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StartseiteKalenderblattIm Namen der Rosen08.06.2015

Botaniker und Architekt Joseph PaxtonIm Namen der Rosen

Durch seine Pflanzenkenntnis brachte es Joseph Paxton vom einfachen Gärtner zum Meister der englischen Gartenkunst. Das Studium, die Zucht und Pflege vor allem exotischer Gewächse legten auch die Grundlage für seine Karriere als Architekt: Paxton schuf den "Kristallpalast", eine gewächshausartige, gigantische Halle mitten im Londoner Hyde Park. Vor 150 Jahren starb Paxton.

Von Andrea Westhoff

Eine Rose von oben betrachtet.  (Jan-Martin Altgeld )
Joseph Paxton arbeitete schon seit frühester Jugend als Gärtner. (Jan-Martin Altgeld )


London 1851. Mitten im Hyde Park erhebt sich ein gigantischer Glaskuppelbau ...

"Er ist unbeschreiblich groß und schön. Überall durchströmt das Licht diesen gewaltigen Körper. Nirgends Mauerwerk, nirgends schwerfälliges Gebälk; wie ein glänzender Stoff spannt sich hoch über unseren Köpfen die gläserne Decke in unbeschreiblich weiter Spannung."

So schwärmt einer der sechs Millionen Besucher der ersten Weltausstellung in London, für die dieses moderne Weltwunder aus Eisen, Holz und Glas als Messehalle errichtet worden war.

Joseph Paxton, der Schöpfer des "Kristallpalastes", war eigentlich gar kein Architekt. Er entstammte einer armen Bauernfamilie aus Bedfordshire im Osten Englands und arbeitete schon seit frühester Jugend als Gärtner. Weil er darin besonders gut war, fand er eine Stellung auf zwei berühmten herzöglichen Anwesen: Chiswick und Chatsworth Gardens. Deren Eigentümer, der sechste Duke of Devonshire, wurde sein Freund und Förderer. Hier konnte Paxton nun Parkflächen gestalten, mit künstlichen Seen, Wasserfällen und spektakulären Brunnen. Vor allem aber lernte er Gewächshäuser zu bauen, um exotische Pflanzen zu züchten.

Paxton brachte empfindliche Exoten im britischen Klima zum Blühen

Das brachte ihm schließlich auch den Sieg in einem – typisch englischen – Garten-Wettstreit: 1849 gelang es Paxton, die "Victoria regia", eine Riesenseerose vom Amazonas, im kalten englischen Klima zum Blühen zu bringen.

Ob es die fast architektonische Struktur dieser Pflanze oder seine Erfahrungen beim Bau von Gewächshäusern waren, ist unklar. Jedenfalls kam Paxton plötzlich auf die Idee, sich auch am Architektenwettbewerb für die Weltausstellung zu beteiligen. Das Empire hatte 95 Länder eingeladen zu zeigen, was das Industriezeitalter in Sachen Wissenschaft, Kunst und Technik zu bieten hat. Doch von den über 200 Gebäudeentwürfen hatte der königlichen Kommission keiner gefallen – und in weniger als einem Jahr musste die Ausstellungshalle im Londoner Hyde Park stehen. Dass Paxton sich das zutraute, war schon etwas verwegen-genial, sagt der Professor für Baugeschichte an der TU Berlin, Johannes Cramer:

"Es gibt besonders in England natürlich Vorläuferbauten, aber seine Genialität besteht darin, dass er sich getraut hat, die konstruktiven Möglichkeiten, die es in der Mitte des 19. Jahrhunderts gab, auf diese Bauaufgabe anzuwenden."

Der "Kristallpalast" von Paxton war vier Mal so groß wie der Petersdom: über 500 Meter lang, 125 Meter breit und drei Geschosse hoch. Er konnte tatsächlich in nur vier Monaten gebaut werden, weil man mehr als 2.000 Arbeiter beschäftigte und industriell vorgefertigte Eisen- und Glasteile verwendete, die vor Ort zusammengesetzt wurden. Pünktlich am 1. Mai 1851 fand die feierliche Eröffnung durch Queen Victoria statt.

Die begeisterte Königin erhob Joseph Paxton dafür in den Ritterstand. Einige zeitgenössische Kritiker spotteten allerdings, er habe doch nicht mehr als ein überdimensionales Gewächshaus gebaut. Dem widerspricht der Architekturhistoriker Cramer:

"Der Entwurf war ja gedacht für die Ausstellung von Maschinen, und man hätte sich ja leicht vorstellen können, dass dafür zunächst mal auf dem Grundstück tabula rasa gemacht wird. Paxton hat das nicht so gemacht, sondern hat sich zum Ziel gesetzt, die Bäume, die dort vorhanden waren, in den Entwurf zu integrieren, sodass man eine ganz interessante Konfrontation von Natur auf der einen Seite und Industrieprodukten auf der anderen Seite hatte. Und das ist bis heute modern."

Nach dem Ende der Weltausstellung im Oktober 1851 musste das Gebäude vereinbarungsgemäß aus dem Hyde Park verschwinden. Mit privaten Mitteln wurde es abgetragen und in Sydenham, im Süden Londons, wieder aufgebaut. Hier diente der Crystal Palace samt Park als eine Art Bildungs- und Vergnügungsstätte, bis er 1936 abbrannte. Paxton startete 1854 eine dritte Karriere: Bis zu seinem Tod am 8. Juni 1865 saß er als Abgeordneter im House of Commons. Eine größere Ehre jedoch dürfte es ihm gewesen sein, dass schon zu Lebzeiten eine Rose seinen Namen erhielt: die "Sir Joseph Paxton".

 

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