Montag, 21.10.2019
 
Startseite@mediasresPolitiker, Journalist, Märchenonkel22.07.2019

Boris JohnsonPolitiker, Journalist, Märchenonkel

Bald könnte Boris Johnson als britischer Premier Theresa May im Amt folgen. Seine berufliche Karriere begonnen hat der 55-Jährige als Journalist. Schon damals habe er es mit der Wahrheit nicht immer genau genommen, erinnern sich Wegbegleiter.

Michael Stabenow im Gespräch mit Brigitte Baetz / Text von Michael Borgers

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Boris Johnson vor Flaggen der EU. (picture alliance/Justin Griffiths-Williams/Sputnik/dpa)
Boris Johnson - vom Journalisten zu dem britischen Politiker, der Großbritannien endgültig aus der Europäischen Union führen wird? (picture alliance/Justin Griffiths-Williams/Sputnik/dpa)
Mehr zum Thema

Politiker als Chefredakteur George Osborne beim Evening Standard

Spaltung der britischen Medienlandschaft In der Brexit-Meinungsschlacht

Das Gesicht von Alfred E. Neumann, dem Titelhelden der Satirezeitschrift MAD, ist ein weltweites Symbol für grenzenlose Dummheit. In genau dieses Gesicht hat das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in dieser Woche Boris Johnson gewandelt. Dem wahrscheinlich künftigen britischen Premierminister dürfte das wohl nur ein müdes Lächeln bereitet haben. Johnson ist wenig schmeichelhafte Vergleiche gewohnt, er wurde schon "Pinocchio", "Baron von Münchhausen" oder "Serial Liar" genannt.  

Wer sich mit Johnson beschäftigt, landet schnell bei seinem Verhältnis zur Wahrheit, das offenkundig flexibel ist, auch schon zu seiner Zeit als Journalist. Nach seinem Studium in Oxford arbeitete er kurz für eine regionale Abendzeitung, ehe er mit 24 als Hospitant bei der seriösen Traditionszeitung "Times" anheuerte. Ein kurzes Intermezzo  - und "Grundstein für seinen Ruf als jemand, der keine Skrupel kennt, wenn es um die Manipulation von Fakten geht", wie die Frankfurter Allgemeine einmal in einem Porträt festhielt. Johnson arbeitete in einem Artikel mit der falschen historischen Einschätzung eines Experten (seines Patenonkels) - und musste deshalb gehen.

Die nächste Etappe: der "Daily Telegraph", eine Tageszeitung, die das britische Satiremagazin "Private Eye" wegen ihrer konservativen Ausrichtung einst "Torygraph" taufte. Für Johnson bedeutete das auch einen Ortswechsel, den von London nach Brüssel.

Auf dem Cover des Spiegel: Boris Johnson als Alfred E. Neumann, dem Titelhelden der Satirezeitschrift MAD. (Deutschlandfunk/Michael Borgers)Boris Johnson als Alfred E. Neumann, dem Titelhelden der Satirezeitschrift MAD. (Deutschlandfunk/Michael Borgers)

"Grenze von Märchen und Wahrheit oft überschritten"

Schon damals sei er "der Boris" gewesen, "wie man ihn heute kennt", erinnert sich Michael Stabenow, damals freier und heute fester FAZ-Korrespondent in Brüssel, im Gespräch mit @mediasres. "Wenn er in einem Raum erscheint, ist er sofort im Blickpunkt." Für die Pressesprecher der EU sei diese körperliche Präsenz "angsteinflößend" gewesen.

Aber auch inhaltlich stellte Johnson die Verantwortlichen der EU vor Herausforderungen: "Is it right, that…?" – so habe er auf Pressekonferenzen immer nach der Bestätigung einer bereits vorher aufgestellten These gefragt, sagt Burkhard Birke, ebenfalls Anfang der 1990er-Jahre in Brüssel, für den Deutschlandfunk. So habe Johnson häufig "Fake News" produziert. Zu einer Zeit, als dieser Begriff noch gar nicht erfunden war.

Die Grenze von "Märchen und Wahrheit" sei oft überschritten worden, findet auch Michael Stabenow von der FAZ. Manche Geschichten hätten ein "Körnchen Wahrheit" enthalten, wie die, die EU wolle Kondomgrößen europaweit standardisieren. Andere seien  "absolute Erfindungen" gewesen. Mit dieser Art von Journalismus sei er für die britische Presse nicht stilbildend gewesen, habe das Ganze aber perfektioniert. "Mir kam er vor wie ein Autist, der an sich selbst und seine Stories dachte."

Der Lieblingsjournalist von Margaret Thatcher

Grundsätzlich seien die Kollegen aus London schon immer besonders EU-kritisch gewesen, so Stabenow. Johnson sei zu einer Zeit gekommen, als auch die kontinentale Presse begonnen habe, weniger freundlich zu berichten. "Das hat dazu geführt, dass er sich bemüßigt fühlte, noch mehr über die Stränge zu schlagen."

Und der Erfolg gab ihm recht: Nach seinen Jahren in Brüssel wurde Johnson Chefredakteur und später Herausgeber des einflussreichen Magazins "The Spectator". Noch in Brüssel trug er den inoffiziellen Titel des Lieblingsjournalisten von Margaret Thatcher, der britischen Premierministerin zwischen 1979 und 1990. An dieses besondere Verhältnis erinnern britische Medien bis heute gerne.

Eine Karikatur des "Guardian" zeigte vor Kurzem Boris Johnson, wie er an einem Drahtseil  hängt. Das eine Ende, das Richtung britisches Festland, ist noch intakt. Das andere, Richtung Europa, ist gerissen. Johnson, mit Helm auf dem Kopf und kleinen britischen Fahnen in beiden Händen, blickt den Leser ratlos an. Von hinten umklammert wird er vom Skelett Margaret Thatcher, die ein zerfetztes Kleid trägt, auf dem "Tory Party" steht und ihren "Lieblingsjournalisten" fragt: "Du wirst uns aber retten, Boris, oder?"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk