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StartseiteKommentare und Themen der WocheDem Feuer sei Dank12.09.2020

Brand im Flüchtlingscamp MoriaDem Feuer sei Dank

Moria ist jetzt Vergangenheit und das ist gut so, kommentiert Rodothea Seralidou. Die Menschen, die in dem Flüchtlingscamp gelebt haben, dürften jetzt endlich auf menschliche Bedingungen hoffen. Das Lager sei immer eine Zumutung gewesen, sowohl für die Flüchtlinge als auch für die Inselbewohner.

Von Rodothea Seralidou

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Im bereits ausgebrannten Flüchtlingslager Moria stehen Zelte in Flammen. (picture alliance/dpa/Socrates Baltagiannis)
Nahezu nichts ist übriggeblieben vom Lager in Moria (picture alliance/dpa/Socrates Baltagiannis)
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Moria war schon immer ein schreckliches Flüchtlingscamp. "Ein Slum am Rande Europas". So hat es vor zwei Jahren bei einem meiner vielen Besuche auf der Insel die Rechtsanwältin Lorraine Leete bezeichnet, die auf Lesbos für eine Hilfsorganisation arbeitet. "Ein Slum am Rande Europas": Das bringt es auf den Punkt. Genau das war das Lager Moria. Immer wieder schockierte mich die riesige, chaotische Zeltstadt wenige Gehminuten vom gleichnamigen Dorf Moria entfernt; Menschen auf engstem Raum; Männer, die mit Holz, Kunststoffplanen und Pappkartons Hütten für sich und ihre Kinder zusammenschusterten, Frauen, die verzweifelt versucht haben, die vom Regen durchnässten Klamotten ihrer Familie irgendwie trocken zu kriegen… Und Kinder, so viele Kinder, die in abgetragenen Flipflops herumirrten und doch immer ein Lächeln für die Fremden übrig hatten, die das Camp besuchten, Fotos machten und wieder verschwanden.

"Jede Nacht gibt es Kämpfe! Wir haben Angst!" Wie oft habe ich diese Worte gehört: Von jungen Frauen, von Familien, aber auch von Männern, die eigentlich nach Europa gekommen waren, um Schutz zu suchen. Und sich in der Hölle von Moria wiederfanden. Europa wusste um die Situation in Moria nur zu gut und schaute weg. Nur wenn es mal wieder im Camp brannte, es heftige Auseinandersetzungen gab, Menschen ums Leben kamen, schaute die europäische Öffentlichkeit kurz hin. Und vergaß Moria wenige Tage später.

Moria ist Vergangenheit

Nun ist Moria Vergangenheit. Fast komplett abgebrannt. Auf den Straßen von Lesbos tausende Geflüchtete, Familien mit Kindern, schwangere Frauen, Alte. Bilder, die ein weiteres Mal erschüttern. Gleichzeitig – man glaubt es kaum – empfinden viele der betroffenen Menschen zum ersten Mal seit langem Hoffnung. Hoffnung, dass sie nie wieder in ein Camp wie Moria untergebracht werden, dass es für sie nun etwas Besseres geben muss, menschliche Bedingungen, von denen sie in Moria nur träumen konnten. Ein Handyvideo macht im Internet die Runde, in dem ein Geflüchteter das brennende Camp filmt und singt: "Bye bye Moria". Auf Wiedersehen, Moria! Oder besser: Auf Nimmer Wiedersehen.

Daniel CASPARY am Rednerpult, Einzelbild,angeschnittenes Einzelmotiv,Halbfigur,halbe Figur. 32.Parteitag der CDU Deutschlands am 23.11.2019,Congress Centrum Leipzig, | Verwendung weltweit (picture alliance / Sven Simon) (picture alliance / Sven Simon)Daniel Caspary (CDU) zu Moria - "Wir brauchen eine grundsätzliche Lösung"
Trotz der Bilder aus Moria dürfe man grundsätzliche Fragen zur Asylpolitik der EU nicht vergessen, sagte der Chef der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament, Daniel Caspary, im Dlf. Die Bundesregierung müsse Druck auf blockierende EU-Staaten ausüben.

Vom Brand profitieren aber auch die Einheimischen. Lange Zeit klagten die etwa 90.000 Inselbewohner, dass sie die Bürde alleine tragen müssen, dass das Elend in Moria den Tourismus und die Wirtschaft der Insel kaputt gemacht hat, dass ihre geschichtsträchtige und sonst so wunderschöne Insel zu einem Sinnbild des Flüchtlingsdramas geworden ist, das sich nun seit fünf Jahren vor den Toren der Europäischen Union abspielt. Auf die EU waren sie wütend. Die ständige Frage: "Warum nehmen andere Länder die Flüchtlinge nicht auf? Die Leute wollen ja nach Deutschland, Frankreich, Belgien. Nicht nach Lesbos."

Jetzt muss die EU agieren

"Jetzt ist die richtige Zeit gekommen", betont der örtliche Präfekt Kostas Moutzouris in den letzten Tagen gegenüber Medienvertretern. "Jetzt schaut die Welt auf uns. Jetzt liegt unsere Insel im internationalen Fokus." Moutzouris und auch die zwei Bürgermeister der Insel forderten seit ihrem Amtsantritt, dass Moria schließt. Den Plänen der griechischen Regierung, ein geschlossenes Lager auf Lesbos zu bauen und die Menschen aus Moria dahin zu bringen, trauten sie aber nicht. "Am Ende hätten wir nicht ein, sondern zwei Morias", so ihre Befürchtung. Jetzt hoffen sie, dass die EU sich endlich einen Ruck gibt und den Worten Taten folgen.

Eine Hoffnung, die auch die Zentralregierung in Athen hegt. Andere EU-Staaten auf das Problem aufmerksam machen, das hat die Regierung Mitsotakis schon vor dem verheerenden Brand in Moria immer wieder versucht. Jetzt hat der griechische Premier endlich die Aufmerksamkeit, die er sich wünschte.

In der Tat. Es ist höchste Zeit: Für ein langfristiges gemeinsames Vorgehen innerhalb der Europäischen Union; für eine Migrationspolitik, die Inseln wie Lesbos nicht mehr wegen ihrer geografischen Lage an der EU-Außengrenze bestraft, sondern ihnen die Hand reicht und ankommende Flüchtlinge gerecht auf andere EU-Staaten verteilt. Europa darf nicht mehr wegschauen. Und wird es hoffentlich nicht mehr. Dem Feuer sei Dank.

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