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StartseiteBüchermarktDer Abweicher05.01.2020

Botho Strauß: "Zu oft umsonst gelächelt" Der Abweicher

Botho Strauß hält unserer Gesellschaft ein weiteres Mal den Spiegel vor. Er stellt die Frage, was sich an den Beziehungsverhältnissen zwischen Mann und Frau über Leben, Kultur und Menschlichkeit ablesen lässt.

Von Eberhard Falcke

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Ein Porträt des Dichters Botho Strauß (imago / imagebroker)
Der Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß (imago / imagebroker)
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Die Zeiten waren schon einmal besser für den Schriftsteller und Dramatiker Botho Strauß. Andererseits gab es in seiner Laufbahn auch außerordentlich fatale und peinigende Momente. Die besseren Zeiten, das waren solche der Entdeckungen. Da durchschaute und zergliederte der junge Shootingstar die Verhältnisse und Befindlichkeiten der 1970er und 80er Jahre wie kein Zweiter und machte daraus Theaterstücke und Prosatexte von ganz eigener Fasson. Auf solche Szenenbilder aus dem entfremdeten Leben folgte dann die Entdeckung, dass unterhalb von Vernunft, Aufklärung und zivilisierter Gesittung jederzeit die ungezügelten Kräfte des Dämonischen und der Blutdurst uralter Kulte lauern können. Daraus entstanden Parabeln des Horrors, mit denen Strauß sein Publikum darüber belehrte, dass Aufklärung keineswegs imstande sei, alle dunklen Passionen des Daseins durch das Licht der Vernunft auszutreiben.

Shootingstar und Unzeitgemäßer

Eine entscheidende weitere Station seines Denkens war schließlich die große, nach wie vor anhaltende Klage über die Fortschrittsraserei der Gegenwart, die in den Augen des Zivilisationskritikers Strauß alles niedermacht, was an Menschengefühlen einmal tief und an Kultur einmal gut, wahr, schön und groß gewesen ist. Vor allem aus dieser Klage resultierten die beiden besonders fatalen Momente in der Schreibgeschichte dieses Schriftstellers. Denn da begab sich der große Unzeitgemäße auf den von seiner Seite sonst kräftig verachteten massenmedialen Markt, um den Deutschen und ihrer kulturellen Selbstvergessenheit gründlich die Leviten zu lesen. "Anschwellender Bocksgesang" hieß die 1993 im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" abgedruckte Streitschrift, die mit unzähligen Konterattacken aus dem linksliberalen Spektrum beantwortet wurde. Als der Zeitkritiker jedoch 2015, im Jahr der Flüchtlingskrise, in dem Spiegel-Aufsatz "Der letzte Deutsche" den hierzulande verbreiteten Mangel an kulturellem Selbstbehauptungswillen erneut beklagte, überstieg die Empörung darüber kaum noch ein weit verbreitetes Schulterzucken.

Tatsächlich dürfte sich die Erregungsbereitschaft in Sachen Botho Strauß mittlerweile weitgehend in Grenzen halten. Und überhaupt ist es heute gar nicht so einfach, die gegenwärtige Bedeutung dieses Schriftstellers, der zweifellos einmal ein Schwergewicht der bundesdeutschen Literatur war, halbwegs zutreffend einzuschätzen.

Sprachzweifel und die gefährdete Rolle der Schriftsteller

Andererseits aber ist sich Strauß natürlich seit langem seiner zugleich erlauchten wie hoffnungslosen Position als Außenseiter bewusst. Oft genug hat er diese Rolle schon thematisiert. Und genau das tut er auch wieder in seinem neuesten Prosaband. Der trägt den sarkastisch-ironischen Titel "zu oft umsonst gelächelt". Und dessen Unterton des Bilanzierens macht deutlich, dass nun wohl unweigerlich die Spätwerkphase eingetreten ist. In einer Rahmenhandlung treten da ein "alter Romancier" und sein "junger Kollege" auf. Von vornherein kann kein Zweifel darüber bestehen, dass hier der Ältere den Jüngeren belehrt. Allerdings sind seine Mitteilungen durchdrungen von Resignation. Gleich zu Anfang ergeht sich der Ältere in rückhaltlosen Zweifeln an der Sprache und den Worten, wenn er dem jungen Schriftsteller erklärt: Anders als die Reichen und Armen am anderen Ufer des Flusses, die ihre üblichen Weltgeschäfte betreiben, seien sie selbst, "die mit den Worten handeln",  gewaltig ins Hintertreffen geraten.

"Not und Erschrecken angesichts der Zeugschwäche der Worte. Dass sie nichts mehr hervorrufen, keine Farbe, keine Stimmung, keine Verständigung. Dass sie nicht mehr taugen zum Vorstoß in Nie-Gesagtes, daß sie nichts mehr bezeugen. Dass Worte insgesamt ein leeres, vergebliches Schattengetuschel sind."

Da aber Botho Strauß nach wie vor zu den geistig regsamsten Autoren gehört, bei dem viele Denkansätze parallel laufen, sind diese bitteren Feststellungen über die verlorene Kraft der Wörter kein letztes Fazit, sondern eher ein Befund unter anderen. In seinem schönen Buch "Oniritti. Höhlenbilder" hat er vor einigen Jahren den unterirdischen Verbindungen und Korrespondenzen mythologischer, kulturhistorischer und dichterischer Motive nachgespürt und daraus ein fesselndes Kaleidoskop von Notaten und Reflexionen gebildet. In "Der Fortführer" hat er die Idee einer Fortschreibung der Tradition verfolgt. Und nun in "zu oft umsonst gelächelt" ist es eben der Sprachzweifel und die gefährdete Rolle der Schriftsteller, die wichtige Leitmotive abgeben. Allerdings nicht allein. Der alte Romancier glaubt zwar, dass die Voraussetzungen für sein eigentliches Metier, den Roman, in unseren Zeiten nicht mehr gegeben sind. Das erinnert an Walter Benjamin, der schon in den dreißiger Jahren an der Erzählbarkeit der modernen Welt zweifelte. Viel mehr jedoch verweist das natürlich auf Botho Strauß selbst, dem der große Kritiker Joachim Kaiser bereits 1984 anlässlich des Romans "Der junge Mann" bescheinigte, dass er zum epischen Erzählen keinen Zugang finde.

Darauf hat es der Liebhaber gedankenreicher Kurzprosa dann auch nie mehr angelegt: der bei ihm ohnehin seltene Gattungstitel "Roman" kommt seit Mitte der achtziger Jahre in seinem Werk nicht mehr vor. Stattdessen hat er in den meisten seiner Bücher die kurzen Prosaformen bevorzugt: Aphorismen, Monologe, Traumbilder, Szenen, knappe Lebensläufe, Reflexionen, Parabeln, Kürzestgeschichten, aber auch das Fragment im Sinne der Romantik, das von seiner systematischen Offenheit und Unabgeschlossenheit lebt. In dieser Hinsicht markiert Botho Strauß eine direkte, fast exemplarische  Gegenposition zu dem zwei Jahre älteren Peter Handke, der das epische Erzählen seit den achtziger Jahren zu seinem zentralen Projekt gemacht hat. Doch wie man Strauß kennt, geht der Verzicht auf die große Form gewiss auch mit einigem Bedauern über verloren gegangene Zusammenhänge einher.  Jedenfalls ist die Resignation im Ton des alten Romanciers nicht zu überhören. Und der hat schließlich mit seinem Autor manches gemeinsam, auch wenn es zu weit ginge, ihn als sein Alter Ego zu bezeichnen.

"Was bleibt mir von der Welt als nur die Episode? Von Mann und Frau, von Gott und Mensch? Die Episode. Es folgt nun eine auf die andere, narratio continua. Ein Wort gibt das andere … Der Personen Schreien, Weinen, Befehlebrüllen, ihr Beten und Schmeicheln, ohne jeden Zusammenhang, nur Stöße, Reize, Sprünge, Wirbel: immerzu auf den Spuren ausgestorbener Liebesarten."

Erotik als Gradmesser der Zeitkritik

Es sind also ganz entscheidend die Beziehungen zwischen den Geschlechtern, die Botho Strauß hier in den Mittelpunkt der Betrachtungen rückt. Neu ist das allerdings nicht. Vielmehr spinnt der Gedankendichter aus der Uckermark damit einen thematischen Faden weiter, der sich in vielen Schleifen und Windungen durch sein ganzes Werk zieht. Er war immer ein scharfer Beobachter deregulierter, in die Irre laufender Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Genau solchen Konflikten ist nun auch wieder ein Großteil der Episoden in diesem neuen Buch gewidmet. Und wie immer werden die Leser bei diesen Kürzesterzählungen ganz unvermittelt in eine Szene des Scheiterns, der wechselseitigen Verachtung, der enttäuschten Erwartungen, des heiß gelaufenen Widerwillens oder der schleichenden Erkaltung versetzt.

"Sie lieben sich nicht, und doch gibt es da eine fatale Anziehung, ihre unterschiedlichen Charakterschwächen halten sie beieinander. So bleiben sie gleich unzertrennlich und unvereinbar.

Eines Tages freilich wird er sagen: "Sie gehört nicht zu mir." Und sie wird sagen: "Er gehört nicht mir." Ja, sie werden einander verleugnen wenn jemand Unverhofftes sie durcheinanderbringt."

Da lässt sich zu Recht an Strindberg denken und die – wie Thomas Mann das nannte - "teuflische Komödie" seiner Beziehungsdramen. Doch bei Botho Strauß kommt etwas anderes hinzu. Wenn es bei Strindberg um die Geschlechterkämpfe im historischen Moment von Fortschritt, Emanzipation und Modernisierung ging, so kümmert sich Strauß um ein postmodernes Resümee.

Schon in seinen frühen Jahren, in den Zeiten des Theaterstücks "Groß und klein" und seiner glänzenden Prosavignetten "Paare, Passanten" entwickelte er als Flaneur in den Sackgassen des entfremdeten Lebens einen wahren Röntgenblick für die Dysfunktionalitäten von geschlechtlichen Beziehungen unter dem Zeichen restlos aufgeklärter Erotik.

Seitdem legt er die aufgeklärten Beziehungsverhältnisse zwischen Männern und Frauen immer wieder unter das Vergrößerungsglas seines analytischen Erzählens, um vorzuführen, was aus Eros und Liebe geworden ist, seitdem ihnen die alten Wirkungskräfte wie Leidenschaft, Unbedingtheit und Geheimnis entzogen wurden.

Gliederpuppen der Gedankenprosa

Wer aber nun einen lebensvollen, zeittypischen Szenenreigen erotischer Aggregatzustände, Verwicklungen, Reibereien und Pleiten erwartet, wird enttäuscht. Zwar folgen zahlreiche Situationen aufeinander, die exemplarisch vorführen sollen, was nach der Austreibung von unbedingter Leidenschaft und Seelentiefe in unseren Tagen aus der Liebe geworden ist. Aber die lesen sich allzu oft, als seien sie mit hölzernen Puppen zu Demonstrationszwecken nachgestellt. In einem Fall geht es da zum Beispiel um eine verlassene Frau.

"Aufruhr, Schmerz und Schrei einer Frau, die einer Jüngeren weichen muss in der Ehe mit einem Ungerechten. Es gibt Augenblicke, in denen die liberalen Sicherungen unserer Moral plötzlich aussetzen, Augenblicke, in denen alles dafür spricht, daß das Töten einer Liebe jetzt wie vorzeiten durch Vergeltung bestraft gehört. Wie es aber der Alltag will, verkleinert die anfangs Vergeltungssüchtige für sich die Erschütterung auf ein gerade noch zur Mitteilung geeignetes Format."

Was wird uns hier erklärt? Dass eine verstoßene Frau für einen Moment an blutige Rache denkt, sich aber anschließend wieder mäßigt, wie es in der zivilisierten Gesellschaft die Regel ist. Dergleichen geschieht. Botho Strauß aber lässt durchblicken, dass für seinen Geschmack mehr Wahrheit und Schicksalstiefe in der Welt wären, wenn diese Mäßigung nicht einträte, wenn diese, wie er schreibt, "moderne Verglimpflichungstechnik des weich-rationalen Menschen" nicht zur Anwendung käme. Was können wir mit solchen Botschaften anfangen? Nicht viel! Weil dieses Denkbild auf ganz abstrakte Weise zwar die Sehnsucht nach wilderen Urgründen beschwört, aus denen Tragödien erwachsen können, aber im Übrigen völlig unfassbar und vage bleibt. Würde diese Geschichte jedoch erzählerisch ausgeführt, könnte sie eine poetische Gestalt gewinnen und damit eine anschauliche Schlüssigkeit entfalten.

Daher fallen die in diesem Band versammelten Kürzestgeschichten sehr unterschiedlich aus. Manche gleichen, wie die eben erwähnte, kleinen Essays, in denen ein paar Gliederpuppen den Gedankengang demonstrieren. Andere gestatten ihren Figuren dann doch ein größeres erzählerisches Eigengewicht. Botho Strauß weiß das natürlich, aber er kann oder will es nicht ändern. Daher hat es seine Konsequenz, wenn solche Schwierigkeiten beim Schreiben hier thematisiert werden. Zu den großen Verlustanzeigen, mit denen sich der alte Romancier zu Wort meldet, gehört auch diese, die sich sowohl auf die Dichtung als auch auf die Filmkunst des Ingmar Bergman bezieht:

"'Bilder! Gebt uns die tiefen Bilder wieder!' stöhnte der alte Romancier. Wie sie waren vor dem großen Spuk. Ein Bild muss ein Herrscher sein. Nicht abwählbar. Schreie und Flüstern. Nicht abwählbar."

Wer so komplex denkt und bildet wie ein Botho Strauß, der kann es in der Fortführung seiner Arbeit unmöglich leicht haben. Dass diese Schwierigkeit von Stück zu Stück, von Buch zu Buch mal mehr, mal weniger zu spüren ist, das gehört zum Charakter seines Werks.

Kulturelle Verlustanzeigen

Strauß ist ein leidenschaftlicher Kritiker der Gegenwart, des Fortschrittsdenkens, der rationalistischen Geheimnislosigkeit, der aufgeklärten Geringschätzung für die alten Ideen aus mythischen Zeiten. Wenn er von Dichtern spricht, dann denkt er an die Vergangenheiten von Homer bis Hölderlin, er sucht, wie er es einmal formuliert hat, den "Wiederanschluss an die lange Zeit", die man sich wohl als eine Zeit vorstellen muss, in der historischer Wandel noch nicht alles bestimmte indem er die Güter der Vergangenheit gründlich hinwegfegte. Manchmal spricht Strauß von der Wiederherstellung des Verlorenen:

"Was der Aufklärung die Utopie, ist dem Mythos die Wiederherstellung. Das ist meine feste Überzeugung. Ich habe lange darüber nachgedacht."

Das allerdings sind Ahnungen von anderen, besseren Zeiten, die sich historisch kaum konkretisieren lassen und ausschließlich als dichterische Phantasien einen Stellenwert besitzen. Im Bewusstsein unserer Gegenwart können solche Gedanken nicht viel mehr sein als geistesgeschichtliches Bildungsgut, das seinen Platz in Bibliotheken hat und allenfalls noch für Ekstasen weltferner Innerlichkeit taugt. Daher kann Botho Strauß als Schriftsteller keinen geistigen Führer abgeben sondern nur einen Beschwerdeführer. Auch er taumelt im Ansturm der über die Welt hinwegfegenden Stürme des Fortschritts, auch er steht ganz im Bann der ungeliebten Gegenwart, die er kritisiert.

Entscheidend ist jedoch, dass er zu den wenigen gehört, die überhaupt noch eine Ahnung, eine Phantasie und einen kritischen Begriff von den durch die Modernisierungen angerichteten Zerstörungen haben. Das ist es, was diesen Schriftsteller für viele zu einer so schwer erträglichen Provokation macht. Denn unsere Zeit und ihre Genossen lassen sich nicht gerne von melancholischen Konservativen kritisieren. Botho Strauß aber betrauert – und noch dazu sehr hartnäckig – geistige und kulturelle Verluste, die andere längst abgeschrieben haben. Ganz anders die Opportunisten der Zustimmung zu allem und jedem, von denen in diesem Buch einer als lächerlicher Wendehals karikiert wird. In einem anderen Porträt, das einen Außenseiter zeichnet, der durch ein Übermaß an Selbstreflexion geschlagen ist, mag sich hingegen durchaus ein gewisses Hadern des Autors mit der eigenen öffentlichen Rolle niedergeschlagen haben.

"Die Zeichen, in Gesellschaft überhört zu werden, nicht bemerkt oder mitgezählt, brannte auf seiner Stirn. Nur wo er unfreiwillig komisch wurde, nahm man ihn wahr, was ihm wiederum als eine besondere Form der Geringschätzung zu schaffen machte."

Zweifellos hält der Zivilisationskritiker hier nicht nur der ungeliebten Gegenwart den Spiegel vor sondern auch sich selbst und seiner Kunst. Da ertönt aus dem Munde des alten Romanciers mancher Abgesang auf die Hochzeiten der Dichtung, wenn dieser etwa sinniert:

"Wovon sprechen wir denn, tausend Dichter, alle wie mit einer Zunge? Na, immer und ausschließlich von diesem Verfehlen und jenem Danebengehen. Und zu wem reden wir davon, tausend Dichter vielleicht sogar mit tausend Zungen? Zu lauter Vorüberziehenden, die Bücher nur mit einem Seitenblick in ein Schaufenster streifen. Passanten! Vergeblich der Versuch, sie aufzuhalten! Wir wollen ja nur den einen Einzelnen zum Leser gewinnen, den Einzelnen brauchen wir zu Tausenden!"

Eine andere Geschichte von Gefährdung und Scheitern hat Strauß in der ebenfalls gerade publizierten dramatischen Dichtung "Saul" aufgegriffen. In diesem Fall jedoch handelt es sich um einen biblischen Stoff, um das Scheitern von Saul, des ersten Königs der Israeliten. Er missachtete die Weisung des Propheten Samuel und den Willen Gottes und erwies sich damit als Versager. Strauß handelt diesen Konflikt in einer alttestamentarisch inspirierten aber sehr klaren, kraftvoll-beweglichen Sprache ab. Damit gibt er ein gelungenes Beispiel für die Auseinandersetzung mit alten archaischen Denkungsarten, auf die er sich in seiner Kritik an der Gegenwartskultur so oft bezieht.

Auch wenn man ihm nicht immer folgen will: Botho Strauß besitzt ganz gewiss ein eminentes Gespür für die Veränderungen, Verzerrungen und Risse im gesellschaftlichen Gewebe. In absonderliche Kurzsichtigkeiten verfällt er dagegen wenn er seine kulturellen Verlustanzeigen in politische Kategorien übersetzt. Die Lektüre dieses Schriftstellers kann also ebenso gut elektrisierend und erhellend wirken wie in düstere Winkel und Abgründe führen. Eine singuläre Erscheinung ist er jedenfalls unbestreitbar: ungeheuer klug, melancholisch, zuweilen neblig verschwommen, oftmals provokativ und in den Archiven des Geistes glänzend bewandert, in der wirklichen Welt dagegen ein seltsam ortloser Unzeitgemäßer. Solange aber das Schreiben auch ein Suchen ist, gehören dergleichen Widersprüche unbedingt zur Literatur dazu.

Botho Strauß: "zu oft umsonst gelächelt"
Hanser Verlag, München. 218 Seiten, 22 Euro.

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