Freitag, 19.04.2019
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKommentare und Themen der WocheHilfen für Betroffene hinken dem Fortschritt hinterher22.03.2019

Bluttests für SchwangereHilfen für Betroffene hinken dem Fortschritt hinterher

Das Wissen um einen Gendefekt beim Kind könne werdenden Eltern helfen, sich frühzeitig darauf einzustellen, kommentiert Burkhard Schäfers. Die meisten von ihnen würden jedoch in ihrem Schock allein gelassen, sogar zum Schwangerschaftsabbruch gedrängt. Es fehle an Beratung und Hilfen für betroffene Paare.

Von Burkhard Schäfers

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Blutproben (Symbolbild) (imago / Science Photo Library)
Ein Bluttest für Schwangere, mit dessen Hilfe sich Trisomien bei Embryos erkennen lassen, soll künftig im Fall von Risiko-Schwangerschaften von den Krankenkassen bezahlt werden (imago / Science Photo Library)

Was ist das Leben eines Kindes wert, bei dem schon vor der Geburt klar ist, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit nach wenigen Tagen sterben wird? Das Zysten im Gehirn hat und einen Herzfehler – wie häufig bei Trisomie 18. Die Frage ist existenziell, und immer wieder müssen werdende Eltern darauf eine Antwort geben. Auch, wenn sie verzweifelt, gelähmt und überfordert sind.

Schwangerschaften werden heute engmaschig von Ärzten begleitet. Das ist gut – und wirft zugleich schwerwiegende ethische Fragen auf.

Ein massives Problem in der Pränataldiagnostik

Der nun debattierte Bluttest zur Diagnose von Gendefekten wie Trisomie 13, 18 oder 21 - seit 2012 in Deutschland auf dem Markt - ist ein Wendepunkt: Dabei ist kein riskanter Eingriff nötig. Eine Schwangere muss sich lediglich etwas Blut abnehmen lassen, dass im Labor untersucht wird.

Eines der Produkte heißt "Harmony-Test" – allein der Name verspricht gleichsam die perfekte Wellness-Schwangerschaft: "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Pränatalmedizinerin." Der Bluttest suggeriert eine Sicherheit, die es nicht gibt. Leben ist immer lebensgefährlich, auch schon in der Schwangerschaft.

Natürlich kann das Wissen um einen Gendefekt beim Kind werdenden Eltern helfen, sich frühzeitig darauf einzustellen. Die meisten von ihnen jedoch werden in ihrem Schock alleingelassen, womöglich sogar zum Schwangerschaftsabbruch gedrängt. Beratung und Hilfen für betroffene Paare hinken dem medizinischen Fortschritt weit hinterher. Seit vielen Jahren ist dies ein massives Problem in der Pränataldiagnostik – das niemand ernsthaft angeht.

Einen Bluttest-Automatismus brauchen wir nicht

Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen hat heute empfohlen, dass die Kassen den Bluttest im Einzelfall bezahlen sollen – bei Schwangerschaften mit besonderen Risiken.

Das mag erstmal vernünftig klingen. Schon heute aber werden 70 Prozent aller Schwangerschaften per Eintrag im Mutterpass offiziell als "riskant" gelabelt. Das gilt etwa für alle Frauen über 35, für werdende Mütter mit Übergewicht oder Heuschnupfen.

In der Debatte hilft es deshalb, nach dem Ziel des Bluttests zu fragen. Trisomien sind nicht heilbar. Warum sollen die Kassen ein Produkt bezahlen, das mehrere hundert Euro kostet, aber niemanden gesund macht? Zumal ein auffälliges Test-Ergebnis nach wie vor mittels einer Fruchtwasseruntersuchung überprüft werden muss.

Verschiedene katholische Verbände, darunter die Caritas, meinen, der Test teile Embryos danach ein, ob ihr Leben lebenswert sei oder nicht. Eltern, die sich für ein Kind etwa mit Down-Syndrom entscheiden, gerieten unter wachsenden Rechtfertigungsdruck.

Der medizinische Fortschritt lässt sich nicht zurückdrehen. Eine Art Bluttest-Automatismus darf es trotzdem nicht geben. Zu wenig Wissen kann schaden – zu viel Wissen allerdings auch.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk