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StartseiteKalenderblattBlowin' in the wind24.08.2007

Blowin' in the wind

Vor 20 Jahren wurde der erste deutsche Windenenergiepark in Betrieb genommen

Das Kaiser-Wilhelm-Koog war Ursprungsort einer neuen Energieform, deren Bedeutung mit der Zeit zunehmen wird: die Windenergie. Bis 2020 könnte sie 25 Prozent des deutschen Energiebedarfs decken. Ausgangspunkt war die Errichtung des ersten Windenergieparks am 24. August 1987.

Von Mathias Schulenburg

In die Windenergietechnik wird viel Forschung und Geld investiert. (AP)
In die Windenergietechnik wird viel Forschung und Geld investiert. (AP)

"Wo die Möwen schreien schrill im Sturmgebraus
da ist meine Heimat, da bin ich zuhaus'!" (Lale Andersen)

An Wind fehlt es wirklich nicht in Friesland, vor allem nicht im Kaiser-Wilhelm-Koog, einer der zugigsten Ecken Deutschlands. Ein Koog ist ein eingedeichtes Stück Land; in diesem Fall hatte Kaiser Wilhelm I. die Eindeichung veranlasst. So ein Deich schweißt zusammen, wie Bürgermeister Ernst-Otto Wilks weiß:

"In der Gemeindevertretung herrscht sagenhafte Einigkeit, dat gifft es in keiner anderen Gemeinde, glaube ich, so wie im Wilhelmskoog. Und Stückzahl haben wir um die dreihundertneunzig Inwohner im Koog. Schoop ham wir noch'n paar mehr, als wie Inwohner."

Auf die Idee, mit Windenergie Strom zu erzeugen, waren die Koog-Bewohner schon 1919 gekommen. Damals stellten einzelne Bauern kleine Windturbinen auf, um ihren Eigenbedarf an Strom zu decken. Doch dann wurde die Technik von den großen Energieerzeugern verdrängt. Erst in den siebziger Jahren, als der Widerstand gegen den Ausbau der Atomenergie massiv wurde, trat die Idee von der Stromerzeugung durch Wind wieder in den Vordergrund. Die ersten Versuche waren zwar technisch ein Flopp – das monströse Windrad "Growian" wurde bald wieder abgerissen.

Dann aber - die Freunde der Windkraft hatten nicht locker gelassen - wurde Deutschlands erster Windpark im Kaiser-Wilhelm-Koog errichtet und am 24. August 1987 feierlich eingeweiht. Seither hat sich dem Schreien der Möwen und dem Blöken der Schafe das Geräusch von Windrotoren und Getriebekästen zugesellt, und die Windkraft erlebt eine Renaissance.

Die größten serienmäßig produzierten Windmühlen-Kaliber von heute übertreffen den einstigen Riesen "Growian" bei weitem, weiß Jochen Möller von der Firma Windtest:

"Ich würde schon sagen, dass das Quantensprünge sind, wenn man die Entwicklung heutzutage sieht. Der ‚Growian’ hatte zwar auch schon drei Megawatt, aber die heutigen Windenergieanlagen, moderne Anlagen, schaffen bis fünf Megawatt und drüber weg."

Heute produzieren im Kaiser-Wilhelm-Koog Windkraftanlagen mit einer Gesamtanschlussleistung von 27 Megawatt rund 80 Millionen KWh/Jahr, die ins öffentliche Versorgungsnetz eingespeist werden. Diese Leistung reicht aus, um 17.000 Haushalte mit Strom zu versorgen.

Den meisten Einwohnern Frieslands scheint die sogenannte "Verspargelung der Landschaft" nichts auszumachen - und den Touristen auch nicht. Interessierte Gäste können sich bei der Ostfriesland-Touristik den Plan für eine friesische Mühlentour bestellen, einen Radrundkurs über 250 km, der an vielen historischen Mühlen, aber auch an modernen Windparks vorbeiführt. Denn die Geräuschentwicklung hält sich in Grenzen.

Und in der Windenergie-Technik ist noch Luft. Windräder zur Stromerzeugung können noch leistungsstärker, effizienter, leiser und eleganter werden. Die Gefahr einer globalen Klimakatastrophe heizt auch der Windkraft weiter ein. Günstigenfalls, heißt es beim Windenergieverband BWE, könnten vor den Küsten der Nord- und Ostsee bis zum Jahr 2020 Windparks mit einer Gesamtkapazität von zehn Gigawatt installiert sein. An Land erwartet der Verband bis dahin eine Kapazität von 45 Gigawatt, dann würde die Windenergie in Deutschland mehr als 25 Prozent des Strombedarfs decken.

Der Wind hätte die Kernkraft abgelöst, und das mit denkbar geringen Risiken. Denn während die größtmögliche Havarie eines Kernkraftwerks unmessbaren Schaden anrichten würde, ließe sich über die größtmögliche Havarie eines Windrades nur sagen, dass da offenbar tatsächlich ein großes Windrad umgefallen ist. Die Rotorenbetreiber werden denn auch von Versicherungen umschwärmt, während die vermeintlich sicheren AKWs ohne Versicherungsschutz auskommen müssen. Für sie haftet der Bürger.

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