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StartseiteTag für TagLetzte Missionsreise und gewaltsamer Tod 18.12.2014

Bonifatius - Märtyrer und HeiligerLetzte Missionsreise und gewaltsamer Tod

Apostel der Deutschen und Baumeister des christlichen Europas (Teil 4)

Als Bonifatius bereits über 80 Jahre alt ist, überlässt er seinen Bischofssitz Mainz seinem Schüler Lul und begibt sich noch einmal auf eine Missionsreise nach Friesland. Am 5. Juni 754 fielen er und seine Begleiter dort einem Raubmord durch eine friesische Räuberbande zum Opfer. Im Anschluss wurde er als Märtyrer verehrt.

Lutz von Padberg im Gespräch mit Rüdiger Achenbach

Vor dem St.-Petri-Dom im nordhessischen Fritzlar steht die Statue des heiligen Bonifatius, dem "Apostel der Deutschen". (picture-alliance / dpa - Uwe Zucchi)
Bonifatius gilt als Wegbereiter des Christentums in Deutschland. (picture-alliance / dpa - Uwe Zucchi)
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Lutz von Padberg: Mir scheint es so zu sein, dass ihm die Mission am Ende seines Lebens dann doch noch wichtiger gewesen ist. Vielleicht sollte das ein Zeichen von ihm sein.

Rüdiger Achenbach: Ist das dann auch der Grund, auf den Bischofstuhl von Mainz, den er inzwischen innehatte, zu verzichten und dort seinen Schüler Lul als Nachfolger einsetzen zu lassen? Oder hat er schlichtweg auch resigniert?

Von Padberg: Also erst einmal war es ja so, dass er ursprünglich Erzbischof von Köln werden sollte. Das war diese Planung eines metropolitanen Systems. Das ist aber gescheitert - wiederum am Widerstand einiger rechtsrheinischer Bischöfe. Insofern war Mainz ein Bistum, kein Erzbistum, für ihn eigentlich nur eine Art Abfindung.

"Er war ein sogenannter Missionserzbischof"

Achenbach: Denn man muss ja immerhin sehen, dass er päpstlicher Legat war und den Rang des Erzbischofs schon hatte, wenn auch ohne festen Amtssitz.

Von Padberg: Richtig. Er war ein sogenannter Missionserzbischof und er brauchte eigentlich, wenn er die Reform so wie er sie durchsetzen wollte, die Position eines Erzbischofs mit Sitz. Aber das gab es so eben im Frankenreich noch nicht. Da hat die Opposition der Bischöfe durchgeschlagen. Da konnte er nichts ausrichten und das vermochte auch Pippin damals so noch nicht durchzusetzen. Ich sagte ja schon, erst Karl dem Großen ist das gelungen. Dass er dann Lul als Nachfolger hat einsetzen lassen, hängt einfach damit zusammen - man muss auch die menschliche Perspektive sehen, dass Bonifatius damals über 80 Jahre alt war. Er hat seine Verhältnisse geordnet. Wenn wir der Lebensbeschreibung von Willibald von Mainz glauben dürfen, wusste er, dass er dem Tode nahe war. Er hat sich, als er nach Friesland reiste, von seinen Vertrauten verabschiedet. Er hat sogar ein Leichentuch mit einpacken lassen und hat Lul praktisch die Geschicke seines Amtes übergeben - übrigens mit Zustimmung Pippins.

Achenbach: Pippin hat also zugestimmt, was natürlich auch ein Beweis dafür ist, dass der Kontakt zwischen den beiden nie restlos abgerissen war.

Von Padberg: Richtig.

"Rückkehr zu den Wurzeln seiner zweiten Karriere"

Achenbach: Aber erstaunlich ist, Sie haben das schon angesprochen, die Missionsreise nach Friesland für diesen Mann, der bereits über 80 Jahre alt war. Dort wird er dann am 5. Juni 754 ermordet. Was ist über den Hergang dieses Verbrechens überhaupt bekannt?

Von Padberg: Erst einmal das Problem, warum reist er als ein so alter Mann 753 noch mal nach Friesland, das inzwischen in großen Teilen ins Frankenreich integriert worden war. Es ist schwer darüber zu spekulieren. Auch in den Briefen des Bonifatius finden wir kaum direkte Hinweise, denn anders als der moderne Mensch hat der Mensch des Frühmittelalters nicht öffentlich über seine Motive nachgedacht. Ich habe aber trotzdem den Eindruck, dass es so etwa war wie die Rückkehr zu den Wurzeln seiner zweiten Karriere, der Karriere als Missionar. Er mag geahnt haben, dass er nicht mehr lange zu leben hat, und wollte zurück an den Ort, wo er mit der Mission begonnen hat - Friesland - und hat dort eine Missions- und Visitationsreise geplant.

Um Pfingsten 754 herum sind wohl eine ganze Reihe Friesen getauft worden und sie sollten jetzt - wenige Tage nach Pfingsten gefirmt werden. Das war eine Großveranstaltung. Man muss sich das so vorstellen, dass außerhalb des Ortes Dokkum ein Zeltlager aufgebaut worden ist, wo Bonifatius mit seinen 51 Begleitern lebte, und dass dann in der Umgebung bekannt gemacht worden ist, an dem und dem Zeitpunkt werden die getauften Friesen gefirmt. Da sollten dann auch eine ganze Reihe Menschen hinströmen. Das muss offensichtlich eine friesische Räuberbande mitbekommen haben, die sich Hoffnung auf große Beute machte. An einem Morgen - dem des 5. Juni - haben sie das Lager gestürmt und alles umgebracht, was ihnen vor das Schwert gekommen ist. Das muss ein fürchterliches Gemetzel gewesen sein, von dem es keine direkten Augenzeugen gibt. Er hat - soweit wir das wissen, das müssen wir immer dazu sagen im Mittelalter - niemand überlebt.

Achenbach: Man natürlich hier auch deutlich darauf achten müssen, was ist Legende und was ist historisch noch nachzuvollziehen.

Von Padberg:. Wenn ich eben gesagt habe, es hat niemand überlebt, gilt das für die Kirchenleute. Von der Räuberbande, von deren Größe wir nichts wissen, aber sie kann nicht ganz klein gewesen sein, haben natürlich die meisten überlebt. Sie sind hinterher, wie in der Quelle berichtet wird, zum Teil gefangen und getötet worden, zum Teil aber immerhin auch begnadigt worden und sind dann Christen geworden. Übrigens - wenn sie es nicht schon gewesen sind. Also was das für eine Bande war, ist schwer zu sagen. Er können durchaus auch christliche Räuber gewesen sein, die gab es ja schließlich auch.

"Das hat mit Martyrium nichts zu tun"

Achenbach: Unter diesen Umständen lässt sich natürlich auch schwer sagen, warum man Bonifatius als Märtyrer, der für seinen Glauben von Heiden umgebracht wurde, dargestellt wurde.

Von Padberg: Wenn man es ganz genau nimmt, ist er einem Raubmord zum Opfer gefallen. Das war ein scheußliches Verbrechen, aber das hat mit Martyrium nichts zu tun. Der Definition nach bedeutet Martyrium: um seines Glaubens willen sterben. Das war hier nicht der Fall, das kann man so nicht sagen. Natürlich galt er als Märtyrer. Das ging ganz schnell. Man glaubte daran, dass eine so bedeutende Persönlichkeit, die heilig gemäß gelebt hat, direkt an den Thron Gottes gehoben würde und dass es gewissermaßen eine Verbindung gibt zwischen seinen Gebeinen und seiner neuen Existenz an Gottes Thron und dass er deshalb für die Zurückgebliebenen für bittend bei Gott eintreten könne. Das war fester Glaube in der damaligen Zeit. Seine Anerkennung als Märtyrer hat sich auch ganz, ganz schnell durchgesetzt - zuerst in seiner Heimat in England und dann an den Orten seiner Wirksamkeit, später auch im ganzen Reich.

Achenbach: Auch in Fulda, wo er dann beigesetzt wurde. Aber es gibt dann auch eine Zeit, im 9. Jahrhundert sozusagen ein Höhepunkt, als Bonifatius sehr populär wird als Heiliger. In den folgenden Jahrhunderten wird er an vielen Orten auch wieder vergessen. Wie ist das zu erklären?

Von Padberg: Einmal könnte man sagen, es gab einfach zu viele Heilige, die können nicht alle in gleichem Maße verehrt werden. Heilige hatten auch immer bestimmte Orte, die sie mit ihrer Wirksamkeit verbunden haben. So gilt für Bonifatius, dass er vor allem in Utrecht, also im friesischen Raum, in Mainz, wo sein Bistum war und in Fulda, wo seine Grablege war, verehrt worden ist. Dort ja übrigens so früh so anerkannt, dass es einen ziemlich deftigen Streit um seine Leiche gab. Utrecht wollte sie behalten, Mainz wollte sie behalten. Aber Fulda, das er sich selber ausgesucht hatte, hat den Leichnam dann schließlich bekommen. Ein so bedeutender Heiliger bedeutet auch - man muss es ganz klar sagen - wirtschaftlichen Gewinn für ein Kloster. Denn es kamen Pilger, die an seinem Grab beten wollten, die ihn um Fürbitte anflehten, und die haben ihren Obolus mitgebracht. Der Adel wollte sich auch seiner Unterstützung sicher sein und hat dem Kloster Ländereien geschenkt.

Bonifatius-Renaissance

Achenbach: Und dort in Fulda gibt es dann auch vor allem im 19. Jahrhundert eine sogenannte Bonifatius-Renaissance.

Von Padberg: Die Bonifatius-Renaissance hat zu tun mit der Entwicklung des 19. Jahrhunderts. Viele Kreise des Katholizismus verstanden die Gründung des Nationalstaates als zu liberal und sie fürchteten um eine Los-von-Rom-Bewegung und haben deshalb Bonifatius als den Apostel Germaniens hochstilisiert. Das hat nicht immer so viel mit seiner eigenen Persönlichkeit zu tun, sondern mehr mit solchen kirchenpolitischen Absichten.

Achenbach: Was natürlich auch zwischen den Fronten im Konflikt Protestanten-Katholiken dann eine Rolle spielte, weil man ihn von protestantischer Seite auch gern als Grundsteinleger für die Macht des Papsttums im Mittelalter angesehen hat.

Von Padberg: Genauso ist es. Diese Konflikte werden in der Neuzeit ausgetragen, aber sie haben mit Bonifatius eigentlich relativ wenig zu tun. Es ist oft so, dass Heilige in späterer Zeit instrumentalisiert werden.

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