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Bordeaux aus Süd-Britannien

Umwelt. - Seit dem Wochenende ist Stuttgart das Mekka von Winzern aus aller Welt. Viele treibt dabei gerade die Sorge um den Sonnenschein um - und zwar nicht vor zu wenig, sondern vor zuviel, denn der Klimawandel könnte traditionellen Anbaugebieten höhere Temperaturen bescheren als für die Reben gut ist.

Von Volker Mrasek | 24.04.2007

"Bisher hat der Weinanbau von der Klimaerwärmung eher profitiert, und das fast überall auf der Welt."

Gregory Jones will das gar nicht abstreiten: die verbesserten Reifebedingungen für Trauben im Weinberg, die jüngste Häufung von Spitzenjahrgängen in allen möglichen Anbaugebieten. Doch in Zukunft könnte das Pendel stärker zur anderen Seite ausschlagen. Davor warnte Jones jetzt als prominenter Gastredner auf dem Stuttgarter Kongress Intervitis Interfructa. Der Geographie-Professor lehrt an der Southern Oregon University in den USA und ist führender Experte in Sachen Wein und Klimawandel:

"In warmen Klimazonen könnte eine kritische Temperaturschwelle für den Weinanbau überschritten werden. Wir haben keine Rebsorten, die in einem sehr heißen Klima wachsen und gute Qualität liefern."

Ganz gleich, ob Riesling oder Spätburgunder, ob weiße oder rote Traube: Alle Rebsorten gedeihen nur in einem bestimmten Temperaturbereich, und der ist laut Jones ziemlich eng. Beispiel: die beliebte spanische Tempranillo-Traube. Sie braucht eine Durchschnittstemperatur von 16 bis 19 Grad Celsius in der Wachstumsphase. Sie verkraftet also allenfalls Schwankungen von drei Grad. Bei vielen anderen Rebsorten ist die Spanne sogar noch kleiner. Weinberge könnten aber viel wärmer werden im Laufe des 21. Jahrhunderts. Gregory Jones verwies auf Klimasimulationen, nach denen in manchen Anbauregionen mit bis zu sieben Grad plus gerechnet werden muss. Nach seinen eigenen Untersuchungen wird Portugal schon im Jahr 2050 zur Vegetationszeit drei Grad wärmer sein als heute. In Bordeaux könnte die Mitteltemperatur bis dahin von 16,5 auf knapp 19 Grad Celsius steigen. Weinberge und kultivierte Rebsorten werden sich gebietsweise auf jeden Fall verändern, da ist Geowissenschaftler Jones sicher:

"Es dürfte drei wesentliche, räumliche Trends im Weinanbau geben, als Reaktion auf die Klimaänderung: Winzer werden ihre Weinberge da, wo es möglich ist, in größere Höhen, in höhere Breiten oder näher an die Küste verlegen. Es kann auch eine Kombination von allen drei Dingen sein, um in Gebiete auszuweichen, die künftig das geeignete Klima bieten werden."

Manche Weinerzeuger bereiten den Tapetenwechsel offenbar schon vor. Investoren aus Frankreich suchten verstärkt nach neuen Anbauflächen, war in Stuttgart zu hören. Allerdings nicht in der eigenen Region, sondern - im Süden Englands:

"Die Böden in Südengland sind sehr kalkreich, so wie im Norden Frankreichs - vor allem dort, wo der Champagner herkommt. Und inzwischen ist auch das Klima in Südengland so, wie es in der Champagne vielleicht vor 25 Jahren war. Also sehen sich die Winzer inzwischen in England um. Damit sie im Zweifelsfall auch dort Anbauflächen haben."

Steigende Temperaturen sind das eine, knapper werdendes Wasser und längere Trockenperioden das andere. Auch rückläufige Niederschläge werden etablierte Anbauregionen in Zukunft vor große Probleme stellen. Der Präsident der Internationalen Wein-Agentur OIV, Peter Hayes, ein Australier:

"Australien erlebt gerade eine Rekorddürre. Große Teile Spaniens und Anbaugebiete in Südwest-Frankreich zeigen stärkere Anzeichen von Trockenstress und Hitze. Auch in Deutschland wird Regen nicht mehr so regelmäßig fallen."

Nicht überall könnten Winzer auf künstliche Bewässerung umschwenken, so Hayes in Stuttgart. Dort, wo Wasser so knapp werde, dass es nicht mehr alle Nutzungsansprüche erfüllen könne wie etwa im Landesinneren Australiens - dort werde der regionale Weinbau keine Zukunft mehr haben.