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StartseiteEine WeltBoomtown Baku12.07.2008

Boomtown Baku

Über den Ölreichtum in Aserbaidschan

An der Küste des Kaspischen Meers liegen die Reichtümer Aserbaidschans: seine Ölreserven. Im Zuge der ständig steigenden Energiepreise wird das Land zunehmend umworben, sowohl die Europäische Union als auch Russland wollen die Energiequellen des Landes anzapfen. Die großen Ölfirmen wie BP sind schon vor Ort. Eine der Städte, die von dem Ölboom profitieren, ist Baku.

Von Dirk Asendorpf

Begin der Bauarbeiten an der Öl-Pipeline zwischen Baku und Ceyhan. (AP)
Begin der Bauarbeiten an der Öl-Pipeline zwischen Baku und Ceyhan. (AP)
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Boomtown Baku: In der Hauptstadt der Kaukasusrepublik Aserbaidschan wird überall geputzt, renoviert und gebaut. Immer mehr Autos stehen in immer längeren Staus.

Baku liegt zweieinhalbtausend Kilometer östlich von Istanbul am Kaspischen Meer, doch mit seinen Jugendstilfassaden und schattigen Bürgersteigen würde es auch ans Mittelmeer passen. Um 1900 herum war Baku eine der reichsten Städte der Welt, die Hälfte des weltweit verbrauchten Erdöls wurde hier unter Regie der Familien Rothschild und Nobel gefördert. Noch heute stehen ihre Paläste an der Uferpromenade.

Auch der neue Boom hat wieder den alten Grund: Öl. Am Ufer und im ufernahen Bereich des Kaspischen Meers sind die Quellen weitgehend erschöpft, jetzt werden die Lagerstätten weit draußen im Meer angezapft. Mindestens 15 Milliarden Barrel - so viel wie die gesamten Reserven unter der Nordsee - will BP in den nächsten Jahrzehnten fördern. Sieben Milliarden Dollar hat der multinationale Konzern bisher investiert, viele weitere Milliarden werden folgen. Tamam Bayatly ist die lokale Unternehmenssprecherin:

"Aserbaidschan war das erste Land der Region, das ausländische Ölfirmen eingeladen hat, um bei der Erschließung seiner Energieressourcen zu helfen. Deshalb ist Aserbaidschan seinen Nachbarn jetzt voraus. Wir haben die modernsten Bohrturmfabriken und Exportanlagen. Und dieses Terminal ist wohl das größte nicht nur in der Region sondern auf der ganzen Welt."

Sangachal Terminal, so heißt die Aufbereitungsanlage für das kaspische Erdöl und Erdgas 60 Kilometer südlich von Baku. Wer sie besichtigen will, muss sein Mobiltelefon abgeben und die Schleuse in einem drei Meter hohen Wall passieren. Sicherheit vor Sturmfluten, Spionen und Terroristen hat hier höchste Priorität.

" Den Schutzdeich hat das Verteidigungsministerium gebaut, innen ist er mit Stahlsperren verstärkt um auch jede Art von bewaffneten Eindringlingen abzuwehren."

Alesker Taghijev führt Besucher zwischen kilometerlangen Rohrleitungen, Tanks und hoch lodernden Gasfackeln hindurch zum Nabel, der das rohstoffreiche Aserbaidschan mit dem Rest der Welt verbindet.

"Dies ist unsere Pumpstation Nummer eins. Wir haben sehr kraftvolle Pumpen. Hier ist die Messstation und die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline selber. Dort rechts führt sie mit einem Querschnitt von 1,07 Meter unter die Erde, das ist ihr Startpunkt."

Über 1760 Kilometer führt das 2006 fertiggestellte Rohr durch Georgien und die Türkei und kommt erst im Mittelmeerhafen Ceyhan wieder ans Licht. Direkt daneben beginnt die Pipeline, die seit Herbst 2007 Erdgas vom Kaspischen Meer durch die Türkei nach Griechenland transportiert und später bis nach Westeuropa verlängert werden soll. Da sie dabei Russland komplett umgeht, würde die EU unabhängiger von russischem Erdgas, das bisher über 40 Prozent des Bedarfs deckt.

Sporthalle, Golfplatz, Restaurant - BP sorgt gut für die 700 Mitarbeiter, die das Öl- und Erdgasterminal im Zwei-Schicht-System betreiben. Wie auf den Bohrplattformen wechseln sich hier zwei Wochen durchgehender Arbeit mit zwei Wochen Freizeit ab. Firmensprecherin Bayatly:

"Wir bieten sehr gute Arbeitsbedingungen, Fortbildungsangebote und wettbewerbsfähige Gehälter. Wir sind überzeugt, dass BP einer der besten Arbeitgeber im ganzen Land ist. Zurzeit sind 75 Prozent unserer Mitarbeiter Einheimische. Wir sind froh, dass die am besten ausgebildeten Aserbaidschaner für BP arbeiten."

Anders als im 19. Jahrhundert und zur der Sowjetzeit bietet die Ölindustrie heute nur noch sehr wenige Jobs. Förderung, Säuberung und Verteilung des schwarzen Goldes sind zur Hightechindustrie geworden. Mit gerade einmal 1.500 Angestellten fördert BP in Aserbaidschan Öl und Gas im Marktwert von 50 Milliarden Dollar im Jahr. Über drei Milliarden davon landen in Bakus Finanzministerium, und jedes Jahr werden es mehr - eine große Versuchung für die kleine Oberschicht aus Politikern, Ministern und Behördenchefs.

"Einige Leute werden sehr reich. Die Kluft zwischen den Reichsten und den Ärmsten wird immer größer. Und leider gewinnt die Mittelschicht nicht an Einfluss."

Der Soziologe Ilgar Mummadov beobachtet im Auftrag der amerikanischen Soros-Stiftung die Auswirkungen der Geldschwemme auf sein Land. Positive Aspekte kann er dabei kaum erkennen. Auf der Liste, die Transparency International jedes Jahr zusammenstellt, gehört Aserbaidschan zur Gruppe der korruptesten Staaten. Und das, obwohl das Land eine Verfassung, regelmäßige Wahlen und Gesetze nach westlichem Vorbild eingeführt hat.

"Große Teile des Regierungshandelns bleiben im Dunklen und verlangen nach Aufklärung. Aber trotz des Gesetzes, das uns Informationsfreiheit verspricht, bekommt man keinerlei Auskunft von der Regierung."

Sonntagsstimmung an Bakus Uferpromenade. Fliegende Händler verkaufen bunte Süßigkeiten, ein Riesenrad lockt die Jugend, auf den Parkbänken knutschen modisch gekleidete Pärchen. So viel Geld hat das Öl ins Land gespült, das ein kleiner Teil davon auch bei den normalen Bürgern angekommen ist.

Nur der Ölgestank stört die Sonntagsidylle. Im Vorort Bebehaybed nicken noch immer Hunderte verrosteter Pumpen. Ölschlamm fließt in schwarzen Teichen zusammen, Kanäle transportieren die stinkende Soße direkt ins Meer. Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev kennt das Problem.

"Leider wurde in der Sowjetzeit keinerlei Rücksicht auf ökologische Probleme genommen. Schon das Wort Ökologie kannte niemand. Jetzt sehen wir die negativen Folgen: Die Verschmutzung ist sehr groß. Aber wir haben uns vorgenommen, das Problem zu lösen. Denn hier geht es um die Gesundheit der nächsten Generation."

Auf einer abgesperrten Fläche von der Größe zweier Fußballfelder haben Arbeiter damit begonnen, verseuchte Erde abzutragen. Es ist der winzige Beginn einer Generalreinigung, die nach internationalen Schätzungen 20 Milliarden Dollar kosten würde. Das wären zwei komplette Jahresetats des jungen Ölstaats und unendlich viel mehr, als er bisher bereit ist, für den Umweltschutz auszugeben. Und so wird auch die nächste Generation noch im Öl baden - wenn es sie im Sommer an einen der schwarz gefleckten Strände zwischen Baku und dem Sangachal Terminal treibt.

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