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StartseiteEine WeltLandkämpfe wie im Wilden Westen20.01.2018

Brasiliens UreinwohnerLandkämpfe wie im Wilden Westen

Vor langer Zeit wurden die Guaraní vom Land ihrer Vorfahren vertrieben. Heute fordern sie es energisch zurück. Doch die Großgrundbesitzer wehren sich mit allen Mitteln gegen Ansprüche der Indigenen, auch mit Gewalt. Die Hälfter aller Morde an Brasiliens Ureinwohnern geschieht in Mato Grosso do Sul.

Von Ivo Marusczyk

Die Kaiowá-Guaraní lebten lange vor den Europäern in Brasilien. Seit vielen Jahren kämpfen sie wie hier bei einer Demo im Bundesstaat Mato Grosso do Sul um die Rückerstattung ihrer angestammten Gebiete (picture alliance / dpa / EPA / Fernando Bizerra jr)
Die Kaiowá-Guaraní lebten lange vor den Europäern in Brasilien. Seit vielen Jahren kämpfen sie um die Rückerstattung ihrer angestammten Gebiete. (picture alliance / dpa / EPA / Fernando Bizerra jr)
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"Vier Mal hat er geschossen! Er hätte beinahe Leute hier aus unserem Dorf umgebracht. Was soll das? Vier Schüsse, fast hätte er einen unserer Krieger getötet!"

Sie schreien ihre Wut in die Welt – aber meistens hört sie niemand, die jungen Männer vom Stamm der Guaraní. Die Stimmung ist aufgeheizt. Auseinandersetzungen wie diese sind alltäglich in Mato Grosso do Sul, im Süden Brasiliens, an der Grenze zu Paraguay. Eine fruchtbare Gegend, die Sonne brennt auf sanft gewellte Äcker herab. Mais, Soja, Zuckerrohr wachsen auf schier endlosen Feldern bis zum Horizont. Und genau das ist das Problem. Denn wem diese Ländereien gehören – das ist umstritten.

"Das Land gehört uns! Mein Vater, meine Mutter, mein Großvater – sie alle haben mir gesagt, dass dieses Land zum Reservat gehört. Aber der Typ hat es trotzdem gekauft und die Indigenen vertrieben, so war das. Aber jetzt holen wir es uns zurück. Wir werden da reingehen, und wir werden dort wieder leben. Dafür kämpfen wir!", sagt Maria Vilhalva, die Vorsitzende der Dorfgemeinschaft Guapo‘Y. Bei den Guaraní geben Frauen den Ton an.

Recht zu haben und es durchzusetzen, ist zweierlei

Die Polizei bestätigt, dass diese Farm eigentlich in einem Gebiet liegt, das den Indigenen gehört. 1988, nach der Militärdiktatur, bekam Brasilien eine neue Verfassung. Und die legt fest, dass den indigenen Gemeinschaften das Land ihrer Vorfahren gehört. Aber Recht zu haben und Recht durchzusetzen, sind in Brasilien zwei paar Stiefel. Alle Urteile und Besitztitel helfen den Indigenen nichts. Denn die Grenzen ihres Landes wurden bis heute nie genau festgelegt. Solange dieser Besitz nicht exakt vermessen und abgegrenzt wird, hausen sie weiter wie Obdachlose am Straßenrand.

"In der Verfassung steht, dass der Staat innerhalb von fünf Jahren alle indigenen Gebiete festlegen muss. Aber jetzt – nach 30 Jahren – ist nur ein Viertel vermessen und rechtsgültig markiert."

Mit neuen Tricks versucht die Regierung, das in der Verfassung festgelegte Recht der Ureinwohner auszuhöhlen, sagt Flavio Machado. Er arbeitet für CIMI, den Indigenen-Missionsrat der katholischen Kirche. Der neueste Trick, gestützt auf Gerichtsurteile: Die Indigenen bekommen nicht das Land ihrer Vorfahren zurück, sondern nur jene Gebiete, in denen sie genau im Jahr 1988 nachweislich ansässig waren. Das würde bedeuten, dass die Vertreibungen aus den Jahrzehnten vorher im Nachhinein legitimiert werden.

Indigenen-Schutzbehörde bekommt weniger Geld

Die politische Realität in Brasilien sieht so aus, dass die Lage der Indigenen immer aussichtsloser wird. Präsident Michel Temer steckt im Korruptionssumpf. Um politisch zu überleben, braucht er die Stimmen der einflussreichen Agrar-Fraktion im Kongress: Mindestens ein Fünftel der Abgeordneten wird der Agrar-Lobby zugerechnet. Die Landwirtschaft ist der wichtigste Wachstumsfaktor des Landes. Brasilien ist darauf angewiesen, dass die Agrar-Exporte weiterhin stark zunehmen, vor allem die von Fleisch und Soja. Auch deswegen haben die Interessen der Großgrundbesitzer grundsätzlich Vorrang. Die Indigenen, die nur Subsistenzwirtschaft betreiben, also nur so viel anbauen, wie sie für ihre Familien brauchen, werden als Störfaktor wahrgenommen.

"Unsere weiße Kultur, das Agro-Business, die industrielle Landwirtschaft, der Handel – das ist die eine Sache. Und die ist sehr stark hier. Wir sind in einem der großen landwirtschaftlichen Zentren von Mato Grosso do Sul und des ganzen Mittleren Westens von Brasilien. So arbeiten wir hier nun einmal. Aber die Guaraní denken nicht so. Sie werden nie in diesen Größenordnungen produzieren wollen", sagt José Vitor Dallanora. Er leitet die FUNAI, die staatliche Behörde für Indigene in Dourados. Diese Behörde ist für den Schutz der Indigenen zuständig, sie erstellt unter anderem die Gutachten über die Landrechte der Ureinwohner.

Präsident Temer hat ihr den Geldhahn zugedreht. Das Budget der FUNAI wurde auf die Hälfte zusammengestrichen. Viele Dienststellen können nicht einmal mehr den Sprit für die Mitarbeiter bezahlen, die die Dörfer der indigenen Völker besuchen sollen. Der Prozess der Vermessung und Markierung indigener Gebiete wird damit nicht nur weiter verzögert, sondern ist praktisch zum Stillstand gekommen.

Elefanten kann man nicht unter den Teppich kehren

Perspektivlosigkeit kennzeichnet das Leben der Menschen. Dabei könnten die indigenen Gemeinschaften für sich selbst sorgen, wenn man ihnen nur etwas Land abgeben würde – das Land ihrer Vorfahren.

Bis jetzt hat der Staat der Verelendung der Reservate nur zugesehen und allenfalls etwas Kosmetik betrieben: hier eine Schule, dort einen Sportplatz gebaut. Aber an den grundlegenden Problemen der Indigenen hat sich nichts geändert.

"Die Situation wird sich weiter verschlechtern. Die Bevölkerung in den Reservaten nimmt zu. Das ist wie ein Elefant unter dem Teppich. Manche behaupten, es gebe ihn gar nicht. Aber er ist da, unter dem Teppich. Die indigenen Gemeinschaften existieren, und wenn man negiert, dass sie Rechte haben, dann wird der Elefant wachsen, und irgendwann wird der den Teppich anheben. "

Den Guaraní bleibt die Wahl zwischen Pest und Cholera. Sie können zusammengepfercht in den Reservaten leben, also nicht nur am Rand der Städte, sondern auch am Rand der Gesellschaft - wo sie unter Diskriminierung leiden und keine Perspektive haben. Oder sie können versuchen, das Reservat zu verlassen und um das Land ihrer Vorfahren zu kämpfen. Um dann jahrelang am Straßenrand zu vegetieren, wie die Dorfgemeinschaft von Tajaçu-Ygua. Gewalt, Übergriffe und Einschüchterungen gehen weiter.

Der Wilde Westen lebt. Aber inzwischen liegt er viel, viel weiter im Süden.

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