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StartseiteKultur heuteBlutrote Lavaströme aus der "inneren Maschine"22.02.2005

Blutrote Lavaströme aus der "inneren Maschine"

Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt Walter Stöhrer

<strong>Walter Stöhrer gehört mit seiner spontanen, nicht den Moden der Zeit angepassten Malerei zu den rebellischen Einzelgängern der deutschen Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So heißt es in einem Einladungstext der Staatsgalerie Stuttgart über den vor wenigen Jahren gestorbenen Künstler, der sich einer für die Moderne ungewöhnlichen Technik bediente. "Die Kunsthalle Karlsruhe" heißt ein Motiv. Es ist eine lavierte Federzeichnung von 1957. Mit Kaltnadel auf Bütten unter dem Titel "memorabilia" machte Stöhrer Anfang der Sechziger weiter. Mischtechnik auf Hartfaserplatte folgte. Farbig, gestisch, wild, geht es auf den Bildern und Radierungen von Walter Stöhrer zu. Die Bilder sind wie sie heißen "Nervenwaage" oder "Farbradierung". Christian Gampert sah sie in der Staastgalerie Stuttgart.</strong>

Von Christian Gampert

Punk und Avantgarde-Musik trieben Stöhrer beim Schaffensprozess an (Stock.XCHNG)
Punk und Avantgarde-Musik trieben Stöhrer beim Schaffensprozess an (Stock.XCHNG)

"Ich bin ein vollständiger Abgrund" und "Ich habe es nur auf das Uhrwerk der Seele" abgesehen" - Sätze von Antonin Artaud, zu denen Walter Stöhrer Radierungen gefertigt hat, 1969, mitten in der politischen Bewegung der Bundesrepublik, und Sätze, die auch von Stöhrer selbst stammen könnten. Immer wieder hat der in Stuttgart geborene Maler, Zeichner und Graphiker sich auf die Literatur bezogen, auf Breton und Rolf Dieter Brinkmann, auf Pavese und Paul Valéry; und Schriftzüge nehmen in vielen Radierungen großen Raum ein, als abstraktes kompositorisches Element neben den amöbenhaften, in Teile zerlegten tiermenschlichen Wesen - hilflose, unvollständige Gestalten, die uns gleichwohl freundlich zuwinken.

Die Stuttgarter Ausstellung hat ein überzeugendes Konzept. Sie konfrontiert gleich im ersten Raum die monochrom getönten frühen Radierungen aus den sechziger Jahren, die dieses figuratives Zeichen-Arsenal entwickeln, mit den Monotypien der letzten Jahre, auf denen die nun wieder fröhlicher sich gebärdenden Menschenwesen übermalt sind von ausladenden farblichen Gesten. Das Erste und das Letzte: man hat also gleich zu Beginn den ganzen Spannungsbogen parat, und das im mönchisch-kargen, kubisch-weißen Steinbau, in dessen Mitte Vitrinenschränke stehen - aus deren Schubladen man die Blätter einzelner Radier-Zyklen dann herausziehen kann.

Walter Stöhrer ist 2000 an der Ostsee, in Scholderup gestorben, wo er die letzten Lebensjahre intensiv gearbeitet hat. Er war erst 63 Jahre alt. Die dort ansässige Stöhrer-Stiftung hatte die Idee zu dieser Rückschau, die von Ulrike Gauss kuratiert wird:

Wir sollten mal untersuchen, was die Radierung für eine Rolle spielt in Bezug auf die Malerei. Und man kann eben bemerken, wie die Radierung den kompositionellen und figürlichen Lösungen vorausgeht, dass sie wie ein Katalysator, wie ein Zünder wirkt. Und die Radierung selbst ist ja eine ganz aufregende Technik; allein schon im Prozess des Entstehens passiert einiges Unkontrollierbare - das muß einen Künstler wie Stöhrer, der so spontan arbeitet, natürlich erst recht reizen.

Das Aufregende sind die immer neuen Wirkungen der ätzenden Säure auf der Platte. Stöhrer, der bei dem Holzschneider HAP Grieshaber studiert hatte, war allerdings finanziell oft so abgebrannt, dass er sich die Kupferplatten gar nicht leisten konnte und auf Zink arbeitete. Aber man sieht in der Ausstellung sofort, daß die Druckgraphik eine Art Gerippe, ein schwer erarbeitetes Skelett war für das, was sich dann in der Malerei abspielte: sich in das Bild einritzen, einkritzeln, eingraben - wie bei Cy Twombly. Gleichzeitig sind da diese wilden expressiven Pollockschen Gesten, die in den großen blutroten Ölbildern aussehen wie Lavaströme oder wie verwischte Satellitenfotos: die Erde von sehr weit oben.

Der Maler Stöhrer arbeitete mit sehr viel weißen Leerflächen, in die sich dann die Farbelemente schieben - es wird nie völlig abstrakt, es bleiben immer noch Lebewesen-ähnliche Teile. Und ins Bild integrierte Druckblätter, die Motive vorgeben und schwunghaft übermalt und weitergesponnen werden. Hier bewegt sich also jemand immer auf der Grenze zwischen Radierung und Malerei, zwischen Figuration und Abstraktion - und auch zwischen Leben und Tod. Es sind Bilder eines Verzweifelten: lineare Figuren ohne Plastizität, die schweben, intrauterin oder im Weltall, und uns seltsame Signale senden. Allein die aus literarischen Texten entliehenen Titel sind Programm: "Ich meißle mein Gedicht in Wind und Stein", "In deinem Namen, Tod, Freund mein".

Während die abstrakten Amerikaner wild mit Farbe spritzten und gegenständliche Kollegen wie etwa Baselitz ihre Figuren groß und klobig aufmotzten, wusste Walter Stöhrer schon früh um die Kleinheit und Begrenztheit des Lebens und der Künstlerexistenz. Die Stuttgarter Ausstellung hat nun hochkarätige Exponate aus allen Werkphasen zusammengetragen, einen kleinen Teil aus Beständen der Staatsgalerie, einen großen Teil aus Scholderup, aus der Stöhrer-Stiftung, und wichtige Radierzyklen aus Privatsammlungen, zum Beispiel die vollständige Mappe "Die Bewegung der Zähne". In Bewegung brachte sich Stöhrer beim Malen durch Musik, neueste E-Musik, Avantgarde-Punk, alles, was seine "innere Maschine" antreiben konnte. Und die in schöner Bescheidenheit gestaltete Ausstellung kann auch unser Auge in Bewegung bringen, entlang der Radierlinien, der Farbströme, hin zu Walter Stöhrers seltsamen Bild-Wesen, die uns einen letzten Gruß zuwinken, lächelnde, fragmentierte Embryonen im leeren Raum.

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