Mittwoch, 26.09.2018
 
Seit 07:00 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuell"Es konnte gefährlich sein mit meiner Mittelstands-Aussprache"13.08.2018

Brain Gain: Jonathan Harrington"Es konnte gefährlich sein mit meiner Mittelstands-Aussprache"

Der Brite Jonathan Harrington hat sich schon als Kind mit seinem späteren Beruf beschäftigen müssen - um nicht verprügelt zu werden. Dass der heutige Professor für Phonetik seit mittlerweile zehn Jahren an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrt, liegt auch an den guten Forschungsbedingungen.

Von Tomma Schröder

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Jonathan Harrington, Professor für Phonetik an der LMU München (LMU München / Christoph Draxler)
Sprache ändere sich die ganze Zeit, sagt Phonetik-Forscher Jonathan Harrington. Auch Migranten würden unsere Sprache verändern. (LMU München / Christoph Draxler)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Brain Gain Alle Beiträge der Reihe

Leben mit dem Stottern Wie ein Erdbeben im Mund

Sprachwissenschaftler über das Fluchen "Das Tabu spielt eine ganz große Rolle"

Rechtschreibung in den Sozialen Medien Ich bin doch kein Bebi!

Schriftsteller Eugen Ruge Es droht das Aussterben der deutschen Sprache

Jonathan Harrington begann seine phonetischen Studien genau genommen schon als Kind – auf den Straßen Südostenglands. Denn feinste Unterschiede in der Aussprache konnten darüber entscheiden, ob die Horde Jugendlicher hinter der nächsten Ecke Ärger machte, oder nicht.

"Ich weiß in jedem Fall aus meiner Kindheit, dass ich das verwendet habe. Ich sprach mit einer Mittelstandsaussprache. Und es könnte gefährlich sein, wenn ich in einer Gruppe von Jungen reingekommen bin mit meiner Mittelstandsaussprache, und sie waren dann von einer anderen sozialen Schicht."

Die feinen Unterschiede der Aussprache

Man kann sich noch heute gut vorstellen, dass solche Situationen von dem jungen John Harrington einige Verwandlungskünste erforderten. Denn der große schlanke Mann ist unheimlich freundlich, sehr offen, stets höflich und bar jeder Attitude. Was ihn vor einigen Jahrzehnten den Alltag erleichterte, ist mittlerweile zur Profession geworden: die feinen Unterschiede der Aussprache.

"Edinburgh und Glasgow, die sind 80 Kilometer voneinander entfernt, aber man hört sofort heraus, ob man aus Glasgow kommt oder aus Edinburgh. Und dann fragt man sich: Warum können das Menschen eigentlich? Es ist doch eigentlich nur ein Störfaktor. Und es kommt wahrscheinlich daher: Historisch wollte man wissen: Kommt diese Person aus meiner Gemeinde, oder nicht?"

Doch es gibt nicht nur regionale und soziale Unterschiede. Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle.

"Ich meine, ich sage jetzt 'that' mit einem 'a', so dass ich habe also: "That man ist wearing a black hat", aber vor fünfzig Jahren war das viel mehr wie ein deutsches 'ä': "Thät män is wäring a bläck hät."

Die Queen passte ihre Aussprache an Politiker aus der Mittelschicht an

Wie dieser schleichende Wandel vor sich geht, konnte Harrington mit einer mittlerweile sehr bekannten Analyse zeigen: Er untersuchte über Jahrzehnte die Weihnachtsansprache der Queen auf Ausspracheänderungen. Diese waren von Jahr zu Jahr zwar nicht wahrnehmbar, über die Zeit aber verlor die Sprache der britischen Königin ihren aristokratischen Duktus. Nicht weil die Queen dem Volk bewusst aufs Maul geschaut hätte, meint Harrington. Sondern weil immer mehr Politiker aus der Mittelschicht stammen und sich jeder von uns unbewusst an seine sprachliche Umgebung anpasst.

"Man denkt immer, Lautwandel ist historisch, aber es ist so aktuell! Sprache ändert sich die ganze Zeit. Was recht interessant ist, ist festzustellen: Was für einen Einfluss haben Migranten auf die deutsche Sprache? Also sie werden einen haben."

Wie der aussieht, versucht Harrington mit seinem Team gerade an zwei benachbarten Schulen in München herauszufinden, die sehr unterschiedlich hohe Anteile an Kindern mit Migrationshintergrund haben. Die Phonetiker nehmen über vier Jahre lang die Sprache der Kinder auf, kleben Sensoren auf ihre Zunge und Lippen und machen Ultraschall-Aufnahmen von ihren Stimmorganen. Finanzieren kann Harrington die aufwendigen Untersuchungen, weil er bereits zum zweiten Mal eines der renommierten Advanced Grants des Europäischen Forschungsrates ergattert hat. Trotz dieses Erfolgs bleibe er aber stets britisch bescheiden, sagt sein Kollege, der Neuropsychologe Wolfram Ziegler.

"Ich kenne ihn als einen sehr begeisterungsfähigen Kollegen, der ein enorm breites Wissen hat, enorm schnell im Denken. Und dabei fehlt ihm jede professorale Attitude, er ist ganz der entspannte britische Professor hier. Er hat auch diese Freundlichkeit, die auch überhaupt nichts Gespieltes hat. Und das ist natürlich ein ganz wichtiges Element am ganzen Institut."

Gute Forschungsbedingungen in Deutschland

Wenn es um seine steile Karriere geht, dann kommt der 60-Jährige auch schnell auf die Rolle seiner Familie zu sprechen. Auf die Unterstützung durch seine Frau, auf die Sorgen seiner Tochter, die als Zwölfjährige ohne Deutschkenntnisse von Sydney in die verregnete schleswig-holsteinische Provinz ziehen musste. Mittlerweile sind seine beiden Kinder groß, und Harrington ist dorthin gegangen, wo auch seine deutsche Großmutter früher lebte: nach München, an die Leopold-Maximilians-Universität. Bereut hat er den Wechsel nach Deutschland nie, sagt er. Das liege auch an den guten Forschungsbedingungen.

"Man hat also die DFG, das BMBF oder die Volkswagenstiftung und dann auch noch EU-Förderungen. Und diese Palette an Förderinstrumenten ist meines Erachtens in Deutschland einmalig."

Im Jahr 2016 hat Harrington vom Europäischen Forschungsrat auch noch ein 'Proof of Concept'-Stipendium erhalten – Geld, um praktische Anwendungen seiner Forschungsergebnisse zu erproben. Mit einem Team entwickelte er ein Programm, das Sprachaufnahmen von Patienten automatisch analysiert und Auffälligkeiten genau diagnostiziert. Denn wie wichtig eine richtige Diagnose und eine gute Therapie bei Sprachstörungen ist, weiß Harrington aus eigener Erfahrung sehr genau.

"Also ich war als Kind und bin es heute noch selber, also ich bin Stotterer. Das war also stärker ausgeprägt in meiner Kindheit als jetzt und so dass ich also auch ein persönliches Interesse an dieser Sache schon seit mehreren Jahren gehabt habe."

Auch beim Umgang mit dem Stottern sei es seine Frau gewesen, die ihn in seinen ersten schwierigen Jahren an der Universität das Durchhaltevermögen gegeben habe, erzählt Jonathan Harrington. Heute dagegen sei er es, der sie unterstütze. Harringtons Frau ist an einer schweren Demenzform erkrankt, die vor allem das Sprachvermögen beeinträchtigt. So schließe sich ein Kreis, sagt Harrington. Und es schwingt dabei keine Bitterkeit mit. Nur diese ungeheure Freundlichkeit. Man könnte auch sagen: Güte.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk