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StartseiteCorsoSuperstars der Langsamkeit18.01.2020

Bohren & der Club of GoreSuperstars der Langsamkeit

Bohren & der Club of Gore aus Nordrhein-Westfalen haben sich mit aufreizend langsamer Instrumentalmusik weltweit einen Namen gemacht. Die Stücke des neuen Albums sind erstaunlich kurz, tragen aber gewohnt rätselhafte Titel. "Mit Humor hat das nichts zu tun", stellt Saxophonist Christoph Clöser klar.

Christoph Clöser im Corsogespräch mit Fabian Elsässer

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(Kim von Coels)
Bohren & der Club of Gore (Kim von Coels)

Fabian Elsäßer: Sie haben vor vielen Jahren der Tageszeitung die TAZ gesagt: Wenn man so wenig spielt, ist jeder Ton wichtig -   inwiefern?

Christoph Clöser: Wenn man nur wenige Töne benutzt, muss jeder Ton sitzen, dann kann man keinen einzigen Ton sozusagen verschwenden oder halbherzig spielen, nein, man muss sich sehr genau überlegen, was man wo macht. Und da wir ja auch langsam unterwegs sind, kann man praktisch das Stück sehr genau verfolgen. Ja.

Elsäßer: Ein weiterer Satz aus diesem Interview, der mir aufgefallen is war ihre Aussage "Das Arbeiten an diesen Stücken ist richtig körperlich anstrengend". Worin besteht dann diese Anstrengungen dabei: die Konzentration zu halten oder was genau ist es?

Clöser: Ja also, die Konzentration ist ganz wichtig, dass man die Konzentration nicht verliert, auch über die Länge der Stücke. Die alten Stücke waren ja meistens länger als die jetzt auf "Patchouli Blue", wo wir unsere, wie ich sage, erhabene Langsamkeit in kürzeren Stücken zur Blüte bringen als bei den alten Stücken. Aber auch bei den neuen Stücken ist es immer schwierig, den Fokus zu behalten

"Für uns war das immer schon Pop"

Elsäßer: Kann man sagen, Bohren & Der Club of Gore treten jetzt durch diese Verkürzung der Stücke in einer Art persönliche Pop Phase?

Clöser: Wir haben uns schon immer als Pop oder Volksmusik empfunden, was wir da machen. Das hat sich so ergeben, dass zumindest ein Teil der Stücke, der überwiegende Teil in diesem Fall kürzer its. Also unter sechs Minuten, was so normal unsere Standardzeit war. Sechs bis acht Minuten, im Extremfall auch mal 26. Und jetzt, auf der neuen Platte, sind halt viele Stücke nicht länger als fünf.

Elsäßer: Was glauben sie macht für den Hörer den besonderen Reiz von Bohren & der Club of Gore aus?

Clöser: Ich könnte mir vorstellen, also die Leute, die das mögen, dass ein Aspekt ist, dass da jeder sich seinen eigenen Film zu machen kann. Seine eigenen Bilder entwickeln kann, und vor allen Dingen ein sehr breites Spektrum von Bildern. Ich empfinde die Musik anders als in ihrer Anmoderation, jetzt eher nicht als düster, nein, sondern wie gesagt....

Elsäßer: Aber Molltonarten stimmt schon?

Clöser: C-Moll, um genau zu sein.

Elsäßer: Immer?

Clöser: Schon mal.

Elsäßer: Wo wir es gerade von Filmen hatten oder auch davon, eben etwas im Kopf zu erzeugen, die eigene Fantasie anzuregen: ich finde gerade jetzt auf diesen neuen Album die Titel wieder mal wahnsinnig fantasievoll. "Glaub mir kein Wort", "Tief gesunken", oder auch "Deine Kusine". Aber drückt irgendeines dieser Stücke tatsächlich eine Empfindung aus, die man mit einem der Titel in Verbindung bringen könnte? Ich finde sowieso immer die Betitelung von Instrumentals manchmal etwas willkürlich. Damit meine ich jetzt nicht Sie, sondern generell, das kann man ja im ganzen Jazz beobachten.

"Mit Humor hat das nichts zu tun"

Clöser: Die Titel sind nicht willkürlich, aber ich gebe Ihnen recht, dass man bei instrumentaler Musik manchmal denken könnte, dass das nicht so wichtig ist. Obwohl wir halt nur Instrumental spielen, für uns sind die sehr wichtig, denn unsere Alben haben immer irgendwie eine musikalische Idee dahinter und einen Raum, in dem sich das irgendwie abspielt. Es muss zusammenpassen, und im günstigsten Fall ergeben die Titel für sich auch eine Geschichte

Schlagzeuger und Saxophonist Christoph Clöser von der Band Bohren & der Club of Gore steht vor einer Fotowand im DLF-Studio (Deutschlandradio/Adalbert Siniawski)Schlagzeuger und Saxophonist Christoph Clöser von der Band Bohren & der Club of Gore (Deutschlandradio/Adalbert Siniawski)

Elsäßer: Was wäre es bei "Patchouli Blue", die da als Leitmotiv dahinter steckt?

Clöser: Patchouli Blue, ja, das klingt gut. Das ist ganz wichtig. Und es klingt auch ein bisschen albern.

Elsäßer: Wie wichtig ist Humor bei der ganzen Geschichte?

Clöser: In der Musik gibt's keinen Humor.

Elsäßer: Ah!

Clöser: Nö. Mit Humor hat das nichts zu tun.

Die Schnarcher und der Aktivist

Elsäßer: Sie haben jetzt schon gesagt, Sie spielen ausschließlich Instrumental, aber das stimmt nicht ganz. Es gibt eine große Ausnahme, nämlich "Beileid" aus dem Jahr 2011 mit Mike Patton, dem stilistisch furchtlosen Sänger der Crossover Metal Band Faith No More. Wie ist das zustande gekommen?

Clöser: Wir produzieren ja ziemlich langsam, und um die lange Zeit zwischen zwei "richtigen Werken", sag ich mal, zu überbrücken, haben wir gedacht, wir bringen mal so ein kürzeres Werk raus. Wir hatten uns auch grad so'n neues Örgelchen gekauft und so. Und es lag noch ein Stück auf Halde, was wir auch gerne raus bringen wollten. Aber zwei Stücke waren uns zu blöd. Dann sind wir eben auf die Idee gekommen. Wir machen eine Coverversion. Und zwar eben von "Catch my heart" von Doro Pesch beziehungsweise Warlock damals noch. Eine German Metal Ballade. Und es wurde immer langsamer und der Text im Original ist ziemlich spärlich. Und irgendwann war klar, da muss jetzt ein richtiger Chef her, der das singt. Und all unsere, wie soll ich sagen, Wünsche, die wir vorher hatten: Adamo, Jimmy Scott, Sade, sowas halt waren nicht verfügbar oder für uns nicht greifbar. Und dann sind wir am Ende doch wieder auf Mike Patton gekommen, der natürlich als erster Name fiel, weil wir mit dem zutun haben, weil unsere Platten in Amerika bei seinem Label Ipecac erscheinen und wir mehrfach den getroffen haben und immer mal wieder verabredet haben, was zusammen zu tun. Aber der Link zu dem Patton erschienen uns erstmal zu naheliegend. Aber irgendwann, als uns die Kandidaten ausging, hab ich dem ne Mail geschrieben, hab dem das erklärt. Und dann hat er gesagt okay

Elsäßer: Was ist das für ein Typ eigentlich? Ich stelle mir den ziemlich irre vor, sehr energetisch.

Clöser: Ja, so ein Aktivist. Ich würd mal sagen: das Gegenteil von uns Schnarchern. Ja, er macht halt viel. Und wir haben immer gedacht: um Gottes Willen. Jetzt haben wir Angst, dass er irgendwann hier rüberkommt und das Stück mit uns spielen will.

Meisterwerke, die Zeit brauchen

Elsäßer: Ich könnte mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die ihre Musik vielleicht zu langsam oder vielleicht sogar langweilig finden. Oder eintönig. Was ist denn Musik, die Sie selbst langweilig finden?

Clöser: Also, ich glaube erst mal, es gibt jetzt kaum einen Stil, wo es nicht auch tolle Musik gibt, wenn man die richtigen Lieder kennt. Aber was mich persönlich zum Beispiel nicht anspricht, ist Salsa.

Elsäßer: Kann man sagen: wenn es Ihnen zu fröhlich wird?

Clöser: Nein, das kann man nicht sagen. Mir kann es nicht fröhlich genug sein. (verzieht keine Miene)

Elsäßer: Aber sie verstehen auch, dass man Sie automatisch, dass so bestimmte Zuschreibungen sich einem irgendwie ins Hirn drängen. Wenn man eben von Erhabenheit ihrer Musik mal auf die Künstler Rückschlüsse nimmt.

Clöser: Ich weiß nicht, ob ich das verstehe. Ich selber versuche, das im umgekehrten Fall, wenn ich irgendetwas toll findet, zu vermeiden, also vom Werk dem sozusagen auf den Autor zurück zu schließen. Jetzt zu denken, wir machen langsame Musik und wir sind trübe Tassen, finde ich jetzt lustig, ist nicht so, aber von mir aus gerne.

Elsäßer: Aber Sie haben sich gerade selber als Schnarcher bezeichnet!

Clöser: Wir arbeiten langsam. Als Schnarcher, verglichen mit Leuten wie Patton - jederzeit. Wenn Du langsame Musik machst, musst Du langsam arbeiten, weil Du dir alles genau überlegt musst. Und was den Schaffensprozess angeht, sieht man ja,  was weiß ich: 2000 "Sunset Mission",  2002 "Black Earth", da waren wir flott. 2005, ich glaube dann 2008, auch nicht schlecht. Aber dann sagen wir mal okay, Beileid. 2011, dann Piano Nights, 2014, 2015, jetzt ist es 2020. Also, das sind Meisterwerke, aber die brauchen ihre Zeit.

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