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StartseiteDeutschland heuteMieter müssen wegen Brandschutzmängeln ausziehen11.07.2018

Bochumer HochhausMieter müssen wegen Brandschutzmängeln ausziehen

In Bochum müssen Mieter in einem Mehrfamilienhaus innerhalb von 14 Tagen ihre Wohnungen verlassen - weil diese erhebliche Brandschutzmängel aufweisen. Der schlechte Zustand des Hauses ist seit Jahren bekannt, unternommen wurde nichts. Das hat auch etwas mit dem Immobilienmarkt im Ruhrgebiet zu tun.

Von Andrea Groß

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Aufnahme eines Bochumer Hochhaus an der Wittenerstraße/Ecke Lohring, das wegen Brandschutz-Problemen von den Mietern verlassen werden muss. (dpa / Roland Weihrauch)
Eigentümer des Hauses in Bochum ist die Immonex Property GmbH - deren Firmensitz bis vor Kurzem aus einem Briefkasten bestand (dpa / Roland Weihrauch)
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"Teilweise ist es massiv, aber hier oben ist es auch rigipsähnlich."

Matthias Seibt demonstriert das Problem des Zehn-Stockwerke-Hauses an der Wittener Straße in Bochum: die Wände zwischen den Appartements sind Leichtbauwände. Wenn ein Feuer ausbräche, würde innerhalb kurzer Zeit das ganze Haus in Flammen stehen.

Matthias Seibt wohnt nicht in dem Haus, er betreibt dort eine Beratungsstelle für Menschen, die schlechte Erfahrungen mit psychiatrischen Einrichtungen gemacht haben. Seit 13 Jahren hat er Räume für Verwaltung und Beratung angemietet und für zwei Krisenzimmer, in denen er kurzzeitig Menschen unterbringen konnte, die gerade nicht wussten, wohin.

Schlechter Zustand seit Jahren bekannt

"Eines der Krisenzimmer war belegt. Der Mann ist in dem Trubel dann geflüchtet."

Die Immobilienfirma Immonex Property GmbH, Vermieterin der Wohnungen im Haus, hat allen Mietern Ersatzwohnungen angeboten – auch der Beratungsstelle von Matthias Seibt..

"Eine Villa in Dortmund-Bövinghausen wurde uns angeboten. Das ist Jottwede. Wir sitzen hier 800 Meter vom Hauptbahnhof an einer U-Bahn-Haltestelle. Das ist nichts Gleichwertiges. Außerdem müssen wir in Bochum bleiben. Unsere Telefonnummern werden teilweise seit 20 Jahren beworben."

Matthias Seibt sucht jetzt auf eigene Faust weiter. Die Telefone will er solange auf sein Handy umleiten. Seibt erhebt schwere Vorwürfe gegen die Bochumer Bauaufsichtsbehörde. Seit Jahren sei dort der schlechte Zustand des Hauses bekannt gewesen. Gemacht wurde nichts.

Das der Zustand des Hauses schlecht war, war in der Tat bekannt, sagt Markus Bradtke, Baurat der Stadt. Der Eigentümer sei deswegen auch wieder und wieder angemahnt worden.

"Der frühere Eigentümer hat die Mängellisten schleppend bis gar nicht abgearbeitet. Wir haben natürlich darauf geachtet, dass die dringlichsten Sachen gemacht werden. Die Summe der nicht beseitigten Mängel hat leider nicht ausgereicht, die Nutzung zu untersagen. Das ist ein schwieriger Abwägungsprozess. Um auch gerichtsfest zu bleiben und auch angemessen zu handeln, können wir nicht wegen irgendwelcher Lappalien die Nutzung untersagen."

Praktisch kein Feuerschutz

Das Haus ist in den 1960er Jahren ordnungsgemäß geplant und genehmigt worden, aber offenbar nicht ordnungsgemäß gebaut worden. Dass die Innenwände praktisch keinen Feuerschutz gewähren, sagt Baurat Bradtke, sei erst bekannt geworden, als die Wände bei Sanierungsarbeiten vor zwei Wochen geöffnet worden sind. Da sich das nicht um eine Lappalie handele, sei die Räumung des Hauses angeordnet worden. Dass es mehr Häuser aus der Zeit gibt, die genehmigungswidrig gebaut worden sind, kann die Stadt Bochum nicht ausschließen.

Bei Bauten aus späteren Jahren allerdings schließt die Stadt Pfusch aus, da die Baubegleitung sehr viel enger geworden sei.

Dem Bochumer Mieterschutzverein ist das Haus in der Wittener Straße gut bekannt. Nicht nur wegen des fehlenden Brandschutzes. Mieter hatten auch von Ratten berichtet und von Regen, der durch das Dach tropft. Auch den Vermieter, die Immonex Property GmbH kennen die Mieterschützer gut, sagt Sprecher Aichard Hoffmann.

"Es hat mehrere Firmensitzwechsel gegeben. Zur Zeit residiert sie auch in der Wittener Straße 87. Das heißt, das Haus ist auch Firmensitz. Gleichwohl hat sie bis vor ganz Kurzem dort kein Büro gehabt. Das heißt, der Firmensitz hat dann offensichtlich aus einem Briefkasten bestanden."

Windige Immobiliengeschäfte im Ruhrgebiet

Eine Briefkastenfirma, deren einziger Zweck es ist, eine Immobilie zu besitzen – die Vorbehalte des Bochumer Mietervereins sind groß. Dieser beobachtet, dass das Ruhrgebiet offenbar sehr geeignet ist für windige Immobiliengeschäfte. Aus mehreren Gründen. Aichard Hoffmann:

"Es sind hier halt auch Wohnungsmärkte gewesen, die lange Zeit als entspannt galten, wo deshalb wenig investiert worden ist, weil dann beispielsweise auch so Hartz IV-Vermietungsverhältnisse gegriffen haben."

Die Mietpreise, so stellt Aichard Hoffmann fest, orientierten sich dabei nicht an dem Mietspiegel der jeweiligen Stadt, sondern an dem, was Bedürftigen an Wohngeld zustehe. Die Mieter des Hauses an der Wittener Straße mussten für 30 Quadratmeter 380 Euro Warmmiete zahlen.

Einen solch günstigen Quadratmeterpreis werden sie kaum wiederfinden. Ahmet Alwash, ein syrischer Flüchtling, ist im letzten Augenblick in einer ähnlichen Ersatzwohnung von Immonex untergekommen.

Der 22Jährige hätte momentan auch gar nicht die Zeit eine dauerhafte Bleibe zu suchen. Daher ist er erst einmal erleichtert:

"Auf jeden Fall. Weil ich in der Schule bin. Und am 15. August habe ich Prüfung. Das hat mich richtig gestört. Also hat meine Zeit, meine Tage, alles gestresst."

Vermieter sind gesetzlich dazu verpflichtet bei Brandschutzmängeln ihren Mietern adäquate Ersatzwohnungen. Immerhin ist Immonex dem über das erwartete Maß hinaus nachgekommen, heißt es seitens des Bochumer Mieterschutzvereins.

Seit dem Vormittag ist das Haus in der Wittener Straße leer und von der Stadt versiegelt. Alle, sagt ein Sprecher der Immonex, haben eine Wohnung gefunden. Alle, bis auf Matthias Seibt und seine Beratungsstelle.

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