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StartseiteTag für Tag"Eine ganze Fülle von Legenden"16.12.2014

Bonifatius - Missionsbischof der Germanen"Eine ganze Fülle von Legenden"

Apostel der Deutschen und Baumeister des christlichen Europas (Teil 2)

Nachdem Bonifatius von Papst Gregor II. zum Missionsbischof bei den Germanen ernannt worden war, inszenierte er mit dem Missionsbischof Fällen der Donar-Eiche die Vernichtung eines bedeutenden heidnischen Heiligtums. Da Bonifatius auch neue Pläne für die Kirche im Frankenreich hatte, geriet er schon bald in Konflikt mit den fränkischen Adelsfamilien.

Lutz von Padberg im Gespräch mit Rüdiger Achenbach

Als Schattenriss zeichnet sich am 06.11.2012 die Bonifatiusstatue im nordhessischen Fritzlar (Schwaml-Eder-Kreis) vor einem blauen Himmel ab. (picture alliance / dpa - Uwe Zucchi)
Bonifatiusstatue - hier als Statue in Fritzlar - hat im 8. Jahrhundert die Donareiche gefällt, als Zeichen der Überlegenheit des Christentums über heidnische Kulte. (picture alliance / dpa - Uwe Zucchi)
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Rüdiger Achenbach: Als er dann 723 als offizieller Missionsbischof für Germanien aus Rom ins Frankenreich zurückkehrt, nimmt Karl Martell, der dort in der Politik den Ton angab, ihn unter seinen persönlichen Schutz. Doch Bonifatius stößt bei vielen fränkischen Kirchenfürsten auch auf heftigen Widerstand.

Lutz von Padberg: Die Situation im Frankenreich war nicht so ganz einfach. Es gab Könige, die gehörten dem Geschlecht der Merowinger an. Aber das waren eigentlich nur noch Schattenherrscher. Die Macht lag in der Hand sogenannter Hausmeier, heute würde man sagen Bundeskanzler. Und die gehörten der Familie der Karolinger an. Zu der Zeit, von der wir jetzt sprechen, - Sie nannten es schon - war Karl Martell die beherrschende Persönlichkeit. Der musste allerdings darauf achten, dass er mit der Machtelite, den verschiedenen adeligen Familien des Landes, gut auskam, damit sie seine Macht nicht behinderten oder ihm streitig machten. Das ist die eine, die politische Ebene. Die andere Ebene ist die, dass es Bistümer im Frankenreich gab, deren Bischöfe nicht immer gute Theologen gewesen sind, sondern eher herrschende, fast möchte man sagen, Herzöge, die darauf aus waren, ihre Machtbasis zu verbreitern, und nicht so sehr darum kümmerten, das Christentum im Volk fester zu verankern. Daraus ergaben sich Spannungen. Die fränkische Kirche war eine reine Landeskirche geworden. Es wurden keine Synoden, also keine Kirchenversammlungen abgehalten. Nach Rom gab es fast überhaupt keinen Kontakt. Und jetzt kommt Bonifatius, ein Abgesandter des Papstes. Er hat Pläne. Er will neue Bistümer errichten. Er will die fränkische Kirche neu orientieren. Das gefiel diesen älteren Herrschaften natürlich nicht. Sie fürchteten um ihre Kompetenzen und ihre Machtposition. Damit waren Konflikte vorprogrammiert.

"Eine ganz Fülle von Legenden"

Achenbach: Es soll in den Quellen ja auch Hinweise dafür geben, dass man sogar versucht hat, Bonifatius umzubringen.

Von Padberg: Ja, das ist eine Nachricht in der Vita des ersten Bischofs von Münster Liudger, der selbst als kleines Kind den greisen Bonifatius noch kennengelernt hat. In seiner Lebensbeschreibung ist so ein etwas dunkler Hinweis, dass es Pläne gegeben habe, Bonifatius durch Mordtat zu beseitigen. Ich halte es eher für unwahrscheinlich, dass so etwas in dieser Weise geplant worden ist.

Achenbach: Gehört wahrscheinlich in den Bereich der Legende.

Von Padberg: Ja, natürlich gibt es bei solchen Persönlichkeit wie Bonifatius eine ganze Fülle von Legenden. Das hängt natürlich auch mit der Quellensituation zusammen. Die Lebensbeschreibungen, die wir über ihn haben, stammen von einem Mainzer Priester namens Willibald, der den Bonifatius persönlich nicht kennengelernt hat. Er hatte seine Informationen von Lul. Dieser Lul war ein Vertrauter und der Nachfolger des Bonifatius. Der hatte natürlich auch erkenntnisleitendes Interesse - bei dem, was er Willibald erzählt hat. Und so können, wie das im Mittelalter häufig der Fall ist, leicht Legenden entstehen. Und es ist die Aufgabe der Historiker zu versuchen, die tatsächliche Situation herauszufiltern.

Fällung der Donareiche

Achenbach: Nun ließ sich Bonifatius im Frankenreich durch die Opposition mancher fränkischer Kirchenfürsten nicht einschüchtern. Er hielt konsequent an seinem Rom-Kurs fest. 723 kam es dann bei Geismar in Hessen zu einer spektakulären Demonstration seiner Missionspraxis.

Von Padberg: Ja, das ist die berühmte Fällung der Donareiche bei Geismar, die im 19. Jahrhundert die Historienmaler angeregt hat. Man findet in vielen Büchern entsprechende Gemälde. Man muss sich vorstellen, dass es bei der Mission darum ging zu zeigen, wer der mächtigere Gott ist, die Götter des Heidentums oder der Christengott. Da ging es nicht um irgendwelche dogmatische Auseinandersetzung, es ging um lebenspraktische Effizienz. Oder sagen wir es noch einfacher: Entscheidend war, was dabei herauskam, was nützlich war für die Menschen.   

Achenbach: Also der christliche Gott musste sozusagen als der stärkere dargestellt werden.

Von Padberg: Genauso ist es. Und das wurde zuerst einmal mit der Predigt vermittelt - in farbenreicher, direkter Sprache. Aber ab und zu musste man das auch mal handfest unter Beweis stellen, dass die heidnischen Götter nicht so waren. Und das hat Bonifatius 723 tatsächlich getan, in dem er diesen heiligen Baum gefällt hat. Es wird dann legendenhaft ausgemalt, angeblich sei der Baum in passende Bretter zerfallen, aus denen Bonifatius sofort eine Kapelle errichtet habe und die bedrohlich umherstehenden Heiden hätten sich sofort taufen lassen. Er wird sicherlich ein Höhepunkt gewesen sein - diese Aktion.

Achenbach: Die inszeniert war.

Von Padberg:. Sie war insofern inszeniert, als - natürlich - es vorher bekannt gemacht wurde, denn sonst wäre kaum einer da gewesen. Und zum anderen auch dadurch, dass er nicht um sein Leben fürchten musste, denn in der Nähe stand eine fränkische Garnison bereit, um zur Not eingreifen zu können. Aber es wird schon Eindruck gemacht haben, auf die Bevölkerung.

"Er wollte eben nichts falsch machen"

Achenbach: In dieser Zeit während seiner Missionstätigkeit berichtet Bonifatius dann auch regelmäßig über alle Missstände nach Rom. Und was überrascht, er sichert sich selbst bei den kleinsten Kleinigkeiten durch Rom ab, zum Beispiel ob er mit Bischöfen, die gegen die Vorschriften in Rom verstoßen, überhaupt an einem Tisch sitzen dürfe. Besonders souverän wirkt der Missionsbischof hier nicht gerade. War er autoritätshörig oder ängstlich?

Von Padberg: Ich glaube, er war beides. Es ist wirklich interessant in seinen Briefen zu lesen, was für Fragen er an den Papst gestellt hatte. Da ging es unter anderem auch darum, ob man Speck essen dürfe, Hasen- und Pferdefleisch, oder an welcher Stelle bei der Messfeier das Kreuz zu schlagen sei und so weiter. Manchmal war der Papst auch schon etwas ungehalten und hat zurückgeschrieben: Lieber Bonifatius, das kannst du doch eigentlich auch selber entscheiden. Aber dahinter steckt - Sie haben es Ängstlichkeit genannt - einerseits natürlich die absolute Achtung der Autorität in Rom. Er wollte eben nichts falsch machen. Es gab ja keine Handbücher für all diese Maßnahmen. Und so hat er sich immer erkundigt, um ja nicht das Gesetz Roms zu verletzen. Insofern war er dieser Autorität in Rom hörig. Allein dieser übrigens, nicht unbedingt der politischen. Auf der anderen Seite ist er auch geprägt von einer gewissen Ängstlichkeit, was den richtigen Weg seiner Arbeit angeht, voller Sorge um sein eigenes Seelenheil und der ihm Anvertrauten. Er ist also durchaus nicht dieser Glaubensheld, so wie ihn mache, vor allem im 19. Jahrhundert dargestellt haben, sondern ein Mann mit Schwächen, der nach dem richtigen Weg suchte.

"Eine komplizierte Situation"

Achenbach: Dabei geht ihm die absolute Treue zu Rom über alles und dafür wird er schließlich auch belohnt. Papst Gregor III. macht ihn zum Erzbischof ohne festen Amtssitz. Bei seinem dritten Rom-Besuch wird er sogar zum Legaten, also zum Stellvertreter des Papstes in Germanien ernannt. Es gelingt ihm durch die Unterstützung des Bayernherzogs Odilo ein erster großer Erfolg bei der Kirchenreform in Bayern. Durch die enge Zusammenarbeit mit dem Bayernherzog gerät Bonifatius dann auch in die Ränkespiele der Machtpolitik.

Von Padberg: Das war in der Tat eine komplizierte Situation. Die dritte Romreise 738/739 war für Bonifatius ein grandioser Erfolg. Er war ja inzwischen der wichtigste Mann des Papstes im Norden. In Bayern, das er auf der Rückreise besucht hat, gab es schon eine Kirchenstruktur. Aber es gab politische Auseinandersetzungen zwischen dem Bayernherzog und dem Frankenherrscher. Das war ein ständiges Hin und Her, in dem Bonifatius manchmal auch auf der falschen Seite gestanden hat. Aber schließlich ist es ihm doch gelungen, die bayrische Kirche neu zu ordnen mit den Bistümern Regensburg, Passau, Salzburg und Freising - eine Ordnung übrigens, die bis heute so Bestand hat. Aber dadurch geriet er dann auch in die politischen Machtkämpfe, nach dem Tod Karl Martells, das war 741. Der hatte die Söhne Karlmann und Pippin, die ihm nachfolgten. Aber außerdem auch noch ein Sohn namens Grifo. Und eigentlich wollte Karl den mit dem Reich belehnen. Grifo ist aber von Pippin und Karlmann kaltgestellt worden. Zeitweilig stand Bonifatius wohl mehr auf der Seite von Grifo. Deshalb hatte er ganz schön zu kämpfen, um hinterher sich mit Karlmann und Pippin zusammenzutun.

Achenbach: Das heißt, er hatte vorher sozusagen auf das falsche Pferd gesetzt und musste nun sehen, wie er aus dieser Zwickmühle wieder herauskam. Denn ohne die Hilfe von einen der beiden neuen Machthaber war seine Kirchenreform ja aussichtslos.

Von Padberg:. Das ist genau richtig. Er hat dann auch schnell gesehen, wo der Hase hin läuft, und hat sich mit Karlmann und Pippin zusammengetan. Bonifatius wusste durchaus, politisch zu handeln. Das muss man anerkennen. Eine günstige Voraussetzung war, dass Karlmann und Pippin zeitweilig im Kloster erzogen wurden. Die wussten auch ganz genau, dass man die Kirche als Instrument zur Stabilisierung von Herrschaft einsetzen kann – auch zu einer Art gesellschaftlicher Kontrolle. Deshalb waren auch sie bereit zu reformieren, allerdings immer mit Rücksicht auf die Interessen ihrer Herrschaft und mit Rücksicht auf die Interessen des Adels.

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