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StartseiteForschung aktuell"Klimabedingungen beeinflussen Regenwurmpopulationen"25.10.2019

Bodenökologe"Klimabedingungen beeinflussen Regenwurmpopulationen"

Eine neue Studie zeigt: Längere Trockenperioden sind schädlich für Regenwurmgemeinschaften. Dann gingen Regenwurmdichten und Diversität im Boden zurück, sagte Mitautor Nico Eisenhauer im Dlf, und damit auch die Prozesse, die von Regenwürmern angetrieben werden.

Nico Eisenhauer im Gespräch mit Ralf Krauter

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Eine Handvoll Regenwürmer
Eine weitere Erkenntnis der Studie: die Gesamtbiomasse aller Regenwürmer an einem Ort ist in aller Regel größer als die Gesamtbiomasse aller am selben Ort lebenden Säugetiere
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Ralf Krauter: Regenwürmer wirken im Verborgenen und leisten wichtige Beiträge zum Funktionieren der Ökosysteme. In einer konzertierten Aktion unter Federführung deutscher Bodenökologen haben Wissenschaftler nun erstmals eine globale Inventur der Regenwurmpopulationen gemacht. In die Studie, publiziert heute im Fachmagazin "Science", flossen Daten von 6.928 Standorten aus 57 Ländern ein. Ich habe Professor Nico Eisenhauer vom Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig vor der Sendung gefragt: Welche neuen Einsichten haben Sie und Ihre Kollegen anhand dieses Datenschatzes gewonnen?

Nico Eisenhauer: Zunächst einmal gibt es zum ersten Mal solche globalen Karten zu der Verbreitung von Regenwürmern. Das ist an sich schon mal ein großer Wert. Darüber hinaus konnten wir zeigen, dass ganz lokal, also wenn man jetzt sich an einem Standort befindet und dort die Regenwürmer zählt, dann ist es so, dass die Muster, die man sieht, abweichen von den Mustern, die wir oberirdisch kennen. Also oberirdisch wissen wir, wenn wir uns in den Tropen bewegen, dann finden wir mehr Pflanzen- und Tierarten als das in eher nördlichen Gefilden zum Beispiel der Fall ist. Das haben wir für Regenwürmer so nicht gefunden. Da haben wir gesehen, dass in temperaten Gebieten zum Beispiel durchaus mehr Regenwurmarten und auch -dichten vorkommen können, lokal betrachtet. Wenn das auf regionaler Ebene betrachtet wird, dann sind wir da noch nicht ganz soweit. Wir können noch nicht wirklich sagen, wie die regionale Vielfalt global aussieht. Das heißt, wenn wir jetzt Standorte vergleichen, wenn wir jetzt von einem Bereich des Waldes in einen anderen Bereich des Waldes gehen, dann kann es durchaus sein, dass in den Tropen da ganz unterschiedliche Regenwurmgemeinschaften vorkommen. Das heißt, diese lokalen Ergebnisse und die regionalen Ergebnisse, die müssen noch zusammengebracht werden, und da muss man auch diesen räumlichen Aspekt miteinbeziehen.

"100 bis 300 Tiere pro Quadratmeter"

Krauter: Ein anderer spannender Befund: Sie kommen zu dem Schluss, die Gesamtbiomasse aller Regenwürmer an einem Ort, die ist in aller Regel größer als die Gesamtbiomasse aller am selben Ort lebenden Säugetiere. War das ein überraschender Befund?

Eisenhauer: Für uns als Bodenökologen war das jetzt nicht ganz so überraschend, weil wir schon länger an dem Thema arbeiten, aber wenn wir jetzt zum ersten Mal Vergleiche mit anderen Organismengruppen anstellen, dann ist das schon für die Wissenschaftswelt vielleicht überraschend. Das war eine wichtige Erkenntnis, die dann auch transportiert werden muss, dass wir in den Boden schauen müssen. Da ist so viel - nicht nur Vielfalt, sondern auch Biomasse vorhanden, die natürlich abhängig vom Ökosystem dann auch die Biomasse von oberirdischen Tieren überschreiten kann.

Krauter: Wenn man mal auf so einen typischen Quadratmeter Boden, sagen wir, in Deutschland gucken, wie viel Biomasse an Regenwürmern käme da zusammen? Reden wir da über Kilogramm?

Eisenhauer: Wenn wir jetzt in den temperaten Wäldern zum Beispiel uns Regenwurmpopulationen anschauen, dann finden wir lokal meistens so zwischen zwei und acht Arten, sage ich mal, und wir finden auch abhängig von den Umweltbedingungen vielleicht bis zu 100 bis 300 Tiere pro Quadratmeter, und wenn man diese 300 Tiere dann mal ungefähr 1,5 Gramm nimmt, das ist dann ungefähr so die Biomasse, die auf einem Quadratmeter vorkommt, und dann kann man das natürlich auf den Hektar oder Quadratkilometer, wie auch immer, hochrechnen.

Klima bedingt Boden und Regenwurmpopulationen

Krauter: Das wäre immerhin so ein halbes Kilo oder sowas dann pro Quadratmeter, wenn ich jetzt richtig gerechnet habe. Lassen sich aus dieser umfassenden Datensammlung über Regenwürmer denn jetzt Aussagen über die künftige Entwicklung dieser ja so wichtigen Ökosystemingenieure im Boden ableiten?

Eisenhauer: Ja, das ist ein ganz wichtiger Aspekt dieser Studie, indem wir zeigen konnten, dass vor allem Klimabedingungen, zum Beispiel Temperatur und Niederschlag eben Regenwurmpopulationen im Boden beeinflussen. Will heißen, wenn es zu längeren Trockenperioden kommt und das auch noch in einem wärmeren Klima, dann ist das eher schädlich für Regenwurmgemeinschaften, dann gehen Regenwurmdichten und Diversität im Boden zurück und damit auch die ganzen Prozesse, die von Regenwürmern angetrieben werden.

Krauter: Haben Sie bei alle diesen 3.000 bisher bekannten Regenwurmarten einen persönlichen Favoriten?

Eisenhauer: Mein Lieblingstier ist Lumbricus terrestris, der Tauwurm, weil das ein Tier ist, was man relativ häufig findet, gut ansprechen kann, und der macht auch ganz verrückte Dinge, der sammelt alles, was er so an der Bodenoberfläche findet, an dem Eingang seines Baus ein, und diese Bauten, die sind relativ langfristig. Tiere können da mehrere Jahre drin verbringen, und diese Konstanz, dieser räumliche Bezug, das gefällt mir irgendwie. Das ist ein permanenter Bau, der teilweise sogar bis zwei Meter in den Boden reichen kann, und damit werden Umwelten geschaffen, die dann auch wichtig sind für andere Lebewesen im Boden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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