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StartseiteKalenderblattBlutiges Ende einer Protestbewegung02.11.2012

Blutiges Ende einer Protestbewegung

Vor 25 Jahren wurden zwei Polizisten bei einer Demonstration gegen die Startbahn West erschossen

Am Abend des 2. November 1987 verfügt die Polizei die Auflösung einer Demonstration an der Startbahn West in Frankfurt. Eine Hundertschaft verfolgt flüchtende Demonstranten, als Schüsse fallen. Neun Polizisten werden verletzt, zwei tödlich. Die blutige Eskalation löste eine Schockwelle aus und spaltete die Gesellschaft.

Von Christian Berndt

Polizisten trauern über den Tod zweier Kollegen am 2. November 1987 während einer Demonstration an der Startbahn West. (dpa/Roland Witschel)
Polizisten trauern über den Tod zweier Kollegen am 2. November 1987 während einer Demonstration an der Startbahn West. (dpa/Roland Witschel)
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2. November 1987, es ist 20.40 Uhr, die Polizei verfügt die Auflösung der Demonstration an der Mauer der Startbahn West des Frankfurter Flughafens. Es fliegen Molotowcocktails, Leuchtpistolen werden abgeschossen, Barrikaden brennen. Eine Hundertschaft der Polizei verfolgt Demonstranten, die in ein Waldstück fliehen. Da fallen aus dem Dunkel Pistolenschüsse. Neun Polizisten werden verletzt, zwei tödlich. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik sterben Polizisten bei einer Demonstration. Bereits am nächsten Morgen wird das Mitglied einer militanten Gruppe als mutmaßlicher Täter verhaftet und später wegen Totschlags zu 15 Jahren Haft verurteilt. Ein weiterer Mittäter zu vier Jahren. Die Todesschüsse bedeuteten das Ende der Protest-Bewegung gegen die Startbahn.

Schon als 1962 der Bau einer neuen Startbahn für den Frankfurter Flughafen beschlossen wurde, folgten bald Klagen. Aber erst nach der Gründung einer überregionalen Bürgerinitiative, die ab 1978 mit Informationsveranstaltungen auf die geplante Zerstörung des Naturschutzgebietes aufmerksam machte, erreichte man eine größere Öffentlichkeit. Als dann 1980 die Rodungen begannen, demonstrierten 15 000 Menschen vor Ort. Der Bauplatz wurde besetzt, ein Hüttendorf samt Kirche entstand.

In der Bewegung engagierten sich Menschen aller sozialen Schichten, Parteien und Generationen, auch militante, Ausschreitungen provozierende Autonome waren dabei, die allerdings weitgehend unter sich blieben. Auf die Aktionen der Startbahngegner reagierte die Polizei teilweise mit brutaler Härte, wie bei der Räumung des Hüttendorfes 1981:

"Wenn Sie das vorhin gesehen haben, was da vor sich ging. Da haben sich Leute, nicht innerhalb, sondern außerhalb des Dorfes, hingesetzt. Da ist die Polizei ausgeschwärmt und hat draufgeschlagen. Auf Frauen und Mädchen, auf die Köpfe haben sie draufgeschlagen, getreten haben sie. Also so was habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Ich bin jetzt 65."

1984 wurde die Startbahn West eröffnet. Doch die Proteste setzten sich fort, die Bürgerinitiative organisierte weiterhin wöchentliche Sonntagsspaziergänge zur Startbahn. Aber die Bewegung bröckelte, dafür traten jetzt gewalttätige Autonome dominanter auf. Auch unter friedlichen Demonstranten stieg aus Enttäuschung die Gewalttoleranz. Die Öffentlichkeit nahm von den Auseinandersetzungen kaum noch Notiz - bis zu den Schüssen am 2. November 1987. Der spätere CDU-Innenminister Rudolf Seiters sah darin das Resultat einer neuen Protestkultur:

"Die Koalitionsfraktionen und das Bundeskabinett werden sich mit diesem schrecklichen Vorgang befassen, der ja nicht alleine steht. Über die Duldung eines rechtsfreien Raumes in der Hamburger Hafenstraße, über die gewalttätigen Demonstrationen in Wackersdorf bis hin zu dem Mord an der Startbahn West führt ein und dieselbe Spur. Und deswegen sage ich, der demokratische Staat wird sich mit aller Entschiedenheit zur Wehr setzen."

Konservative sprachen von einer neuen Terrorgefahr und verwiesen auf die RAF. Dagegen sahen Experten vom Verfassungsschutz in dem Polizistenmord einen Einzelfall. SPD-Chef Hans-Jochen Vogel warnte davor, Demonstranten pauschal als Gewaltsympathisanten zu verunglimpfen. Sowohl die Bürgerinitiative, die die politische Verantwortung für die Morde übernahm, als auch die Grünen, die ihren Aufstieg in Hessen auch der Startbahn-Bewegung verdankten, standen in der Kritik. Innerhalb der Linken folgte eine intensive Gewaltdebatte. Die Autonomen distanzierten sich zwar mehrheitlich von dem Mord, aber nicht grundsätzlich von der Gewalt:

"Ich möchte es auch nicht nur darauf belassen, dass wir uns nur wehren, dass es nur um die Mauerstreben oder so etwas geht. Wir wissen sehr genau, dass wir mit diesen Leuchtraketen, dass wir mit den Steinen, dass wir mit den Molotowcocktails auch irgendwo Menschen, und damit die Bullen in dem Moment verletzten können. Und das ist ein wohl einkalkuliertes Risiko, dass das passieren kann."

Die Grünen-Fraktion im Bundestag beschloss, jede Zusammenarbeit mit Autonomen abzulehnen. Von CDU-Politikern kamen Forderungen nach schärferen Gesetzen. 1989 wurde im Bundestag die sogenannte "Startbahn-West-Novelle" verabschiedet mit den bis heute umstrittenen Verschärfungen des Vermummungsverbotes und des Landfriedensbruch-Paragraphen. Der Mord an den Polizisten blieb ein Einzelfall.

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