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StartseiteKommentare und Themen der WocheEuropa ist gefragt, die eigene Komfortzone zu verlassen23.08.2019

Brasilien und die Amazonas-FeuerEuropa ist gefragt, die eigene Komfortzone zu verlassen

Zwar hat die Waldvernichtung schon früher begonnen, doch Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro habe sie zur Konjunkturpolitik erhoben, kommentiert Anne Herrberg. Um Bolsonaro zu stoppen, müsse man ihn aus dem Rampenlicht nehmen. Es brauche eine geeinte europäische Position für Klimaschutz.

Von Anne Herrberg

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Das Satellitenfoto zeigt Rauch bei einem Waldbrand im brasilianischen Bundesstaat Para. (AFP / Planet Labs, Inc)
Das Satellitenfoto zeigt Rauch bei einem Waldbrand im brasilianischen Bundesstaat Para. (AFP / Planet Labs, Inc)
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Der Amazonas brennt und endlich gibt es einen Aufschrei. Dieser Aufschrei ist wichtig. Er gehört ganz oben auf die politische Agenda. Aber er darf auch nicht aufgerieben werden in der Empörung über Brasiliens rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro. Er muss Folgen haben. Nicht nur für Brasilien. Auch für Europa.

Bolsonaro ist ein Brandstifter

Keine Frage: Bolsonaro ist ein Brandstifter, ein extrem gefährlicher Brandstifter. Zwar hat die Waldvernichtung schon unter seinen Vorgängern begonnen, doch Bolsonaro hat sie zur Konjunkturpolitik erhoben. Wer sich dagegen stellt, den erklärt er zum Feind des Vaterlandes. Er leugnet Fakten, kriminalisiert Umweltschützer, lähmt Kontroll- und Schutzmechanismen. Der Wald gehört uns, ist sein Credo, beuten wir ihn aus!

Öl ins Feuer von Bolsonaro

Wenn Frankreichs Präsident Macron über den Amazonas twittert: Unser Haus brennt, oder FDP-Chef Lindner vorschlägt, einfach ein großes Stück Regenwald zu kaufen, dann ist das Öl ins Feuer von Bolsonaro. In dessen Augen sind die Klimaschutzbemühungen aus dem Ausland ohnehin nur der Versuch, Brasiliens Souveränität zu unterlaufen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Koloniale Denkweisen seien das! Dass Deutschland und Norwegen Gelder für Regenwald-Schutzprojekte auf Eis legen, verbucht er da noch als Erfolgsmeldung. Diese Schutzprojekte sind ihm ja ohnehin ein Dorn im Auge.

Bolsonaro ist in der Klimadiskussion zum Antipol von Greta Thunberg geworden - doch um ihn aufzuhalten, muss man ihn aus dem Rampenlicht nehmen. Und dort ansetzen, wo es wehtut. Bei seinen wichtigsten Unterstützern. Der Agrarlobby. Die Europäische Union hat mit dem südamerikanischen Wirtschaftsbund Mercosur vor kurzem das größte Freihandelsabkommen der Welt abgeschlossen. Soja und Fleisch gegen Autos und Chemie. Sojabarone, Agrarkonzerne und Rinderzüchter jubelten. Der Streit um den Wald kommt ihnen da gar nicht gelegen.

Nun drohte die EU an, eben diese Abkommen wegen Bolsonaros Abholzungspolitik nicht unterzeichnen zu wollen. Genau das ist der richtige Weg – aber nicht um Frankreichs Landwirte zu schützen und damit innenpolitisch zu punkten. Sondern um Freihandel an umfassende und radikale Auflagen zum Umweltschutz geknüpft werden. Denn auch wenn Standards festgeschrieben wurden, sie sind noch zu schwach. Und dabei geht es nicht nur wegen Bolsonaro. Auch in Argentinien, Paraguay und Uruguay wird für Steaks und Soja gerodet, für Gold und Lithium Flüsse und Grundwasser verpestet, für Rohstoffexporte Kleinbauern und Indigene vertrieben – also genau diejenigen, die eigentlich die besten Verbündeten sind, beim Schutz der Natur.

Radikale Maßnahmen auch bei uns selbst

Um es deutlich zu machen: Das bisherige Freihandelsabkommen zementiert ein Wirtschaftsmodell, das auf der Ausbeutung von Rohstoffen und damit einhergehend auf der Zerstörung der Natur fußt. Deswegen ist auch Europa gefragt, die eigene Komfortzone zu verlassen, denn natürlich tragen wir Mitverantwortung. Nutzen wir die Empörung. Tun wir was. Jetzt. Es braucht eine geeinte europäische Position für den Klimaschutz – denn sonst lacht uns Bolsonaro weiter aus, gemeinsam mit seinem Freund Donald Trump, und auch China hat längst ein Auge auf den Regenwald geworden.

Es braucht aber auch radikale Maßnahmen auch bei uns selbst. Es braucht Handelsabkommen, aber dabei müssen auch lokal solche Wertschöpfungsketten unterstützt werden. Umweltschutz muss sich wirtschaftlich lohnen. Nur so können lassen sich Klimazerstörer wie Bolsonaro auf einen einsamen Posten drängen.

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