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StartseiteUmwelt und VerbraucherWirtschaftsmodell inspiriert von der Natur03.07.2015

Blue EconomyWirtschaftsmodell inspiriert von der Natur

Keine Abfälle und keine Armut, weil Ressourcen so genutzt werden, dass damit die Grundbedürfnisse aller gestillt werden. Das klingt zwar wie Utopie, aber mit dem Wirtschaftsmodell der "Blue Economy" könne es Wirklichkeit werden - davon ist zumindest Begründer Gunter Pauli überzeugt. Ein Pilotprojekt gibt es zum Beispiel in Simbabwe.

Von Leonie March

Ein Feld mit Mais, im Hintergrund ein Fluss und eine Viehherde in Simbabwe. (picture-alliance / ZP / Frank Baumgart)
Abgeerntete Maisstauden werden im Blue-Economy-Projekt in Simbabwe nicht länger verbrannt, sondern für die Pilzzucht weiterverwendet. (picture-alliance / ZP / Frank Baumgart)
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Agnes Chakwanira steht breitbeinig auf ihrem kleinen Feld in Simbabwes Mashonaland. Mais und Bananen baut sie hier an. Früher haben wir die abgeernteten Stauden verbrannt, erzählt sie. Doch damit sei jetzt Schluss.

"Wir sammeln die Stiele und Blätter ein, kochen sie und mischen sie mit Kuhdung. Auf diesem Substrat züchten wir Pilze."

In einem unscheinbaren Häuschen baut Agnes Austern- und Shitakepilze an. Sie sprießen aus Säcken mit den abgekochten pflanzlichen Abfällen und brauchen nicht viel Pflege. Regelmäßiges Gießen reicht, sagt die Kleinbäuerin strahlend. Kaufen muss sie nur die Pilzbrut.
"Nach der Ernte können wir das Substrat weiterverwenden. Wir arbeiten es wie Kompost in die Erde ein und bauen Gemüse darauf an. So gedeiht es viel besser als früher."

Vermeintliche Abfälle als Ausgangsstoff für das nächste Produkt

Die kleine Pilzzucht funktioniert nach den Prinzipien der "Blue Economy": ein Kreislaufmodell inspiriert von der Natur. Genutzt werden lokale Rohstoffe, vermeintliche Abfälle dienen als Ausgangsstoffe für das nächste Produkt. Müll existiert nicht mehr.

Gunter Pauli, Gründer der so genannten Blue Economy (picture alliance / dpa / Foto: David Chang)Gunter Pauli, Gründer der so genannten Blue Economy (picture alliance / dpa / Foto: David Chang)Gut zweitausend Kilometer entfernt, im südafrikanischen Kapstadt, sitzt der Vordenker der Blue Economy, Gunter Pauli, in einem Café. Im Vorfeld der Klimakonferenz von Kyoto hatte er die Null-Emissions-Initiative, Zeri, gegründet. Ein globales Netzwerk, das seitdem entsprechende Innovationen unterstützt und wissenschaftlich prüft. Pauli selbst verdient sein Geld mit Büchern und Vorträgen - die Projekte und Geschäftsideen der Blue Economy stehen für jeden frei zugänglich online. So produzieren etwa chinesische Fabrikanten Papier aus Steinstaub - ohne umweltschädliche Bleichmittel oder forstwirtschaftliche Monokulturen.

"Was bedeutet es zum Beispiel, wenn China für 100 Millionen Tonnen Papier keine Zellulose und kein Wasser mehr braucht. Wenn wir den Energieverbrauch mit Faktor 1.200 runterbringen können. Es ist nicht nur umweltfreundlicher, es ist auch billiger. Und die Qualität ist so gut, dass wir es für die nächsten paar hundert Jahre nachnutzen können."

Ideen wie diese würden besonders in Schwellen- und Entwicklungsländern auf großes Interesse stoßen, erzählt Pauli. In Europa oder den USA verhinderten dagegen festgefahrene Strukturen und Denkmuster ein Umschwenken auf die "blaue Ökonomie".

Pauli: Größte Herausforderung ist die Ignoranz

"Der Markt, so wie wir den Markt entwickelt haben, ist ein Markt, wo wir eigentlich Mangel und Armut brauchen, um einen Preis setzen zu können. Gibt es keinen Mangel, gibt es keinen Markt. Ich glaube die größte Herausforderung bleibt die Ignoranz. Wir sind uns unserer ganzen Möglichkeiten gar nicht bewusst."

In der verarmten Bevölkerung in Ländern wie Simbabwe können diese neuen Möglichkeiten jedoch eine ganze Existenz verändern. Agnes Chakwanira hat ihre Pilze mittlerweile geerntet. Jetzt brutzeln sie in einer Pfanne auf der Feuerstelle. Im Gegensatz zu früher hat ihre Familie nun immer etwas zu essen und außerdem ein Einkommen.

"Meine Nachbarn kommen fast täglich vorbei und fragen, ob sie Pilze kaufen können. Außerdem beliefere ich unseren Dorfladen. Die Nachfrage ist also größer als meine kleine Produktion. Deshalb will ich mein Geschäft demnächst auch erweitern."

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