am Rezitator und nur ein bisschen am Inhalt. Problematisch ist vor allem der serielle Charakter der CD. 40 Minuten musikalisch aufbereitete Lyrik am Band, das braucht schon sehr geduldige, kultivierte und sprachverliebte Kinder ... oder den fixierenden Sicherheitsgurt bei einer langen Autofahrt: Flucht unmöglich! Dann stellen allerdings auch die Eltern nach dem zehnten Gedicht eine gewisse Übersättigung fest. Man futtert ja auch nicht ungestraft ein Dutzend Pralinen hintereinander weg. Wie die Lyrikverführung von Kindern praktisch funktioniert, zeigt dagegen Heinrich Hannover - nämlich durch den künstlerisch zugegebenermaßen eher schwächlichen Appell ans eigene Reimvermögen.

"Jetzt wollen wir mal zusammen ein Gedicht machen. Könnt ihr auch dichten? (Kinder "Jaaa") Na, wollen wir mal sehen. Als der Clown die Grippe hatte. (Schmiedet ein lautmalerisches Nonsensgedicht mit den Kindern zusammen.) ... fiel er im Zirkus auf den Po."

Wenn man die vollkommen aus der Zeit gefallene Machart betrachtet, könnte "Der fliegende Zirkus" von Heinrich Hannover glatt ein Alte-Tanten-Geschenk sein: Der Autor liest vor einer Schar aufgeweckter Kinder und kontert deren Zwischenrufe – mehr mediale Sensation findet nicht statt. Aber Moment, der Autor liest ja nicht nur, sondern ... tja wirklich, wo nötig, singt er auch, schief und krumm! Etwa in der Geschichte über das Hotel der Operndiva Alida Butterfeld, in dem keiner sprechen darf:

"Kamen die Gäste in den Frühstücksraum, wurden sie von den Kellnerinnen angesungen: (singt) Wünschen Sie Kaffee oder Tee? - Die einen sangen zurück: (singt) Bitte Kaffee! - Die anderen: Bitte Tee! - Wenn Tee gewünscht wurde, kam die Frage: (singt) Mit Milch oder Zitrone? - Und wenn Kinder dabei waren: (singt) Möchtet ihr Pfefferminztee oder Saft oder Kakao oder Milch? - Und wenn ein Kind zurück sang: (singt) Ich möchte bitte Milch! - Dann kam die Frage: (singt) Warm oder kalt?"

Viel Wärme enthält auf jeden Fall diese Kinderliteratur ab vier Jahren, und – selten genug bei dieser Alterszielgruppe –, das Zuhören macht auch Erwachsenen Spaß. Die niederdeutsche Variante vom "Pierd Huppdiwupp" bleibt hingegen etwas für Spezialisten zwischen Emden und Ueckermünde – ganz schön tapfer vom CD-Label Jumbo, eine solche Katzenzunge in Platin parallel mit anzubieten. Doch nun ganz weg von Hörbüchern, wie sie Erwachsene schätzen, hin zu denen, die junge Herzen garantiert höher schlagen lassen.

"Wir war'n aus ganz anderem Holz, mein Bruder und ich... "

Oh nein, das bitte nicht schon jetzt! Es soll doch, im Gegenteil, die Rede davon sein, wie man Orte mit süßlicher Musik weiträumig umgeht.

Die besten Entschuldigungen, wenn man nicht zu einer Party will: 1.) Ein Krokodil hat mir den Kopf abgebissen, und ich kann nicht sprechen. 2.) Ich habe eine seltene Krankheit, die Partyritis heißt - ich kriege auf Partys immer einen schrecklichen Ausschlag. 3.) Bei uns gab es morgens, mittags und abends Sauerkraut. Ihr wisst ja wohl, was das bedeutet! 4.) Ich habe mein Gedächtnis verloren. Welche Party?

Rocco Randale ist – Schreck lass nach! – bei Rosie zum Geburtstag eingeladen, also zu einem Prinzessinnen-Albtraum in Rosa. Weil das für den Achtjährigen eine rufschädigende Katastrophe darstellt, entscheidet er sich kurzerhand für die Entschuldigung "Gedächtnisverlust".

Er saß mit seinen Freunden Damian und Hugo im Speisesaal. Sie schnipsten Erbsen zum Nebentisch, an den Rücken von Nick dem Streber. "Ey aua, lass das, ja!?"
"Hallo, Rocco!" Rosie war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Rocco sah sie mit leerem Blick an. "Wer bist du?"
"Du bist so lustig, Rocco. Hast du die Einladung gekriegt? Du kommst doch zu meiner Party, oder?"
"Hä? Party? Welche Party?"
"Du Dummi! Meine rosa Party, du weißt schon!"
Damian heulte vor Lachen darüber, dass Rocco auf eine Mädchenparty gehen würde: "Rosa Party! Ha, ha! Rocco geht auf eine Mädchenparty!" Rocco funkelte ihn böse an und wandte sich dann wieder Rosie zu: "Tut mir leid, ich weiß nichts von einer Party. Ich habe nämlich mein Gedächtnis verloren."
"Hui! Wie ist das denn passiert?"
"Das ist es ja gerade: Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hab ich einen Schlag auf den Kopf bekommen."
"Ach du armer Rocco!"
"Ach du armer Rocco! Wie ist das denn passiert, uiii!"


Achtung, hingehört: Dieses Hörspiel ist gar keines, sondern "nur" eine szenische Lesung mit genau zwei Sprechern: dem jungen Andy Wittmann als Rocco und dem begnadeten Stefan Kaminski als Erzähler und in 14 weiteren Rollen. Aus der herrlichen Buchvorlage "Rocco Randale – Mädchenparty mit Wurm", erschienen bei Klett Kinderbuch, machen diese beiden Vortragskünstler einen adäquat umgesetzten Hörspaß, der den gleichen anarchischen Witz wie das literarische Original von Alan MacDonald besitzt. Der Mut von Oetinger Audio, auf eine akustische Travestie statt auf konventionelle Hörspielkunst zu setzen, zahlt sich aus - was freilich an einem Sprecher liegt, der allem und jedem eine Stimme zu verleihen vermag. Nicht nur hier, auch anderswo. It's Kaminiski-Time ...

"Wie ihr wisst", erklärt der Elefant mit kräftiger Stimme, "ist heute Mei Yue, das kleine Pandamädchen bei uns angekommen."
"O lala – so eine Hübsche ist ja nicht zu übersehen", schnüffelt der Tapir. "Ich freue mich schon darauf, sie näher kennenzulernen. Sicher kann sie uns ein wenig von China erzählen – da kommt sie doch her, oder?"
"Ja, da kommt sie her. Aus China – das liegt in Asien und ist ziemlich weit weg. Und jetzt ... jetzt hat sie Heimweh!"
"Heimweh?", krächzt der Papagei. "Deshalb ist sie traurig?"
Pombo nickt. "So sehr, dass sie nichts fressen mag. Sie fühlt sich hier bei uns einfach noch nicht wohl. Was meint ihr, ob ... na ... ob wir daran etwas ändern könnten? Ich hätte da einige Ideen!" ( ... )
"Ich liebe Überraschungen!", schnarrt Schuhu, die Eule. "Besonders, wenn sie mit Musik zu tun haben."


Genau, um Musik geht es hier, was bei diesem Label allerdings nicht erstaunt: Seit 1770 verlegt der Mainzer Schott-Verlag Noten und Musikwerke, seit ein paar Jahren auch Kinderbücher mit beigehefteten CDs. Ein solches Kombinationsprodukt ist "Der Elefantenpups" über ein tierisches Zookonzert, das freilich erst von Stefan Kaminski als Sprecher und Sebastian Laverny als Komponist so richtig zum Leben erweckt wird, während der gedruckte Text farblos bleibt. Hier lautet die Empfehlung: Hören geht vor Lesen.

Sebastian ... der Vorname des Elefantenpups-Komponisten klingt verdächtig nach einem musikalischen Paten ... Sebastian? ... Johann Sebastian ...

"Ich werde diesem Lümmel aus Paris zeigen, was in mir steckt, ja, das Hören und Sehen wird dem vergehen, das schwör ich dir!" Mit diesen Worten öffnete Bach den Cembalodeckel und donnerte einige zornige Akkorde ins Manual. Dann ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Was Johann Sebastian Bach jedoch nicht wusste: An seine Tür hatte sich ein kleiner, wohlgenährter Mann geschlichen, der sein neugieriges Ohr ans Schlüsselloch presste. "Oh verdammt, oh diable, das ist übermenschlich! Der Teufel hat ihm das beigebracht. Merde! Bis auf die Knochen werde ich mich blamieren!"

"Starke Stücke", die Hörspielreihe von Markus Vanhoefer bei Igel Records, bringt immer wieder erstaunliche Komponistengeschichten für Kinder hervor. Diesmal geht es um die Entstehung von Bachs "Brandenburgischen Konzerten" – und das ist so spannend gemacht, dass man anschließend die zweite CD mit der Konzerteinspielung nicht nur über sich ergehen lässt, sondern mit Neugierde herbeisehnt. Schließlich will man wissen, ob die Musik wirklich das im Hörspiel behauptete Gefühlsleben Bachs widerspiegelt. So sieht ein Mitbringsel aus, das pädagogische Ansprüche erfüllt und dennoch nicht langweilt. Auf einem anderen Sektor, der Geschichtsvermittlung, gilt das auch fürs nächste Produkt. Wagen wir einen Sprung ins alte Ägypten:

User-maat-Re-setep-en-Re ist der, der jedes Fremdland niedertritt unter seinen Sohlen mit mächtiger Kraft, mit spitzen Hörnern, der jedes Land schlägt. Löwe mit starkem Willen, der die Asiaten zerschlägt, Stier der Herrscher mit mächtiger Schlagkraft, der die neuen Bogen unterwirft mit großen Siegen in jedem Fremdland. Der die Fremdländer besiegt und die Rebellen niederwirft. Beschützer Ägyptens, wie Mont, der Kriegsgott, Kämpfer für Millionen.

Maria Regina Kaisers "Ramses II. und die Tauben des Friedens" – hier wird gerade der Pharao angemessen besungen – erzählt vom ersten überlieferten Friedensvertrag der Menschheitsgeschichte zwischen den Hethitern und den Ägyptern. Auf zwei CDs wechseln sich Hörspielszenen mit informativen Sachpassagen ab, und das funktioniert unaufdringlich und bruchlos. Der Erzähler, verkörpert von Friedrich Karl Grund, kommt aus der hethitischen Stadt Hattuscha, und dass diese wegen Grabungsstreitigkeiten derzeit im Gerede ist, verleiht dem sehr fernen Stoff eine Spur von Aktualität. Ohnehin lieben Kinder bei Geschichte eher die ganz alte als die neuere, am besten beginnend bei den Dinosauriern, und am allerbesten mischt sich Vergangenheit mit einem ganz zeitgenössischen Gegenstand:

Bei der Erfindung der Pommes soll das Wetter eine Rolle gespielt haben. Im Jahr 1680 gab es in Belgien einen sehr strengen und harten Winter. Sämtliche Flüsse und Seen blieben längere Zeit zugefroren. Die Belgier aßen gerne kleine frittierte Fische. Weil sie aber in jenem Winter keine Fische fangen konnten, frittierten sie einfach auf dieselbe Art Kartoffeln! Die Kartoffeln wurden in längliche Stücke geschnitten und in heißem Fett gebacken. Von Belgien aus verbreiteten sich die Pommes dann auf der ganzen Welt.

Wieder was fürs Leben gelernt, aber das ist bei diesem Schlaumeier-Duo auch nicht verwunderlich: Ralph Caspers und Shary Reeves bestreiten seit Jahren die TV-Sendung "Wissen macht Ah!", und auf ihrer neuen CD preisen sie geniale Erfindungen. Über den jeweiligen Nutzen für die Menschheit darf man allerdings geteilter Meinung sein:

Sehr beliebt als Zeitvertreib ist eine Erfindung von Daisuke Inoue. Der Japaner vermietete 1971 die ersten elf selbstgebauten Karaokegeräte an Bars. Inzwischen ist Karaoke ein weltweit beliebter Zeitvertreib. Je schräger, desto besser! Die Instrumentalversion von Liedern wird vorgespielt und auf einem Bildschirm der Liedtext angezeigt. Und irgendjemand, der gerade Lust und ein bisschen Mut hat, liefert seine Stimme dazu. Eine gute Singstimme wäre natürlich nicht schlecht. Aber die von Ralph? Ich weiß nicht ...

Das ist jetzt der Moment, wo uns die Katzenmusik zu den Katzenzungen zurückleitet. Natürlich gibt es auch akustische Mitbringsel, die bei den Kindern ganz großartig ankommen mögen, bei denen es aber titanischer Überwindung der Erwachsenen bedarf, sie überhaupt anzurühren. Sozusagen das umgekehrte Katzenzungengeschenk.

"Wir war'n aus ganz anderem Holz, mein Bruder und ich..."

Kinder lieben Schnulzen? Nun ja, vielleicht schon, wenn darauf "Märchenmond" steht, "das Musical nach Wolfgang Hohlbein". "Märchenmond" ist ein Fantasy-Klassiker mit Millionen verkaufter Exemplare und damit das Idealziel ehrgeiziger Komponisten. Herausgekommen ist dabei allerdings ein typisch deutsches "Ich-wollt-ich-wär-am-Broadway"-Produkt, das einen wehmütig an die Zeiten zurückdenken lässt, in denen CD-Produktionen einfach zu teuer waren, um jede Provinzinszenierung für die Ewigkeit zu konservieren. Gemach, soll doch jeder auf den Markt werfen, was er will – aber dann findet man unter Umständen die wirklich wertvollen Dinge nicht mehr. Geschichten etwa wie die von der Oma, die plötzlich auf die Bank geht, um sich all ihre Ersparnisse auszahlen zu lassen. Sie traut den Bankleuten nämlich nicht, zuhause seien die Scheine eindeutig sicherer.

Ganz viele davon steckte sie in ihrem Schlafzimmer unter ihr Kopfkissen. Und den Rest stopfte sie in ihren Nachttopf, unterm Bett. Wirklich! In den Nachttopf! "Aber stell dir vor, du vergisst das! Wenn du Pipi machen musst, dann..." – "Ach was, ich vergesse nie was!"

Glatt gelogen oder vielmehr falsch wahrgenommen, denn exakt ums Vergesslichwerden, um die möglicherweise beginnende Demenz, geht es im behutsamen Hörspiel "Als Oma seltsam wurde" nach dem Buch von Ulf Nilsson. Die komischen und tragischen Seiten der Veränderung teilen sich in dieser vorzüglichen WDR-Produktion sensibel mit, ohne Ängste auszulösen. Nach wie vor ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk Hauptlieferant qualitätvoller Kinderhörspiele, das gilt auch für unseren letzten Tipp. Fans von Andreas Steinhöfel mögen sich bei diesem Jungen, der sich gegen die Beleidigungen eines Lehrers zur Wehr setzt, sofort an "Rico, Oscar und die Tieferschatten" erinnert fühlen. Und in der Tat, Außenseitertum steht auch hier im Mittelpunkt:

Es ist erstens nicht richtig, dass ich unwissend bin, und selbst wenn ich es wäre, sollte das für Sie kein Grund sein, mich zu beleidigen. Und es ist zweitens nicht richtig, dass ich nur einen berühmten Namensvetter habe. Sie denken dabei an Erasmus von Rotterdam. (...) Aber, um Ihre Frage zu beantworten, meinen Namen verdanke ich Erasmus dem Nothelfer. (...) Man rief ihn an, wenn das Vieh erkrankte. Aber auch bei Bauchschmerzen. Sein Namenstag, der 2. Juni, ist mein Geburtstag. Darf ich mich jetzt setzen?

Aber bitte doch, Erasmus! "Paul Vier und die Schröders", eine ergreifende NDR-Produktion um eine seltsame Familie mit totkranker Mutter und früh gereiften Kindern, erzählt die alte Geschichte vom Leben in der Provinz und der Abwehr unwillkommener Fremder. Als einzige von allen heute vorgestellten CDs enthält sie auch eine hauchzarte Liebesepisode, wie sie sich nur zu Beginn der Pubertät zutragen kann. Das ist ein schönes Zuhörerlebnis, und uns bleibt nur noch nachzutragen, was den Birnendieben vom Bodensee widerfuhr. Na klar, sie fielen ins Wasser, von einem Wachhund erschreckt:

Der also sprang ins Wasser und zog die beiden Diebe ans Land. Sonst wären sie jämmerlich ... (Kind: "Tot!") Ertrunken, nicht? Ja. (Kind: "Oder tot! Oder da kommt ein Fisch und beißt den ... oder ein Haifisch und der beißt dem alles ab!") Ja, das hätte auch passieren können! Aber ich glaub, im Bodensee gibt es keine Haifische. (Kind: "Aber im Meer!") Ja, die hatten aber Glück, die hatten den Birnbaum am Bodensee geklaut und nicht am Meer.

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