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StartseiteKalenderblattBomben auf ein Idyll30.06.2006

Bomben auf ein Idyll

1946 starteten die USA Atomwaffentests auf dem Bikini-Atoll

Die Marshall-Inseln im Pazifik haben eine wechselvolle Geschichte. Um 1600 von den Spaniern entdeckt, gerieten sie im 19. Jahrhundert unter deutsche Kolonialverwaltung, wurden nach dem Ersten Weltkrieg von Japan beansprucht und 1944 von amerikanischen Truppen besetzt. Bekannt wurde das Bikini-Atoll. Dort begannen die Amerikaner vor 60 Jahren mit einer Serie von Atomwaffentests.

Von Kay Müllges

Bild vom Atombombenabwurf auf Nagasaki am 9. August 1945. (AP Archiv)
Bild vom Atombombenabwurf auf Nagasaki am 9. August 1945. (AP Archiv)

Einige Monate nach dem Abwurf der ersten beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki begannen die Amerikaner mit systematischen Atomtests in der Südsee. Bikini, das bedeutet Palmen im Wind, und damals, am 30. Juni 1946 muss das Atoll im Pazifik auch wirklich einen idyllischen Anblick geboten haben. Seine knapp 170 Bewohner waren vor kurzem auf weit entfernte Inseln umgesiedelt worden, jetzt warteten nur noch 150 Ziegen, 150 Schweine und über 3000 Ratten auf das große Ereignis. Um 18.30 Uhr wurde Able aus dem Flugzeug abgeworfen. Die Atombombe hatte eine Sprengkraft von 23 Kilotonnen und explodierte 153 Meter über dem Atoll. Keines der Tiere überlebte, doch die amerikanischen Militärs und Wissenschaftler waren beeindruckt.

Der Test markiert auch den Beginn des gigantischen Wettrüstens der Supermächte. Schon 1949 verfügten auch die Sowjets über ihre eigene Atombombe. Im Pentagon dachte man da bereits über eine neue Superwaffe, die Wasserstoffbombe nach. Eine Entwicklung, die auch Albert Einstein beunruhigte:

"Die Wasserstoffbombe erscheint am Horizont der Öffentlichkeit als wahrscheinlich erreichbares Ziel. Ihre beschleunigte Entwicklung wird vom Präsidenten feierlich proklamiert. Ist sie erfolgreich, so bringt sie radioaktive Versuchung der Atmosphäre und damit die Vernichtung alles Lebendigen auf der Erde in den Bereich des technisch Möglichen. Das Gespenstische dieser Entwicklung liegt in ihrer scheinbaren Zwangsläufigkeit. Jeder Schritt erscheint als wesentliche Folge des Vorangehenden."

1953 begannen die US-Amerikaner mit Tests der Wasserstoffbombe im Bereich des Bikini-Atolls. Cornelius Schenkel, Reporter der Stimme Amerikas, war Augenzeuge an Bord des Beobachtungsschiffes Mount McKinley:

"Seit einigen Sekunden zählt eine Stimme im Lautsprecher. Zero - jetzt, jetzt flammt ferne am morgendunklen Horizont ein Licht von 500 Sonnen auf."

Faszination und Erregung des Reporters sind unüberhörbar, genau wie die politische Tendenz der Reportage:

"Die amerikanische Regierung hat jede nur erdenkliche Vorsichtsmaßnahme getroffen, damit keine Menschenleben gefährdet werden. An Bord des Schiffes Mount McKinley ist man von einem mit unerschütterlicher Gewissheit überzeugt, dass warnende Abschreckung die beste, die einzige Verteidigung gegen Angriffspläne, das einzige Mittel zur Verhütung des furchtbarsten Krieges ist."

In Wahrheit wurden durch die Tests sehr wohl Menschenleben gefährdet. Allein der größte Atomtest der Amerikaner auf dem Bikini-Atoll, die Operation Castle Bravo verstrahlte 236 Einwohner der Insel Rongelap und 23 Matrosen an Bord eines 110 Kilometer entfernten japanischen Fischkutters. Der Vorfall veranlasste den britischen Philosophen und Literaturnobelpreisträger Bertrand Russell, an die Öffentlichkeit zu gehen:

"Die breite Öffentlichkeit und selbst die offiziellen Machthaber haben noch nicht begriffen, was ein Kernwaffenkrieg wirklich bedeuten würde. Im Allgemeinen denkt man noch in alten Kategorien, wie der Zerstörung einzelner Städte. Wir wissen jedoch, besonders nach den Tests auf dem Bikini-Atoll, dass Nuklearbomben in einem langsamen Prozess weit größere Gebiete zerstören können als ursprünglich angenommen worden war."

1957 beendeten die Amerikaner ihre Atomtests auf dem Bikini-Atoll. Insgesamt zündeten sie dort 67 Nuklearladungen mit einer Gesamtzerstörungskraft von 7000 Hiroshima-Bomben. Die 1946 umgesiedelten Einwohner Bikinis konnten 1974 auf ihr kaum noch wiederzuerkennendes Atoll zurückkehren. Doch schon drei Jahre später mussten sie ihre Heimat wieder verlassen, die Strahlenbelastung war zu groß. Frühestens im Jahr 2010, andere Experten sagen sogar frühestens 2040, dürfte das Atoll wieder bewohnbar sein.

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