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StartseiteKalenderblattBöse, spöttisch, scharf, deftig30.10.2006

Böse, spöttisch, scharf, deftig

Zum 25. Todestag des Chansonniers Georges Brassens

Er war eine Ikone, doch das interessierte ihn nicht. Preise wie den der Académie francaise nahm er unbeeindruckt entgegen. Für ihn zählte seine Unabhängigkeit, seine Authentizität und seine Musik: Heute vor 25 Jahren starb der französische Chansonnier Georges Brassens.

Von Eva-Maria Götz

Der französische Dichter und Chansonnier Georges Brassens (AP Archiv)
Der französische Dichter und Chansonnier Georges Brassens (AP Archiv)

" Ich habe mich immer für das Chanson interessiert. Meine Mutter und mein Vater haben sich dafür interessiert und ich bin ihnen gefolgt. Mit fünf, sechs Jahren habe ich gesungen. Schlecht, aber ich sang. Ich habe immer schlecht gesungen, aber immer mit Hingabe. "

Georges Brassens, geboren am 21. Oktober 1921 in Sète in Südfrankreich, gestorben fast auf den Tag genau 60 Jahre später, ebenfalls in Sète, wo er, an einem Nierenleiden erkrankt, am Ende seines Lebens wieder wohnt. Seine Erfolge als Chansonnier in der Tradition von Francois Villon oder Aristide Bruant, seinen Aufstieg zum wichtigsten, stilprägenden Bühnenstar im Frankreich der Nachkriegszeit jedoch erlebt er in Paris.

" Ich bin ein alter Pariser seit 1940, ich habe niemals außerhalb von Paris gelebt, ich liebe Paris. "

Der Beginn seiner Karriere ist mühsam. Die ersten Bühnenauftritte des ungelernten Arbeiters bei Renault, der einige Kriegsjahre als Zwangsarbeiter in Deutschland verbringt, sich als Autodidakt durch die Bibliotheken liest, sich auch das Gitarrespielen selber beibringt und für die Anarchistenzeitung "Libertaire" Artikel und Gedichte schreibt, sind ohne Erfolg und Resonanz. Erst die Bekanntschaft mit der einflussreichen Sängerin Patachou, die ihn 1953 in ihrem berühmten Club am Montmartre auftreten lässt, bringt den Durchbruch.

Böse, spöttisch, scharf und durchaus deftig sind die Texte, mit denen er das Bürgertum und Teile der Kritik zunächst verschreckt. Unverwechselbar ist von Beginn an sein äußeres Erscheinungsbild: die kurzen dunklen, später grauen Locken, der breite Schnurrbart, ein unscheinbarer Anzug, die Pfeife im Mund, die Gitarre in der Hand: der Archetypus des rebellischen, lässigen Franzosen.

" Ich beschäftige mich nicht so sehr mit mir. Ich schreibe, was mir durch den Kopf geht und ich versuche, das gut zu machen, und ich versuche nicht, dem Bild zu entsprechen, das man sich von mir in der Öffentlichkeit macht. "

Das Publikum liebt ihn, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Und er lässt sich nicht vereinnahmen, bleibt Anarchist und Atheist, schreibt in seinen Liedern Liebeserklärungen an Huren, Diebe und Outsider, an Menschen, die nicht wie er auf der Sonnenseite des Lebens stehen:

Chanson pour l'Auvergnat, 1. Strophe

" Es ist für dich dies Lied
Du, der Kohlenhändler, der du einfach so
Mir vier Scheite Holz geschenkt hast
Als es kalt in meinem Leben war
Du, der du mir Feuer gabst als
Die erbärmlichen Hündinnen und Hunde
All die wohlmeinenden Leute
Mir die Tür vor der Nase zugeschlagen hatten
Nur ein Holzfeuer war's
Aber es hat mir den Leib gewärmt
Und in meiner Seele brennt es noch
Ganz wie ein Freudenfeuer. "

Seine Texte und Melodien, die auf den ersten Blick so einfach und direkt wirken, sind kunstvoll und sorgfältig komponiert, sie werden stilbildend für alle nachfolgenden Generationen von Liedermachern weltweit und bis heute übersetzt und nachgespielt.

Den Poesie-Preis der Académie francaise nimmt er 1967 nonchalant, aber nicht wahnsinnig beeindruckt entgegen. Seine Verklärung zum Nationalheiligen, dessen Texte fester Bestandteil des literarischen Kanons sind, interessiert ihn noch weniger. Sein unspektakuläres Privatleben, immer dieselbe Wohnung, dieselbe Frau, dieselben Freunde, bleibt tabu. Noch im Tod schlägt er der Öffentlichkeit ein Schnippchen: Als sein Ableben, am 29. oder 30. Oktober 1981 bekannt wird, ist er schon begraben. Nicht auf dem berühmten "Cimetière marin", zu dem die Journalisten eilen, sondern abseits, auf dem "Cimetière des pauvres", dem Armenfriedhof.

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