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StartseiteKommentare und Themen der WocheJair Bolsonaro wird enttäuschen02.01.2019

BrasilienJair Bolsonaro wird enttäuschen

Der neue Präsident Brasiliens wolle im Namen von Gott, Familie und Vaterland das Land säubern und umerziehen, kommentiert Anne Herrberg. Die Hoffnung seiner Anhänger werde er aber nicht erfüllen können - die Krise des Landes sei zu komplex, um ihr mit einfachen Heilsversprechen zu begegnen.

Von Anne Herrberg

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Das Bild zeigt Brasiliens neuen Präsidenten Jair Bolsonaro. Er steht in einem offen fahrenden Auto und winkt Anhängern zu. (dpa / AP / Andre Penner)
Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro während seiner Amtseinführung (dpa / AP / Andre Penner)
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"O Capitao chegou" - "der Kapitän ist eingetroffen", das riefen ihm seine Anhänger zu, als Jair Bolsoanro am Neujahrstag in den Präsidentenpalast eingezogen ist - im offenen Rolls Royce und unter Kanonendonner. Mito, Mythos wird er auch genannt, sein zweiter Vorname ist ohnehin Messias. Und: Millionen Brasilianer glauben das wirklich. Dass dieser Mann, ein einstiger Hauptmann der Reserve, der jahrelang als belächelter Außenseiter im Kongress hockte; von Wirtschaft nach eigenen Aussagen nichts versteht; Gewalt und die Militärdiktatur verherrlicht, dass dieser Mann Brasilien endlich in eine glorreiche Zukunft steuern wird. Der starke Führer nach Jahren der Krise und der Enttäuschung.

Nebenschauplatz Kulturkampf

Das ist kein neues Phänomen - weder in Brasilien noch in der Welt. Und meistens hat es direkt in die Katastrophe geführt. Denn natürlich wird Bolsonaro die Erwartungen seiner Anhänger enttäuschen. Brasiliens Krise ist zu tief, zu komplex, um ihr mit einfachen Heilsversprechen zu begegnen. Es wird Konflikte geben, auch in Bolsonaros Lager, das wirtschaftlich liberal und gleichzeitig nationalistisch sein will. Also wird er in Schlüsselbereichen kaum schnelle Ergebnisse präsentieren, das weiß auch Bolsonaro, deswegen hat er – in bester populistischer Freund-Feind-Logik – einen großen Nebenschauplatz ausgerufen: Er hat zum Kulturkampf geblasen, gegen alles, was nicht ist wie er selbst: nicht weiß, nicht männlich, nicht konservativ, nicht rechts. Bolsonaro will säubern und umerziehen, im Namen von Gott, Familie und Vaterland. Übrigens der klassische Diskurs von Lateinamerikas Militärdiktatoren.

Bibel-, Blei- und Bullenfraktion in Regierung

Aber die muss man gar nicht heraufbeschwören. Mit seiner vergifteten Sprache hat Bolsonaro schon jetzt ein Klima der Intoleranz geschaffen. Den Sicherheitskräften hat er einen Freifahrschein erteilt, um Verdächtige zu erschießen und jeder darf bald eine Waffe besitzen, zur Selbstverteidigung. Gewalt gegen Gewalt. Das Recht hat der Stärkere. In Bolsonaros Kabinett und Beraterstab sitzen ja ohnehin schon diejenigen, die immer auf der Gewinnerseite standen – die sogenannte Bibel-, Blei und Bullenfraktion: Militärs, religiöse Fundamentalisten, die Agrar- und die Waffenlobby.

Großangriff auf den Umweltschutz

Und das ist eine Gefahr nicht nur für die größte Demokratie Lateinamerikas, sondern auch den Rest der Welt. Zu den deklarierten Feinden gehören nämlich auch alle, die in Sachen Umweltschutz und Klimapolitik mitreden wollen. Er selbst hat schon mal die für Ende November geplante Klimakonferenz abgesagt, und spielt mit dem Gedanken, ganz aus dem Pariser Klimaschutzabkommen auszusteigen – wie sein großes Vorbild US-Präsident Trump. Fatal, denn Brasilien spielt eine Schlüsselrolle im Kampf mit dem Klimawandel. Das Land hat mit dem Amazonasgebiet  die grüne Lunge der Erde.

Und Jair Messias Bolsoanro hat zum Großangriff auf diesen Paradiesgarten gerufen. Für Umweltschützer und vor allem für Indigene wird es noch gefährlicher, als es ohnehin schon ist. Denn es geht um lukrative Rohstoffe und mehr Raum für Brasiliens profitable Landwirtschaft, mit übrigens der auch unsere Industrie, unsere Mastbetriebe und Supermärkte beliefert werden. Gerade Europa darf da nicht wegschauen - sondern muss noch stärker zur Lobby derer werden, die dort Widerstand leisten.

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