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StartseiteWissenschaft im BrennpunktGefährliche Hochhausfassaden30.09.2018

BrandschutzGefährliche Hochhausfassaden

Knapp eine Stunde nach Mitternacht geriet am 14. Juni 2017 in London der Grenfell Tower in Brand. In Windeseile fraßen sich die Flammen an der Fassade des Hochhauses empor. Die Katastrophe kostete über 70 Menschen das Leben und warf Fragen auf, die auch heute noch nicht vollständig beantwortet sind.

Von Arndt Reuning und Piotr Heller

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Der brennende Grenfell-Tower im Juni 2017 (AP)
In Hochhäusern ist Brandschutz besonders wichtig - die Vorschriften sind aber sehr unterschiedlich (AP)
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Es ist die Nacht vom 13. auf den 14. Juni 2017, etwa eine Stunde nach Mitternacht. Behailu Kebede wird in seiner Wohnung in North Kensington, London unsanft aus dem Schlaf gerissen. Der Rauchmelder gibt Alarm. In seiner Küche sieht der Mann helle Schwaden emporquellen. Sie scheinen vom Kühlschrank zu stammen. Bahailu Kebede schnappt sich sein Handy, weckt seine Mitbewohnerinnen, stürzt aus der Wohnung und wählt den Notruf, 999.

"Fire Brigade. Yeah, hello, hi. In the fire is flat 16, Grenfell Tower. Sorry, a fire where?"

Behailu Kebede gibt seine Adresse durch und die Nummer seiner Wohnung im Hochhaus namens Grenfell Tower.

 "Yeah, but coming quick please. It's the fourth floor. Right, okay. Quick, quick, quick. They're on their way already. It's burning."

Es hört sich nach einem Routineeinsatz für die Feuerwehr an. Und doch ist das der Auftakt zu einer der schwersten Brandkatastrophen auf den britischen Inseln: In den frühen Morgenstunden des 14. Juni wird das gesamte Gebäude in Flammen stehen, 24 Stockwerke, 120 Wohnungen. 72 Menschen werden durch das Feuer ihr Leben verlieren.

Bereits wenige Minuten nach dem Notruf treffen die ersten Feuerwehrleute am Grenfell Tower ein. Von außen sieht man ein orangefarbenes Leuchten hinter einem Fenster im vierten Stock. Brennende oder glimmende Brocken fallen zu Boden. Und dann geht alles ganz schnell: Nach einer halben Stunde ist das Feuer am Dach des Hochhauses angekommen und wandert nun auch seitlich am Gebäude entlang. Um halb fünf schließlich steht der ganze Turm in Flammen.

Ähnliche Katastrophe auch in Deutschland?

Nach der Katastrophe wurden die ersten Fragen laut: Wie war es zu dem Fassadenbrand gekommen, und warum konnte er sich so schnell ausbreiten? Das Gebäude war erst kurz zuvor saniert worden. Und so fiel der Verdacht schnell auf die Materialien, die dabei verbaut worden waren. Brennbare Materialien an der Fassade. Könnte sich solch eine Katastrophe also jederzeit wiederholen? Und wie sieht die Situation hier in Deutschland aus? Diese Frage möchte ich nun weitergeben an Andreas Ruhs von der Branddirektion Frankfurt am Main. Ist solch ein Brand wie am Grenfell Tower auch in Deutschland möglich?

Andreas Ruhs: Nein. Für Deutschland muss man das ganz klar verneinen. Wir haben Vorschriften schon seit vielen Jahren, Jahrzehnten. Das ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt, aber durchgängig seit vielen Jahren beziehungsweise Jahrzehnten ist es so, dass an der Außenfassade in Hochhäusern keine brennbaren Materialien verwendet werden dürfen.

Arndt Reuning: Das war offenbar der Fall in London. Eine Überprüfung hat ergeben, dass es dort rund 600 weitere Häuser mit ähnlichen Mängeln gibt. Das heißt so etwas kann man in Deutschland ausschließen oder wie ist die Situation hier?

Ruhs: In Deutschland war es so, dass - zumindest für das Bundesland Hessen - gesprochen, weil das wie gesagt Ländersache ist und nicht zentral vom Bund geregelt wird, dass die Oberste Bauaufsicht in Wiesbaden alle ihre Dienststellen angewiesen hat, diese Fassaden nochmal überprüfen zu lassen beziehungsweise zumindest die Aktenlage zu überprüfen, und im Einzelfall ist da sicherlich auch nochmal geschaut worden. Es gingen ja auch einzelne Fälle durch die Medien, wo Ertüchtigungsmaßnahmen durchgeführt wurden. Aber solch eine intensive Brandausbreitung wie am Grenfell Tower kann ich mir bei uns eigentlich nicht vorstellen. Ganz ausschließen kann man es sicherlich nicht. Aber vorstellen kann ich es mir ehrlicherweise auch nicht.

Reuning: Wie sieht es denn aus in Frankfurt: Wie oft muss die Feuerwehr ausrücken zu einem Hochhausbrand?

Ruhs: Zu einem Hochhausbrand rücken wir sehr, sehr selten aus. Also diese typischen Brände, die man sich jetzt vielleicht vorstellt, vielleicht auch durch das Ereignis in London, so etwas gab es bei uns noch nie. Wenn es in einem Hochhaus brennt, dann ist das in der Regel in einem Wohnhochhaus. Und dann sind das Wohnungsbrände, die vergleichbar sind mit Bränden in normalen beziehungsweise in kleineren Gebäuden. Wir fahren da nicht mit unheimlich viel mehr Feuerwehrfahrzeug hin und haben eigentlich auch keine wesentliche taktische andere Vorgehensweise wie bei normalen Ereignissen.

Reuning: Das heißt: Das sind auch Gefahrenquellen, wie sie in jedem anderen Wohnhaus vorkommen?

Ruhs: Na ja, wie gesagt: Das typische Brandereignis ist eigentlich in dem Fall der Wohnungsbrand. Die Wohnung brennt. Dass es in einem Bürokomplex - die ganz großen Hochhäuser sind in der Regel alle mit einer Büronutzung versehen - dass es dort zu einem Brandereignis kommt, was über das eigentlich betroffene Zimmer hinausgeht, ist also äußerst selten und kann ich mich gar nicht daran erinnern.

Das Treppenhaus als isolierter Rettungsweg

Reuning: Trotzdem müssen ja bestimmte Vorschriften zum Brandschutz eingehalten werden. Wie sehen die aus in Deutschland für Hochhäuser?

Ruhs: Naja, genau deswegen kommt es meines Erachtens auch nicht zu solchen tragischen Ereignissen. Also auf der einen Seite müssen ausreichend Fluchtwege bereitgestellt werden. Und Sie können sich das von der baulichen Konstruktion so vorstellen: in dem Moment, auch wenn Sie im 20., 30., 40. Obergeschoss sind: In dem Moment, in dem Sie den Treppenraum erreicht haben, Dann sind Sie eigentlich wirklich im Sicheren. Wir benennen das immer so eine Haus-in-Haus-Lösung, also der Treppenraum, dort wo die Treppe angesiedelt ist, ist eigentlich so abgetrennt vom Rest des Gebäudes, dass Sie, wenn Sie den erreicht haben, im sicheren Bereich sind. Was man dann noch sehr häufig insbesondere bei den Hochhäusern mit einer Büronutzung hat: Da hat man eine sogenannte Brandmeldeanlage drin, also dass ein Brand unheimlich früh detektiert wird und auch automatisch die Feuerwehr ruft, eventuell sogar die Räumung des Gebäudes einleitet. Und darüber hinaus hat man in der Regel noch eine Sprinkleranlage also ein System, was wirklich punktuell das Feuer nicht unbedingt löscht aber zumindest soweit eindämmt, dass die Feuerwehr da mit wenig Aufwand das Feuer abschließend bekämpfen kann.

Reuning: Schauen wir noch mal auf die Materialien an der Fassade. Also einerseits denke ich mal, gibt es da eine thermische Dämmung und es gibt möglicherweise eine Verblendung. Welche Materialien sind da überhaupt erlaubt?

Ruhs: Also, im Hochhaus ist in Deutschland ganz klar geregelt: sogenannte nicht brennbare Baustoffe. Das kann alles Mögliche sein. Stein, Beton, Metall. Also, Metall sind meistens die vorgehängten Fassaden, wo eine Betonschicht dahinter ist, aber eben nichts Brennbares. Das ist ausgeschlossen in Deutschland.

Reuning: Gibt es zusätzliche bauliche Vorrichtungen, um die Ausbreitung solch eines Fassadenbrandes zu erschweren?

Ruhs: Ja, weniger des Fassadenbrandes sondern des sogenannten Feuerüberschlages. Auch in einem normalen Gebäude, wenn es da in einem Stockwerk zu einem Feuer kommt und die Flammen aus dem Fenster schlagen, dann besteht ja grundsätzlich schon die Gefahr, dass es auch in die Wohnung im Stockwerk oben drüber hineinläuft. Um das im Hochhaus gänzlich auszuschließen, müssen da immer solche Schürzen – die sieht man in der Regel auch, die sehen auch architektonisch nicht besonders hübsch aus – verbaut werden und oder eben mit einem verstärkten Sprinklerschutz gearbeitet werden, dass man wirklich Feuerüberschlag verhindern kann. Aber hinsichtlich der Fassadentechnologie im Hochhaus eigentlich nicht. Weil, wie gesagt, da ist die Vorgabe so, dass das Material nicht brennbar sein muss.

Gefahr durch Styropor

Reuning: Als Hochhäuser gelten in Deutschland Gebäude die höher sind als 22 Meter. Wie sieht es denn aus darunter. Auch dort haben Häuser zum Beispiel eine Dämmung an der Fassade. Gibt es dort ähnliche Vorschriften wie für die Hochhäuser.

Ruhs: An solchen Häusern, die nicht so hoch sind, dass sie unter die Hochhausrichtlinie fallen, dürfen schwer entflammbare Baumaterialien verwendet werden. Und da gibt es dann auf der einen Seite Zulassungskriterien, aber vor allem Verarbeitungsrichtlinien. Da müssen sogenannten Brandriegel verbaut werden, damit die Brandausbreitung sich da nicht über die Fassade hinaus vergrößert.

Reuning: Was ist das genau, ein Brandriegel?

Ruhs: Letztendlich müssen sie zwischen jeder zweiten Etage das Dämmmaterial, was in der Regel Polystyrol-Material ist, mit einem nichtbrennbaren Riegel, das ist meistens eine Steinwolle, also ein Material, was sich nicht an Brand beteiligt, müssen Sie da einen umlaufenden Riegel einsetzen von zehn Zentimetern Höhe, damit das die Feuerweiterleitung unterbricht.

Reuning: Das heißt, Polystyrol, das ist sehr wahrscheinlich besser bekannt unter dem Markennamen Styropor, das muss immer wieder unterbrochen werden durch nicht brennbare Materialien.

Ruhs: Ja, genau.

Soweit Branddirektor Andreas Ruhs von der Feuerwehr Frankfurt am Main. Wenn man sich die Top Ten der Wolkenkratzer in Deutschland anschaut, dann sieht man, dass Mainhatten mit seiner ikonischen Skyline da ganz vorne liegt. Und so gibt es dort auch eine Höhenrettungsgruppe. Diese Feuerwehrleute sind dafür ausgebildet, Menschen aus Hochhäusern zu retten. Dafür üben sie mehrmals im Jahr.

Und wie so eine Übung abläuft, das hat unser Autor Piotr Heller am eigenen Leib erfahren.

"Zu unserer persönlichen Schutzausrüstung gehört einmal neben entsprechenden Sicherheitsstiefeln, Sicherheitshose und Jacke unser Sicherheitsgurt. Also ein Komplettgurt.

Daniel Rademacher ist Hauptbrandmeister bei der Feuerwehr Frankfurt, der Stadt mit den vielen Hochhäusern. Er ist groß, hat eine bullige Statur. Man sieht es ihm nicht gleich an, dass er ein geschickter Kletterer ist. Doch das muss er sein. Er arbeitet in der Höhenrettung und ist hier auch Ausbilder.

"Dann haben wir unseren Schutzhelm mit der Schutzbrille. In dem Gurt hängen wir. In dem Gurt werden die Seile angeknotet. Und darin hängen wir."

Hauptbrandmeister Daniel Rademacher arbeitet für die Höhenrettung der Feuerwehr Frankfurt a.M. (Piotr Heller / Deutschlandradio)Hauptbrandmeister Daniel Rademacher arbeitet für die Höhenrettung der Feuerwehr Frankfurt (Piotr Heller / Deutschlandradio)
Wir steigen die Treppe eines Übungsgebäudes hinauf, auf dem die Feuerwehrleute heute für die Höhenrettung trainieren. Es ist etwa 25 Meter hoch. Die Männer knoten Seile fest, üben die Rettung eines Fensterputzers. Auch ich soll mich heute abseilen lassen, um ein Gefühl für die Arbeit der Retter zu bekommen.

"Dieser Moment über die Kante ist in der Regel der spannende bei unseren Gästen. Wenn Sie so weit sind, wir sind so weit."

"Am besten mit dem Bein, dass sie sich nicht so oft drehen. Joa, einfach drüber!"

Ich stemme mich über die Brüstung auf dem Dach. "Bloß nicht nach unten schauen!", denke ich dabei. Zwei Feuerwehrleute sichern meine Seile

"Jetzt ablassen, Sie können sich ruhig mit den Füßen ein bisschen abdrücken."

Es geht einige Meter abwärts, dann komme ich an einem Fensterbrett an

"Wie fühlt es sich an?  Nicht gut".

Genau. Eines der Attribute der Höhenretter ist absolute Schwindelfreiheit. Das ist an der Stelle das Gefühl, das man überwinden muss. Langsam ab! Dann die Wand einfach so runter laufen.

Unten angekommen befreit mich Daniel Radermacher vom Gurt.

"Das Zittern der Knie hört gleich auf."

Die Höhenrettung wurde in Frankfurt in den 90ern eingerichtet. Damals hatte es in einem Hochhaus in Frankfurt Höchst gebrannt. Verschiedene Rettungswege waren versperrt. Also dachte man sich neue Wege aus, um Menschen aus großen Höhen zur retten - und zwar nicht nur bei Bränden.

Ein Feuerwehrmann der Höhenrettungsgruppe Frankfurt a.M. klettert während einer Übung über eine Brüstung (Piotr Heller)Wer in der Höhenrettung arbeiten will, muss sollte schwindelfrei sein (Piotr Heller)
"Wenn jetzt die Wohnung brennen würde, Sie sehen, die Seile laufen direkt am Fenster lang, das würde so nicht funktionieren. Stichwort Schmelzpunkt, das passt nicht."

So sind die Höhenretter eher damit beschäftigt, Kranführer oder Fensterputzer bei Unfällen zu bergen. Aber auch bei Bränden könnten sie eine Option sein.

"Irgendwo hat es gebrannt, es gibt eine große Rauchausbreitung, Fluchtwege sind abgeschnitten, letztendlich müssten wir in irgendeiner Form aufs Objekt darauf kommen, und können dann von oben mit unseren Materialen, wir holen uns Festpunkte, und seilen uns zu der Person ab und bringen sie zu Boden."

Zunächst versuchen die Feuerwehrleute aber auf klassischem Wege zu den Menschen zu gelangen. In Frankfurts Wolkenkratzern ist das der Feuerwehrfahrstuhl.

"Der ist gekaspelt in einem Schacht, der wird speziell belüftet, wir können ihn steuern mit einer speziellen Feuerwehrschließung. Sicherheitseinrichtungen werden abgeschaltet. Das ist auch die Lichtschranke. Lichtschranke können wir nicht gebrachen, weil Rauch sind Rauchpartikel. Und die Lichtschranke reagiert auf Partikel und somit wäre das schlecht."

Wieder oben auf dem Übungsgebäude seilt sich einer der Feuerwehrleute ab. 72 solcher Übungsstunden haben die Höhenretter jedes Jahr auf dem Programm.

"Sie sehen, der Kollege steigt jetzt über die Brüstung. Wir sind das Arbeiten in solchen Höhen gewöhnt, da sind 25 Meter, ich sag mal jetzt, keine Herausforderung. So ab 200 aufwärts, frei hängend im Seil, das ist eine andere Hausnummer dann."

Piotr Heller hat sich abseilen lassen von der Höherettungsgruppe der Feuerwehr Frankfurt.

Feuer breitete sich rasant aus

Der Grenfell Tower in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni: Nur wenige Minuten nach dem Notruf trifft das erste Feuerwehrfahrzeug dort ein. Trotzdem gelingt es den Flammen, sich innerhalb von rund dreißig Minuten bis zum Dach des vierundzwanzigstöckigen Gebäudes auszubreiten. Eine Stunde später erst stuft die Feuerwehr den Brand als "major incident" ein, als Großschaden. Vierzig Löschfahrzeuge sind zu diesem Zeitpunkt vor Ort oder auf dem Weg dorthin. Frage an Andreas Ruhs von der Feuerwehr Frankfurt: Welche Möglichkeiten hat man denn zur Bekämpfung eines Hochhaus Brandes solch eines Ausmaßes?

Andreas Ruhs: Also meiner Meinung nach ehrlicherweise gar keiner. Ein Feuer, was sich so rasant über alle Stockwerke ausbreitet, da ist die Feuerwehr meiner persönlichen Überzeugung nach schlichtweg machtlos; auch so eine hochprofessionelle Feuerwehr wie die Feuerwehr London, die sicherlich zu den schlagkräftigsten der Welt gehört. Aber meiner persönlichen Einschätzung nach können Sie solche Brandereignisse nicht in Griff bekommen.

Arndt Reuning: Was sind die größten Probleme dabei? Rauch, Hitze oder ganz andere Faktoren?

Ruhs: Nach meiner Einschätzung eigentlich am ehesten diese rasante Brandausbreitung. Wenn das Feuer auf ein oder zwei Wohnungen begrenzt ist, damit können die Feuerwehren umgehen. Dafür sind sie ausgebildet. Dafür haben wir das nötige Know-how, die technischen Unterstützung. Aber wenn Sie sich vorstellen dass es wirklich von unten bis oben in so einem Hochhaus überall brennt. Und wir haben ja auch das Bedürfnis nach sicheren Angriffswegen, so dass wir wirklich auch einigermaßen sicher, sofern das in dieser Situation überhaupt geht, sicher die Stelle betreten können, unseren Rückweg auch wieder sichern können. Da muss man ja schlichtweg Angst haben, dass einem die Schläuche wegbrennen, dass man überhaupt kein Wasser mehr vorne abgeben kann aufgrund dieser großen Intensität.

Zu spät evakuiert?

Reuning: Es stellt sich natürlich die Frage der Evakuierung, also: Wann holt man die Menschen aus dem Haus heraus. Gibt es da eine feste Regel?

Ruhs: Nee, eigentlich eine feste Regel gibt es da nicht. Da gibt es auch verschiedene unterschiedliche taktische Vorgehensweisen. Also, ehrlicherweise machen wir es üblicherweise so, dass wir eigentlich zumindest in der Anfangsphase bewusst darauf verzichten, alle Personen zu räumen, weil aufgrund der wirklich intensiven Vorgaben auch im baulichen Brandschutz man eigentlich so ein Ereignis wie in London in dieser Dimension ausschließen kann. Und wir fokussieren uns in der Regel auf die Brandetage, die Etage unten drunter und zwei Etagen darüber und beobachten aber natürlich ansonsten das Geschehen und würden, sobald wir den Eindruck hätten, das Szenario breitet sich weiter aus, dann die gesamte Evakuierung einleiten.

Reuning: Das war, glaub ich, ein bisschen das Problem in London dass die Bewohner erst einmal die Anweisung erhielten in der Wohnung zu bleiben. Und dass man dann, so lautet der Vorwurf, zu spät begonnen hat, sie aus den Wohnungen herauszuholen.

Ruhs: Zu London kann ich Ihnen ehrlicherweise nicht viel sagen. Da kenne ich eigentlich auch nur die Zeitungsartikel. Was man aber, glaube ich, in Gänze festhalten muss: diese Situation, wie die Fluchtwege dort gestaltet waren, wie die Wohnungen an den Treppenraum angeschlossen waren ohne jegliche brandschutztechnische Abtrennung – so geht es zumindest aus den Artikeln hervor – das gibt es in Deutschland eigentlich so nicht. Wie ich am Anfang sagte: sobald Sie in Deutschland den Treppenraum betreten haben, auch wenn sie im zwanzigsten Stock sind, sind Sie eigentlich vor Feuer und Rauch hinreichend sicher.

Soweit Branddirektor Andreas Ruhs.

Schwachstellen: Brennbare Fassadenelemente

Eine fatale Rolle für den Brand des Grenfell Tower hatten die Materialien gespielt, die in der Fassade verbaut worden waren. Zur Wärmedämmung war das ein Schaum aus dem Kunststoff Polyisocyanurat, der Polyurethan ähnelt. Der Brandschutzexperte Luke Bisby, Professor an der Universität von Edinburgh, richtet seinen Blick jedoch auf die Platten, die zur Verkleidung und zum Schutz vor Regen vor die Dämmschicht gehängt worden waren. Sie bestanden aus Polyethylen, auf beiden Seiten waren dünne Aluminiumbleche aufgeklebt. Das Verbundmaterial war so zugeschnitten und gebogen, dass der Kunststoff in Richtung der Hauswand offen lag, sagte Luke Bisby bei der öffentlichen Untersuchung des Vorfalls.

"Polyethylen ist ein leicht entflammbares synthetisches thermoplastisches Polymer. Unter Einfluss von Hitze schmilzt es und tropft. Und beim Tropfen oder Herunterfließen dürfte es dann wohl auch brennen."

Die Entflammbarkeit von Fassadenmaterialien spielt also eine wichtige Rolle für den Brandschutz. Beeinflussen lässt sie sich durch Zusatzstoffe, durch Flammschutzmittel. Was diese Substanzen leisten können, hat sich mein Kollege Piotr Heller angeschaut.

"Der Schaum, der hängt vertikal und wird von unten mit einer Flamme beflammt. Circa 15 Sekunden werden wir die Probe beflammen."

Benedikt Sperlich hantiert im Labor des Darmstädter Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit mit einem Stück festen Polystrol-Schaum.

Die Chemiker Michael Ciesielski (links) und Benedikt Sperlich (rechts) stehen am Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF vor ihrer Prüfkammer für einen Flammtest (Piotr Heller / Deutschlandradio)Michael Ciesielski und Benedikt Sperlich (Piotr Heller / Deutschlandradio)

Es ist weiß und etwa so groß wie ein Taschenbuch. Der junge Wissenschaftler hängt es in eine Prüfkammer. Solche Schäume wurden mancherorts zur Dämmung genutzt. Auch am Grenfell Tower waren Polymerschäme in der Fassade verbaut.

"Das war damals bei diesem furchtbaren Hochhausbrand kein Polysterol-Schaum, sondern das waren andere Materialien, aber das ist vom Prinzip her vergleichbar."

Erklärt Michael Ciesielski, der hier am Institut flammengeschützte Kunststoffe für Häuserfassaden, aber auch für Elektronikteile entwickelt. Der Schaum in der Prüfkammer enthält keinerlei Flammschutzmittel.

"Wir werden versuchen, das unten und leicht an der Vorderkante anzubrennen, dann dürfen sie sich selbst ein Bild machen ohne Flammschutz."

Der Schaum fängt über der kleine Flamme sofort Feuer, beginnt zu schmelzen. Brennende Tropfen fallen herab.

"Wenn man das sich in groß vorstellt, kann man sich vorstellen, wie das bei dem Fassadenbrand war, ganz ähnlich. Das Material brennt komplett ab, mit einer riesigen Wärmeentwicklung, erzeugt eine Menge dunklen Rauch, hat keinerlei Stabilität, würde da an der Fassade runterlaufen. Es ist eigentlich fester Brennstoff, das brennt wie Dieselöl eigentlich."

Als nächstes hängt Benedikt Sperlich einen Schaum in die Prüfkammer, der zwei Prozent eines bromhaltigen Brandschutzmittels enthält.

"Da erkennt man hinsichtlich des Flammschutzmechanismus schon etwas. Das Material zieht sich zurück, die Flamme erlischt sehr schnell."

Es bleibt ein etwa daumengroßes Loch in dem weißen Material.

Zwei Stücke Polystyrol-Schaum nach einem Flammtest. Das linke Stück enthält kein Flammschutzmittel, das rechte Stück wurde mit einem Flammhemmer behandelt. (Piotr Heller / Deutschlandradio)Polystyrol-Schaum ohne und mit Flammschutzmittel (Piotr Heller / Deutschlandradio)

Der Flammhemmer hat hier unter anderem die Entstehung hochreaktiver Teilchen verhindert, die die Flamme angeheizt hätten. Als letztes ist ein Test mit einer Eigenentwicklung des Instituts dran.

"Das ist ein Material, das besteht aus Polysterol, Schaumpartikeln, das besteht aus einem duromeren Harz, da drin sind außerdem noch große Mengen eines anorganischen Brandschutzmittels und noch andere Dinge. Das könnte man auch für höhere Fassaden verwenden, im Dachbereich. Das hätte da eine weite Anwendbarkeit."

Diesem Schaum kann die Flamme nichts anhaben. Es entsteht nur eine kleine, verkohlte Schicht. Das hat gleich mehrere Gründe:

"Der duromere Kunststoff ist als solcher schon ziemlich flammwidrig. Dann sind erhebliche Mengen an Aluminium Hydroxid drin und das hat eine erhebliche Flammschutzwirkung. Wenn Aluhydroxid in Aluoxid übergeht, da werden große Mengen Wasser freigesetzt, welche dem Brandprozess die Energie entzieht."

Dass dieses Material einem Brand viel mehr entgegensetzen kann als die anderen, sieht man in dem Test auf den ersten Blick. Tatsächlich nutzen die Forscher diese Kammer, um Neuentwicklungen erstmalig zu prüfen. Wenn sie sich hier gut schlagen, werden sie weiter untersucht. Etwa danach, wieviel Wärme sie der Verbrennung freisetzen wund welche giftigen Gase dabei entstehen.

Soweit der Einblick in das Labor des Darmstädter Fraunhofer-Instituts für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit.

Das Brandrisiko erheblich senken

Die Materialien an der Fassade des Grenfell Tower brannten offenbar wie Zunder. Platten zur Verkleidung aus Aluminium und Polyethylen. Von Prof. Manfred Döring, der die Abteilung Polymersynthese am Fraunhofer LBF leitet, wollte ich wissen, was er von dieser Kombination hält.

Manfred Döring: Ja, es ist noch etwas komplizierter. Man nennt das letztendlich wie bei fast allen Häusern Wärmedämmverbundsystem. Das heißt, man hat eine Dämmschicht – die hat übrigens auch gebrannt –  aus Polyurethanschaum direkt an der Wand nach außen. Und davor wurde ein sogenanntes Aluminiumsystem abgehangen. Das heißt, das hängt frei an der Fassade. Und besteht, wie sie richtig sagten, aus zwei Platten die man als Shell, als Schale, bezeichnen kann und einem Kern aus Polyethylen. Und das ist sehr ungeschickt, weil das Polyethylen ist natürlich sehr brennbar. Das war auch nicht flammgeschützt. Und das wirkt, weil es ja genau zwischen diesen Aluminiumplatten ist, dann zusätzlich noch wie ein Kamin. Das heißt, wir haben dann einen stark entwickelten Fassadenbrand.

Arndt Reuning: Sie hatten schon die Dämmung erwähnt, die auch gebrannt hat, weil sie aus einem Polyurethan-Schaum bestand. Sollte man davon ausgehen, dass solche Schäume aus Polymeren, aus Kunststoffen, eigentlich immer Feuer fangen?

Döring: Das ist eine schwierige Frage. Man kann sie so einstellen, dass sie so gut wie nicht brennen. Sie müssen natürlich entsprechend flammengeschützt sein nach den entsprechenden Vorschriften. Es gibt Richtlinien. Es gibt Gesetze, wie dieses Brandverhalten von Fassaden zu sein hat. Und das muss man bestehen.

Reuning: Die gelten für Hochhäuser. In Deutschland gibt es auch einen Unterschied: Je nachdem, wie hoch das Haus ist, ob es höher oder niedriger ist als 22 Meter. Unterhalb von 22 Metern muss man sich auf alle Fälle deutlicher mit dieser Entflammbarkeit von Polymerschäumen auseinandersetzen. Ich denke, ein ganz häufiges Material ist das Polystyrol, besser bekannt unter den Markennamen Styropor oder Styrofoam. Gibt es denn Möglichkeiten, das wirklich an Häusern zu verbauen, ohne dass eine Brandgefahr besteht?

Döring: Grundsätzlich, gibt es die Unterschiede: 22 Meter hoch, da drunter kann man Polystyrol wenden. Darüber ist es eigentlich verboten in Deutschland. Es wird heute in Deutschland verbaut und erfüllt die im Moment gültigen Normen. Das heißt, wenn man etwas ändern möchte, sollte man primär die Normen ändern.

Belastung für die Umwelt

Reuning: Welche Flammschutzmittel gibt es denn eigentlich? Kann man die vielleicht in verschiedene Klassen einteilen, zum Beispiel nach ihrer Wirkung?

Döring: Ja, es gibt im Prinzip drei große Klassen von Flammschutzmitteln. Das eine sind anorganische Hydroxide, wie Aluminiumhydroxid oder Magnesiumhydroxid. Diese sind von Haus aus nicht brennbar, und wenn sie einer Wärmequelle ausgesetzt werden, dann spalten sie zusätzlich noch Wasser ab und entziehen der Flamme noch Energie. Dann gibt es bromhaltige Flammschutzmittel. Das war sehr beliebt, ich würde sagen, nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende. Da hat sich aber herausgestellt, dass viele von diesen – nicht alle, aber doch einige – toxikologisch bedenklich waren und letztendlich vom Markt genommen worden sind bzw. durch untoxische ersetzt worden sind. Dann gibt es noch eine ganze Reihe von phosphorhaltigen Flammschutzmitteln und stickstoffhaltigen Flammschuttmitteln, die ganz unterschiedliche Wirkungen haben. Die können sowohl in der Gasphase das Feuer ersticken, aber auch eine Art Oberflächenversiegelung durch Carboninfizierung, man nennt es Charing, machen können, sodass die Hitze nicht an die entsprechenden flammempfindlichen Materialien kommen kann.

Reuning: Sie haben ja schon die Umweltaspekte erwähnt. Also, wenn ein Gebäude irgendwann wieder abgerissen wird, dann muss ja auch das Dämmmaterial entsorgt werden. Und wenn das nun sozusagen imprägniert ist mit Flammschutzmitteln, dann dürfte das ja wohl auch eine Herausforderung darstellen für die Entsorgung oder auch für die Aufbereitung. Wie sehen Sie das?

Döring: Naja, wenn jemand ein Einfamilienhaus besitzt und möchte den alten Schaum entfernen bzw. auch das Häuslein wegreißen, dann hat er damit ernsthafte Probleme. Weil die alten Polystyrol-Schäume waren mit dem sogenannten HBCD, einem bromierten Flammschutzmittel, belastet, welches nach heutigem Wissen toxikologisch ist und auch entsprechend durch die EU eingestuft worden ist, also eine chemische Substanz mit hohem toxikologischen Potenzial. Logischerweise sind diese Schäume oder dieses Polystyrol-Material mit diesem Flammschutzmittel Sondermüll. Das heißt, man sollte sich dann erkundigen, dass man diese Materialien in extra Säcke, die es bei den entsprechenden Ämtern gibt, verpackt und dann entsprechend als Sondermüll abgibt oder auch gleich eine entsprechende Firma einschaltet.

Reuning: Werden denn umweltverträgliche Alternativen zurzeit entwickelt?

Döring: Ja, der jetzt im Handel befindliche Polystyrol-Schaum ist erstens mit einem Flammschutzmittel versehen, welches toxikologische unbedenklich ist, sodass also auch ein Recycling von diesem Material unproblematisch machbar ist. Zusätzlich werden halogenfreie oder bromfreie Flammschutzmittel entwickelt, die aber von Haus aus gleich in größeren Mengen eingesetzt werden. Auch anorganischer Natur, um höhere Brandschutzklassen, die anvisiert sind, zu erzielen.

Sagt Prof. Manfred Döring vom Fraunhofer Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit in Darmstadt. - Die Brandkatastrophe vom Grenfell Tower hätte problemlos vermieden werden können. Die Eigentümergesellschaft hätte bloß nichtbrennbares Material an der Fassade verbauen müssen. Das ist ein technischer Aspekt. Die Wurzeln des Unglücks dürften aber wohl tiefer reichen. Es geht auch um die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dimensionen des Falls. Warum wurde der soziale Wohnungsbau in dem reichen Londoner Stadtteil vernachlässigt, warum wurden die Warnungen der Bewohner nicht ernst genommen? Auch diese Aspekte sind daher Thema bei der öffentlichen Untersuchung, die zur Zeit noch läuft. Ein erster Zwischenbericht wird für Ende Oktober erwartet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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