Donnerstag, 09. Dezember 2021

AuffrischungsimpfungenBooster-Impfung - Wer bekommt wann die dritte Dosis?

Mehrere Industrieländer haben schon vor einiger Zeit mit Auffrischungsimpfungen gegen das Coronavirus begonnen. Wer bekommt in Deutschland die dritte Dosis, wie kommen die "Booster"-Impfungen voran und welche Kritik gibt es?

19.11.2021

Impfwillige stehen Schlange und warten auf ihrer Impfung.
Suche nach der dritten Dosis: das Schlangestehen geht wieder los (IMAGO / Sven Simon)
Nachdem sich die Gesundheitsminister der Länder mit dem geschäftsführenden Bundesminister Spahn (CDU) schon darauf geeinigt hatten, allen geimpften Menschen in Deutschland eine Booster-Impfung anzubieten, hat die Ständige Impfkommission (Stiko) nun nachgezogen.

Die Stiko-Empfehlung

Am Donnerstag (18.11.) teilte die Ständige Impfkommission mit: "Ab sofort empfiehlt die Stiko allen Personen ab 18 Jahren die Covid-19-Auffrischimpfung." Zuvor hatte die Stiko die Booster-Impfungen vor allem für Menschen ab 70 Jahren und für das Personal in medizinischen Einrichtungen mit direktem Patientenkontakt empfohlen. Am 7. Oktober hatte sie diese Mitteilung herausgegeben. Laut Impfdashboard haben bisher insgesamt rund 4,8 Millionen Menschen das Angebot einer Auffrischungsimpfung angenommen.

Wann soll geboostert werden?

Die aktuelle Empfehlung der Stiko sieht einen flexibleren Umgang mit dem Zeitabstand vor: "Die Auffrischimpfungen sollen in der Regel im Abstand von sechs Monaten zur letzten Impfstoffdosis der Grundimmunisierung erfolgen. Eine Verkürzung des Impfabstandes auf fünf Monate kann im Einzelfall oder wenn genügend Kapazitäten vorhanden sind erwogen werden." Eine Ausnahme bilden zudem mit Johnson&Johnson geimpfte Menschen, hier kann schon nach vier Wochen geboostert werden. Zuvor hatte der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Spahn betont, dass der vorgesehene Abstand nur als Richtschnur zu verstehen sei. In einem gemeinsamen Schreiben mit dem Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung, Gassen, hatte Spahn an die deutschen Fachärzte geschrieben, der Abstand sei "natürlich nicht tagesgenau einzuhalten." Die Ärzte könnten "daher jede Patientin und jeden Patienten ab 18 Jahren (...) zeitnah und auch vor Ablauf der sechs Monate im eigenen Ermessen impfen“.

Wer profitiert von der Auffrischungsimpfung?

Bei immungesunden Menschen mittleren Alters, die eine vollständige Grundimmunisierung haben, sei der Schutz vor schwerer Erkrankung auch ohne Booster weiterhin sehr gut, betonte der Stiko-Vorsitzende Mertens im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Allerdings haben verschiedene Studien inzwischen gezeigt, dass der Infektionsschutz nach einigen Monaten deutlich nachlässt. Eine Auffrischungsimpfung würde den Schutz vor Ansteckung wieder beträchtlich steigern, sodass es bei einer breit angelegten Booster-Kampagne insgesamt zu weniger Übertragungen kommen dürfte. Der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Carsten Watzl, verspricht sich viel von Auffrischungsimpfungen: "Die Menschen bekommen sozusagen eine Art Superschutz und können das Coronavirus kaum noch weitergeben", sagte er der "Augsburger Allgemeinen".
Menschen über 60 Jahre profitieren auch für den eigenen Schutz immens von einer Corona-Auffrischungsimpfung. So habe es bei Zweifach-Geimpften in Israel mehr als zehn Mal so viele nachgewiesene Infektionen und knapp 20 Mal mehr schwere Erkrankungen gegeben als bei Dreifach-Geimpften, schrieben israelische Forscher im September "New England Journal of Medicine". In der Studie wurden Daten von mehr als einer Million Senioren in Israel berücksichtigt. Gerade für Ältere sowie für Menschen aus anderen Risikogruppen sei dies auch medizinisch sinnvoll, betont der Infektiologe Leif Erik Sander mit Verweis auf im Sommer als Preprint veröffentlichte Zwischenergebnisse einer Studie seiner Forschungsgruppe an der Berliner Charité. Diese bestätigt, dass die Immunantwort von älteren Menschen auf die Impfung deutlich stärker nachlässt als bei jüngeren.

Das logistische Problem

Durch die nun abzusehende, breitere Empfehlung für Auffrischungsimpfungen sind die niedergelassenen Ärzte zunächst stark belastet. Der Leiter des Kölner Gesundheitsamts sprach sich daher für größere Impfstellen aus. Johannes Nießen sagte im Deutschlandfunk, die niedergelassenen Ärzte könnten alleine nicht in dem Maße impfen, wie es jetzt nötig sei. Man brauche wieder größere Impfstellen, die zusätzlich 2.000 bis 3.000 Menschen am Tag versorgen könnten. In einer Stadt wie Köln müsse über die kommenden Monate pro Tag etwa ein Prozent der Bevölkerung geimpft werden. Stiko-Chef Mertens brachte zuletzt eine Wiedereröffnung der großen Impfzentren ins Gespräch.

Zuerst in ärmeren Ländern impfen?

Neben Deutschland bieten weitere EU-Länder eine "Booster"-Impfung an, zum Teil aber nur älteren und besonders gefährdeten Menschen. In den USA wird diese sogar intensiv beworben. In Israel können alle Menschen ab zwölf Jahren eine dritte Impfung erhalten.
In wohlhabenden Staaten finden also Auffrischungsimpfungen statt, während die Versorgung ärmerer Länder mit Impfstoffen immer noch stockt und Millionen Menschen nicht einmal eine erste Impfung erhalten haben. Auch Risikogruppen haben in diesen Ländern oft noch keinerlei Schutz. Der WHO-Generaldirektor Tedros sprach sich vor diesem Hintergrund im August klar gegen Auffrischungsimpfungen aus. Durch ein Aussetzen dritter Impfungen könnten Menschen in allen Ländern schneller vor Covid-19 geschützt werden, betonte er.
Die Haltung der WHO wird durch eine Studie, die im Fachmagazin "The Lancet" erschien, bestätigt. Demnach sind die vorhandenen Corona-Impfstoffe zumindest gegen die derzeit verbreiteten Virusvarianten so wirksam, dass die breite Bevölkerung keine dritte Impfung benötige. "Selbst angesichts der Delta-Bedrohung sind Auffrischungsimpfungen für die Allgemeinbevölkerung in diesem Stadium der Pandemie nicht angebracht", heißt es in einem Bericht. Die Autorinnen und Autoren der Studie plädieren deshalb dafür, sich auf die weltweite Verteilung von Corona-Impfstoffen zu konzentrieren - und nicht auf Drittimpfungen. "Wenn die Impfstoffe dort eingesetzt werden, wo sie den größten Nutzen bringen, könnten sie das Ende der Pandemie beschleunigen, indem sie die weitere Entwicklung von Varianten verhindern."

Was sagt die Europäische Arzneimittelbehörde?

Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat Ende Oktober Auffrischungsimpfungen mit dem Präparat des US-Unternehmens Moderna genehmigt. Die Daten zeigten, dass eine dritte Dosis, die sechs bis acht Monate nach der zweiten verabreicht wurde, zu einem Anstieg der Antikörperspiegel bei Erwachsenen führte, deren Spiegel abgenommen hatte, begründete die Behörde ihre Entscheidung. Die zuständigen Gesundheitsbehörden der EU-Länder könnten nun "unter Berücksichtigung der lokalen epidemiologischen Situation" offizielle Empfehlungen abgeben, erklärte die EMA weiter. Für den Impfstoff von Biontech/Pfizer gibt es diese Zulassung bereits seit Anfang Oktober.