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StartseiteKultur heuteDas Märchen von Amazon25.07.2019

Börsenverein des Deutschen Buchhandels kritisiert die "Stiftung Lesen"Das Märchen von Amazon

Die "Stiftung Lesen" will zum Weltkindertag im September zusammen mit dem Internethändler Amazon eine Million Märchenbücher verschenken. Dass die kleinen Buchhandlungen dabei außen vor bleiben, kritisiert Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer der Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Alexander Skipis im Gespräch mit Maja Ellmenreich

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Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Foto: Claus Setzer)
"Amazon bekämpfen": Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels (Foto: Claus Setzer)

Maja Ellmenreich: Erstmal soll es um das gute alte "Es war einmal" gehen – um das Vorlesen, ohne das die Chancen, selbst einmal zum Vielleser zu werden, gegen Null gehen. Gemütlich aneinandergekuschelt der Stimme von Mama, Opa, Tante oder Babysitter zu lauschen – die Forschung bestätigt es –, das ebnet den Weg zum Dasein als Leseratte. Die "Stiftung Lesen" macht sich stark dafür mit einer Vielzahl von Programmen zur Leseförderung. Erntet jetzt aber, und zwar nicht zum ersten Mal, heftige Kritik für das "Wie" und das "Mit Wem" einer Aktion. Zum Weltkindertag im September wollen die "Stiftung Lesen" und der Internethändler Amazon eine Million Märchenbücher verschenken – darin: elf Märchen der Brüder Grimm und eine Handvoll neu geschriebener Geschichten. Verteilt werden sollen diese Gratisbücher von den Buchhandelsketten Thalia und Hugendubel. Insbesondere der Börsenverein des Deutschen Buchhandels schlägt Alarm; er vertritt die Interessen der Verlage und des Buchhandels in Deutschland.

Alexander Skipis ist Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins: Was ist so schlimm daran, dass ein großer Spieler des Buchmarktes sich gemeinsam mit der "Stiftung Lesen" für Kinder engagiert, bei denen das Lesen und Vorlesen womöglich nicht Teil des Familienalltags ist?

Alexander Skipis: Das ist ja gerade das, was so sympathisch herüberkommt: Gerade für Kinder, die sonst nicht viel mit dem Lesen zu tun haben, etwas zu tun. Das ist die eine Seite. Die andere ist die: Die deutsche Buchbranche - und dafür steht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels - setzt sich ein für einen vielfältigen und qualitätsvollen Markt. Es ist unser Anliegen, einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen einer Gesellschaft zu leisten. Und in so einer Situation ist eine Aktion wie diese - ich werte das einfach als eine verkappte Marketingaktion vor allen Dingen des großen Internetbuchhändlers Amazon, um an Daten von Kunden zu kommen und entsprechend sein Geschäft auszuweiten.

Das Entscheidende ist, dass die Strategie von Amazon die ist, als einziger Intermediär zwischen Leser und Autor aufzutreten. Also im Grunde genommen: Das ist genau die Strategie, die Amazon fährt. Sie möchten gerne die Verlage und natürlich auch die Buchhandlungen vom Markt verschwinden sehen. Und deshalb ist es natürlich sehr bedauerlich, dass die "Stiftung Lesen", deren Gründungsmitglied übrigens der Börsenverein war, sich praktisch zum Steigbügelhalter einer solchen Strategie macht. Da muss man zweimal drüber nachdenken, ob man die gesamten kleinen und mittleren Buchhändler außen vorlässt, denn diese sind die, die die wahre Leseförderung in Deutschland machen: jeden Tag in den Buchhandlungen, in den Schulen. Und sie dabei außen vor zu lassen und nicht zu berücksichtigen, ja sie noch nicht einmal zu fragen - das ist schon ein starkes Stück. Deswegen habe ich auch gesagt, dass wir das zum Anlass nehmen werden unsere Mitgliedschaft bei der "Stiftung Lesen" zu überprüfen.

Börsenverein denkt über Austritt aus der Stiftung Lesen nach

Ellmenreich: Der Buchhandel, den der Börsenverein des deutschen Buchhandels vertritt, ist ja nicht ganz außen vor gelassen. Denn die Buchhandelsketten Thalia und Hugendubel, die auch zu ihnen gehören, zum Börsenverein des Deutschen Buchhandels, die sind ja schon dabei. Also, der stationäre Buchhandel wird ja nicht komplett außen vor gelassen.

Skipis: Nein, der wird nicht komplett außen vor gelassen. Aber es sind zwei große Buchhandelsketten da. Wir stehen allerdings vor allen Dingen auch für die Qualität und Vielfalt im Markt. Das heißt, die vielfältigen, vor allen Dingen kleinen und mittleren Buchhandlungen, die in der Regel auch die sind, bei denen Bücher neuer Autoren entdeckt werden, die ein hohes Beratungsgeschäft leisten und vor allem Leseförderung, die bleiben außen vor. Da ist genau der Punkt, den wir kritisieren.

Ellmenreich: Keiner verbietet Ihnen aber ja, dass der stationäre Buchhandel, die kleinen Buchhandlungen, so was auch auf die Beine stellen.

Skipis: Das wäre durchaus möglich.

"Amazon mit allen Mitteln bekämpfen"

Ellmenreich: Kann Amazon überhaupt irgendetwas richtig machen in Ihren Augen, oder ist schon die pure Existenz quasi die Provokation?

Skipis: Nein, überhaupt nicht! Wir sind sehr dafür, dass es Wettbewerb gibt, der hat uns letztendlich groß gemacht. Deutschland ist der zweitgrößte Markt der Welt und ein Vorbild weltweit. Aber es geht halt schon darum, dass wir genau diese filigrane Struktur erhalten. Und das ist eben das erklärte Ziele von Amazon, das nicht zu erhalten. Ich zitiere Jeff Bezos, der gesagt hat: Verlage muss man jagen wie Gazellen. Das heißt nichts anderes, als dass er sie gerne alle vom Markt hätte. Und deshalb ist Amazon für uns ein Player in diesem Markt, den wir mit allen Mitteln bekämpfen.

Ellmenreich: Sie haben gerade schon angesprochen, dass Sie vom Börsenverein jetzt überdenken, die Mitgliedschaft im Stifterrat der "Stiftung Lesen", die sich eben stark macht für die Leseförderung, zu überdenken. Ist das verhältnismäßig, oder kann man vielleicht auch sagen: Die schießen hier mit Kanonen auf Spatzen?

Skipis: Nö, ich halte das absolut für verhältnismäßig, weil das nicht der erste Fall ist. Es hat in der Vergangenheit - und da spreche ich vielleicht von den letzten zehn, fünfzehn Jahren - immer wieder Aktionen gegeben, die am Buchhandel vorbei geplant worden sind. Das haben wir auch oft zwischen der "Stiftung Lesen" und dem Börsenverein besprochen, aber letztlich keine Besserung herbeiführen können. Und insofern, muss ich ehrlich sagen, kritisieren unsere Mitglieder den Börsenverein zu Recht. Auch wenn wir die "Stiftung Lesen" aus sicherlich guten Gründen mitgegründet haben, muss man sagen, dass die Strategie der "Stiftung Lesen" mit unseren Zielen kaum noch vereinbar ist. Und insofern werden wir das ganz in Ruhe überdenken und eine Entscheidung treffen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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