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StartseiteBüchermarktMigration als Metamorphose11.09.2019

Boualem Sansal: "Der Zug nach Erlingen oder die Verwandlung Gottes"Migration als Metamorphose

Ein Opfer der Pariser Terroranschläge von 2015 erwacht mit einer neuen Identität aus dem Koma. Der algerische Autor Boualem Sansal konstruiert auf Basis dieser Verwandlung ein literarisches Spiel voller Überraschungen und Rätsel - das auch nach Deutschland führt.

Von Dirk Fuhrig

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Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal ((c) Roger van Heereman / Merlin Verlag)
Ein humoristischer Geist mit politischen Botschaften: der algerische Schriftsteller Boualem Sansal ((c) Roger van Heereman / Merlin Verlag)
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Erlingen ist eine fiktive Stadt in Deutschland. Es gibt zwar einen Ort, der so heißt, in der Nähe von Augsburg. Doch Boualem Sansals Erlingen ist ausgedacht. Eine Enklave, die in einer Kriegssituation von der Außenwelt fast vollständig abgeschlossen ist. Nur selten dringen Nachrichten durch.

"Erlingen scheint mir so allein in der Welt. Man weiß nichts von dem, was einen Kilometer von seinem Wohnhaus, von seiner Stadt entfernt geschieht. Existiert Europa noch? (…) Von Amerika hört man nichts, das ist neu, heißt das, es ist auch niedergeworfen? (…) Und der Mittlere Osten, so krankhaft in seiner Würde eingeklemmt, Gott, in welchem Blutbad ist er ertrunken?"

Eine anonyme Bedrohung, womöglich von Außerirdischen, liegt über der Stadt. Die Gerüchte sprießen, die Regierung schickt aus der Ferne vage Durchhalteparolen, unter anderem soll ein Zug kommen, der die Bewohner durch von den Feinden erobertes Gebiet in Sicherheit bringen soll.

"Die Eisenbahner sagen uns, wenn wir die Sitze entfernen und die Reisenden maximal zusammendrängen, (…) könnten wir drei- bis viertausend Personen mit einer Lokomotive (…) befördern. Kein Gepäck wird zugelassen werden. Man wird das Gefühl extremer Angst berücksichtigen müssen, das Personen erfassen kann, die unter solchen Bedingungen der Enge, der Brutalität und äußerster Not reisen, sie können sich das Schlimmste vorstellen."

Terror islamistischer Fanatiker

Das Szenario, das Sansal entwirft, lässt sofort an die Deportationen von Juden durch die Nationalsozialisten denken. Es bleibt jedoch bis zum Schluss rätselhaft, warum der Autor dieses Motiv, das dem Roman ja auch den Titel gibt, immer wieder aufgreift. Denn in seiner Erzählung - sofern man bei diesem vielschichtigen, multiperspektivisch erzählten und kryptischen Buch von einer Handlung sprechen kann - geht es nur am Rande um den Holocaust. "Der Zug nach Erlingen" beginnt in der Gegenwart, die vom Terror islamistischer Fanatiker geprägt ist.

"Dieser Roman erzählt von den letzten Tagen im Leben von Elisabeth Potier, Lehrerin für Geschichte und Geographie im Ruhestand, wohnhaft im Bezirk Seine-Saint-Denis, kollaterales Opfer des islamistischen Attentats vom 13. November 2015 in Paris. Nach einigen Tagen zwischen Leben und Tod taucht sie als eine andere Persönlichkeit aus dem Koma auf, und stirbt mit dieser Identität einen Monat später."

Der Autor warnt den Leser gleich zu Beginn, dass er die Hoffnung aufgeben möge, "die Phantasmagorie von der Wirklichkeit" unterscheiden zu können.

"Die Konstruktion dieses Romans entfernt sich beträchtlich vom gewohnten Rahmen einer Romanerzählung und mag verwirren, doch so ist der Weg der Wahrheit: wohl geeignet, uns in die Irre zu führen."

"Zeit der Migranten"

Und so springt Sansal alsbald zwischen Schauplätzen, Personen und Epochen hin und her, von den sich bedroht fühlenden Erlingern in einer vermutlich nahen Zukunft zu einer deutschen Unternehmerdynastie, die im 19. Jahrhundert in den USA ihr Glück und großen Reichtum fand. Und schon ist er bei der "Zeit der Migranten", wie die Überschrift eines Kapitels lautet.

"Wie soll man eine solche Geschichte schreiben? Man muss von etwas ausgehen, aber wovon? …Von Bremen? Ja…"

Von Bremerhaven aus hatten sich die viele deutsche Emigranten in die neue Welt eingeschifft. 

"Aber ja, von Bremen, die Sanfte, altes Juwel der Hanse, die seit dem Mittelalter entlang der ganzen Nord- und Ostsee in einem kontinuierlichen Rosenkranz von Städten, von London und Brügge bis Riga und Nowgorod, über Stockholm, Kiel, Hamburg, Bremen, Danzig, Lübeck, Köln, Uelzen, Mulhouse usw... als erster Ausdruck der einsetzenden Globalisierung eine mächtige Kette von Bastionen der Macht und des Wohlstandes bildete, vor dem Hintergrund einer Massenauswanderung, Kolonisierung, Versklavung und Evangelisierung."

Migration ist kein Phänomen unserer Zeit. Geht es um Kapitalismus und Globalisierung, kommt immer wieder Henry David Thoreau ins Spiel. Dessen Buch "Walden" - die Bibel der Umwelt- und Aussteigerbewegung - gilt auch dem Erzähler in Boualem Sansals Roman als eines der wichtigsten Bücher überhaupt. Franz Kafkas berühmte Erzählung "Die Verwandlung" spielt auch eine Rolle - die Migration, so mag man assoziieren, ist eine andere Form der Metamorphose. So wie die veränderte Identität des Pariser Anschlagsopfers eine "Verwandlung" darstellt.

Religionskritiker mit vielen Feinden

Fanatische Religion und blinder Gehorsam waren Sansals Themen in seiner großartigen und finsteren Warnung vor dem Totalitarismus  - seinem Roman "2084 - das Ende der Welt". Mit seiner Religionskritik hat sich der algerische Schriftsteller in seiner Heimat viele Feinde gemacht. Es ist überhaupt erstaunlich, dass er bis heute in Algerien leben kann und dass die meisten seiner Texte dort zugänglich sind.

Obwohl dieser neue Roman nun seinen Ausgangspunkt bei den Pariser Terroranschlägen auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo", den jüdischen Supermarkt, den Musikclub Bataclan und die Straßencafés nimmt, bleibt die Beschäftigung mit dem islamistischen Terror diesmal punktuell, etwa in diesem Brief aus der nicht allzu fernen Zukunft:

"Während wir ein gutes und aktives Leben in unseren neuen Ländern führten, Mama in Deutschland und ich im Vereinigten Königreich, explodierte Frankreich, das wir seiner Langeweile und seinen Klagen überlassen hatten, unter der Gewalt seiner Islamisten, die vom postmodernen Ungeheuer ISIS ferngesteuert wurden."

Auch wenn Boualem Sansal die Irrungen und Wirrungen seiner Roman-Konstruktion als beabsichtigt beschreibt: "Der Zug nach Erlingen" ist leider ein allzu undurchschaubares Labyrinth geworden. Zuviel steht hier unverbunden nebeneinander: die fiktive deutsche Unternehmerfamilie, die nicht fassbare Bedrohung von außen, die Bezüge zu den Migrationsströmen von Europa nach Amerika im 19. Jahrhundert sowie die der Gegenwart aus Afrika nach Europa. Da hilft es auch kaum, dass Sansal in einem Epilog die Moral, die man aus dem Text ziehen könnte, noch einmal zusammenfasst:

"Die erste lautet: Die Welt ist eins, auf ihr findet die gleiche ewige Geschichte statt, die Suche nach dem Glück, die die Leute auf die Straße wirft, wo sie öfter das Unglück als Glückseligkeit erwartet; die andere Lektion lautet, die Geschichte weiß nichts über die Zukunft, es kann alles geschehen, die gleichen Zutaten ergeben nicht notwendigerweise die gleiche Suppe, ein Zug kann einen anderen verdecken und es ist nicht bewiesen, weit gefehlt, dass Gott die beste Zuflucht ist."

Umkreisen des ewig Menschlichen

Nach der Lektüre dieses Flickenteppichs von Roman bleibt ein Gefühl von Erschöpfung und Ratlosigkeit. Sansals üppige, überbordende, klangvolle Sprache lässt zwar auch hier immer wieder den humoristischen Geist und literarischen Scharfsinn durchscheinen, für die der Autor berühmt geworden ist. Das Spiel mit Fiktion und Realität, das Umkreisen des ewig Menschlichen, die Suche nach Glück, die Zufälligkeit des Schicksals -  es vermittelt sich in diesem dichten Text nicht so virtuos wie in früheren Werken Boualem Sansals.

Boualem Sansal: "Der Zug nach Erlingen oder die Verwandlung Gottes"
Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky
Merlin Verlag, Gifkendorf. 260 Seiten, 24 Euro.

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