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StartseiteWissenschaft im BrennpunktSandkastenspiele für den Ernstfall28.07.2019

Brand-BekämpfungSandkastenspiele für den Ernstfall

Nach den schweren Bränden in Mecklenburg-Vorpommern hat Innenminister Horst Seehofer eine bundesweite Strategie zur Bekämpfung von Waldbränden angekündigt. Derzeit bemühen sich nur wenige Vereine darum, Feuerwehrleute in modernen Taktiken der Waldbrandbekämpfung zu schulen.

Von Piotr Heller

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Eine Landschaft ist als Planspiel nachgebaut. (Piotr Heller)
Das Waldbrandteam bespricht am Planspiel verschiedene Taktiken zur Waldbrand-Bekämpfung. (Piotr Heller)
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"Jetzt kann ich sagen: Ich kann diese Schneise hier verbieten, indem ich ein Feuer lege."

Manchmal ist die beste Art, ein Feuer zu bekämpfen, eben selbst ein Feuer zu legen. Aber der Reihe nach, denn so eine Entscheidung des freiwilligen Feuerwehrmanns Dennis Stegmann entspringt einer ausgefeilten strategischen Planung. Stegmann beugt sich über einen Tisch, auf dem eine kleine Landschaft aufgebaut ist.

"Das ist jetzt einfach ein Planspiel in Sandkastenform. Da ist einfach Mal wiedergegeben, wo unser Feuer ist. Das ist hier anhand von unserem roten Bändlein."

Mit solchen Planspielen schulen Dennis Stegmann und seine Kollegen vom Verein "Waldbrandteam" Feuerwehren in ganz Deutschland bei. In diesem Fall brennt ein Acker im Süden des Planspiels. Der Wind kommt von Norden. Das ist gut, denn so weht er das Feuer sozusagen von einem bewaldeten Hang weg, der nördlich mit ein paar Plastikbäumen angedeutet ist. Dennis Stegmann versetzt sich in einen Einsatzleiter hinein. Er überlegt, welche Faktoren das Feuer an verschiedenen Stellen beeinflussen.

"Brennt gegen den Wind, Faktor 1. Jetzt muss er überlegen, was kann sich hier noch entwickeln? Das Feuer läuft hier irgendwann in diese Tannenschonung rein, die sehr dicht bewachsen ist mit vielem toten Material. Dann haben wir irgendwann ein Faktor 2 Feuer. Weil: Ich habe einen Südhang, direkte Sonneneinstrahlung, und es geht bergauf."

Erfahrungen aus Portugal und den USA

Stegmann und seine Kollegen haben sich dieses taktische Wissen vor allem in Portugal und in den USA draufgeschafft. Sie unterstützen die dortigen Feuerwehren gelegentlich während der Waldbrandsaison. Dabei lernen sie von deren jahrzehntelanger Erfahrung mit riesigen Waldbränden. Auf dem Planspiel legt Dennis Stegmann jetzt die Prioritäten fest.

"Priorität eins ist die Brandbekämpfung. Von da aus kann ich mit Fahrzeugen meine Handmannschaft mit Löschrucksäcken, mit Handwerkzeugen, Feuerpatsche losschicken und kann den Saum hier abarbeiten. Wenn ich sehe: Mein Wind dreht sich. Oder ich weiß: Der Wind dreht zu einer bestimmten Zeit. Und ich weiß, ich bekomme es bis dahin nicht in den Griff, muss ich mir eine andere Taktik ausdenken."

Dennis Stegmann in seiner Feuerwehr-Ausrüstung. (Steven Mihelic)Dennis Stegmann vom Verein Waldbrandteam hat bereits Erfahrungen in den USA und Portugal gesammelt. (Steven Mihelic)

Spätestens, wenn der Wind sich dreht, ist plötzlich auch der Südhang bedroht. Da ist zwar ein kleiner Bach, aber mit dem Wind könnte das Feuer ihn überspringen. Jetzt kommt der Zeitpunkt, an dem der Feuerwehrmann selbst Feuer legen würde.

"Eine Möglichkeit ist es, hier ein Feuer zu legen, um meine Schneise gegen zu brennen. Ich gehe hier den Bach lang und kann anfangen, die Fläche, die hier zwischen ist, auszubrennen."

Das kontrolliert gelegte Feuer würde das Brennmaterial am Bach vernichten und das Hindernis sozusagen verbreitern. Das echte Feuer könnte ihn daraufhin nicht mehr überwinden. Diese indirekte Feuerbekämpfung kommt in Deutschland kaum zum Einsatz. Einerseits, weil man tatsächlich Flächen verbrennt, die eventuell gar nicht betroffen gewesen wären.

"Eine gewisse Opferbereitschaft muss da gebracht werden."

Andererseits, weil es nur wenige Feuerwehrleute gibt, die das dafür nötige Handwerkszeug beherrschen.

Einfache, aber wirksame Mittel

Dennis Stegmann schraubt jetzt ein dünnes Rohr auf etwas, das aussieht wie ein kleiner Feuerlöscher, aber tatsächlich genau das Gegenteil davon ist.

"Da kommt das Diesel-Benzin-Gemisch rein. Hier oben ist eine Stützflamme, hier läuft das raus, die zünde ich an, das bleibt dann laufen. Und wenn ich das nach unten halte, dann läuft das aus und das entzündet dann das Material, das ich haben möchte."

Mit dieser so genannten Flämmkanne, mit der Stegmann – wie er sagt – jahrelang Erfahrung sammeln musste, könnte er eben Schneisen in die Landschaft brennen. Außerdem hat der Waldbrandexperte allerhand andere Utensilien aus dem Ausland: Leichte Jacken und Hosen und einen gut belüfteten Helm, um stundenlang in der Sommersonne zu arbeiten. Einen speziellen Rucksack mit einem Trinkschlauch. Eine Schaufel, die aber nicht nur fürs Graben ausgelegt ist.

Flämmkanne des Waldbrandteams. (Piotr Heller)Mit der Flämmkanne kann man Schneisen in die Landschaft brennen. (Piotr Heller)

"Die ist extra so gebaut für Sandwürfe. Das heißt, wenn ich irgendwo eine Heidefläche habe, wo ganz sandiger Boden ist, kann ich die Schaufel ganz hervorragen nutzen als Feuerlöscher-Ersatz."

Und eine so genannte "Pulaski", eine Mischung aus Axt und Harke, um Schneisen in den Bode zu schlagen. Was an der Ausrüstung auffällt: Es ist kein Hightech. Es sind einfache Mittel, mit denen man aber viel bewirken kann, wenn man sie vor Ort korrekt einsetzt. Hightech spielt wo anders eine Rolle. Stegmann lobt zum Beispiel den Einsatz von Aufklärungsflugzeugen mit Wärmebildkameras beim jüngsten Brand in Lübtheen.

"Das ist auch ein sehr, sehr wichtiger Punkt bei Großschadenslagen, um einen Gesamtüberblick über diesen Einsatz zu kriegen."

Denn nur so können Einsatzleiter letztendlich die richtige Strategie wählen und ihre Leute am Boden so führen, dass sie die einfachen Werkzeuge optimal einsetzen.

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