Samstag, 25.05.2019
 
StartseiteEuropa heuteSpäte Aufarbeitung eines britischen Traumas14.03.2019

Bloody SundaySpäte Aufarbeitung eines britischen Traumas

In Nordirland entscheidet heute die Staatsanwaltschaft, ob sie gegen britische Soldaten Anklage erhebt, die am sogenannten Bloody Sunday 13 Menschen töteten. Doch das ist 47 Jahre her. Warum die Staatsanwaltschaft jetzt erst entscheidet und was das mit dem Brexit zu tun hat.

Martin Alioth im Gespräch mit Ann-Kathrin Jeske

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Britische Soldaten umzingeln während der blutigen Auseinandersetzungen eine Gruppe von Demonstranten. Am 30. Januar 1972 wurden 13 katholische Demonstranten während einer friedlichen, jedoch verbotenen Kundgebung in der nordirischen Stadt Derry von britischen Fallschirmjägern erschossen. (dpa / picture alliance / UPI)
"Bloody Sunday": Am 30. Januar 1972 wurden 13 katholische Demonstranten während einer friedlichen, jedoch verbotenen Kundgebung, in der nordirischen Stadt Derry von britischen Fallschirmjägern erschossen. (dpa / picture alliance / UPI)
Mehr zum Thema

Nordirland Alltag zwischen Friedensprozess und Brexit

Nordirland Cameron entschuldigt sich für "Bloody Sunday"

Bloody Sunday

Ann-Kathrin Jeske: Es ist ein unglaublicher Vorgang: Die Nordirische Staatsanwaltschaft entscheidet heute Mittag, ob sie Anklage erhebt in einem Fall, der 47 Jahre zurückliegt. Welches Ereignis also ist so gewichtig, dass es die Justizbehörden bis heute beschäftigt?

Es ist der sogenannte "Bloody Sunday" - der Sonntag im Januar 1972, an dem der Nordirland-Konflikt vollends eskalierte. Damals schossen britische Soldaten auf unbewaffnete, nationalistische Demonstranten und töteten 13 Menschen. Die Briten und insbesondere die Nordiren streiten noch immer heftig darüber, wie diese Todesfälle zu bewerten sind. Das zeigt auch ein Zitat der britischen Nordirland-Ministerin Karen Bradley, die vor wenigen Tagen ihre Meinung dazu ganz klar gemacht hat: Kein einziger Soldat hätte in den 30 Jahren des Konflikts ein Verbrechen begangen - sagte sie. Herr Alioth, Hat Karen Bradley ausgesprochen, was viele Briten denken und was viele national eingestellte Nordiren aufregt?

Martin Alioth: Ja, ich glaube das kann man sagen, bzw. es ist die Befürchtung, Frau Bradley, die sich nicht besonders gut auskennt in Nordirland, trotz ihres Portfolios. Sie hat sich seither entschuldigt, sie habe das sicher nicht so gemeint, wie es klang. Aber die Befürchtung ist da, dass die abgrundtiefe Ignoranz der Engländer insbesondere über die Nachbarinsel hier durchschien. Und das sie das eine Woche vor diesem heutigen Entscheid der Staatsanwaltschaft sagte, was sie ja wissen musste, als zuständige Nordirlandministerin, hat dem Fass gewissermaßen noch den Boden ausgeschlagen.

Jeske: Warum schwelt dieser Konflikt immer noch so stark?

Der Bloody Sunday traumatisierte Großbritannien

Alioth: Bloody Sunday war das Traumatische Ereignis in den frühen Jahren des akuten Nordirlandkonflikts. Man kann noch weiter gehen und sagen, dass Bloody Sunday die Rekrutierungsprobleme der Irisch-Republikanischen Armee, die damals in den Kinderschuhen steckte, gelöst hat. Die Erschießung von unbewaffneten Zivilisten auf offener Straße, während sie friedlich demonstrierten bezeugte, dass letztlich der Britische Staat in der Form der Britischen Armee nicht neutral war in dieser Auseinandersetzung zwischen unionistischen Protestanten und katholischen Nationalisten.

Jeske: Das ist fast 50 Jahre her. Wie kann es also sein, dass die Nordirische Staatsanwaltschaft erst heute über eine Anklage entscheidet?

Alioth: Der Weg war sehr, sehr lang, Frau Jeske, denn noch 1972, wenige Wochen nach Bloody Sunday veröffentlichte ein Lord Widgery einen Bericht, in dem er die Opfer beschuldigt. Sie seien bewaffnete IRA Leute gewesen. Die Armee habe in Notwehr gehandelt. Und es war ein sehr langer Weg zurück, ein besonders teurer Weg auch. 12 Jahre lang, von 1998 bis 2010 tagte die Saville-Untersuchungskommission, die dann 2010 zum Schluss kam, die Opfer seien unschuldig gewesen. Die Tötungen seien nicht zu rechtfertigen und der damalige Premierminister Cameron entschuldigte sich sehr formvollendet im Unterhaus damals für den Britischen Staat. Und seither hat die Staatsanwaltschaften überprüft, auf Grund der Ergebnisse von Saville, ob da Strafprozesse stattfinden sollten.

Anklage könnte das Blut in England zum Kochen bringen

Jeske: Die politische Lage in Großbritannien ist aktuell sowieso schon aufgeladen wegen des Brexit. Was würde das denn für Großbritannien bedeuten, wenn durch so eine Anklage jetzt alte Wunden wieder aufgerissen würden?

Alioth: Ich glaube, wenn die Anklage erhoben wird, dann wird dass das Blut in England vor allem zum Kochen bringen, denn die Loyalität der englischen Bevölkerung zur Armee, zu den Sicherheitskräften, ist nach wie vor ziemlich bedingungslos und ungebrochen. Umgekehrt, wenn die Staatsanwaltschaft auf Anklagen verzichten sollte, dann werden die Iren in Nord und Süd, also namentlich die katholischen Bewohner der Insel Irland ihre alten Vorurteile, dass zweierlei Maßstäbe angelegt werden bestätigt sehen und das ist letztlich das Vermächtnis von Brexit, dass diese Vorurteile, diese Ressentiments auf beiden Seiten, auf englischer Seiter eher Ignoranz, auf irischer Seite eher Ressentiments, dass die wach gekitzelt wurden und deshalb sind wir jetzt wieder um mindestens 20 Jahre zurückgeworfen worden.

Jeske: Letzte Frage mit der Bitte um eine kurze Antwort: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Staatsanwaltschaft heute diese Anklage tatsächlich erhebt?

Alioth: Ich bin da sehr unsicher. Ich meine, die Anklage wird erhoben, kann aber sehr wohl Unrecht haben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk