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StartseiteBücher für junge LeserBrave Mädchen, freche Verlage12.01.2008

Brave Mädchen, freche Verlage

Über den Boom der Mädchenbuchreihen in Deutschen Verlagen

Mädchen sind anders und lesen anders. Seit einiger Zeit brechen die Bücher für Mädchen aber auch mit vielen gängigen Klischees.

Ein Feature von Florian Felix Weyh

Lesendes Mädchen
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Das Lächeln voll aufgeblendet, die Honigaugen strahlend und die blonde Mähne wie üblich verstrubbelt, kam Adrian auf sie zu. Paula vergaß zu atmen. So viel Traumboy auf einmal setzte ihr normales Betriebssystem außer Kraft. Seit Adrian zu Beginn des zweiten Halbjahres neu an die Schule gekommen war, übte er diese verheerende Wirkung auf sie aus. Warum ausgerechnet er? Bis zu seinem Auftauchen hatten sie blonde Jungs absolut kalt gelassen. Aber mit Adrian war alles anders. Mit Adrian begann eine neue Zeitrechnung.
(Schuster, "Paula in Liebesnöten", 7)

Ja, so oder ähnlich klingen sie alle, die modernen Märchen für die modernen Mädchen, in denen Heldinnen längst nicht mehr so schüchtern durchs Leben schleichen wie ihre Urgroß- und Großmütter, sondern mindestens so kraftmeierisch auftrumpfen können wie das männliche Gegenüber. Selbst wenn ihnen die Verbannung in eine reine Mädchenschule droht:

Klar, die zotigen Sprüche einiger Jungs und die ständige Anbaggerei gingen auch mir manchmal ganz schön auf den Senkel, aber ein Leben ganz ohne das ... O nein, das würde ja furchtbar öde sein! Kein Macho-Kalle mehr, der mir morgens am Schultor hinterher pfiff. ( ... ) Ich seufzte bei diesem Gedanken grottentief auf. Was würden sie mir fehlen, diese süßen Schwachköpfe, die im einen Moment cool wie 'ne Gefriertruhe waren und im nächsten Augenblick bis unter die Haarwurzeln rot anliefen und eine Panikattacke kriegten, weil ein Mädchen sie angelächelt hatte. Liebes Lieschen, was hatte das gedauert, bis ich die zarten Schwingungen dieser hormongebeutelten Seelen verstanden hatte.
(Minte-König, "Liebe ... ganz schön peinlich", 5-6)

Darum geht es an erster Stelle: Jenen Teil der Welt zu verstehen, der den Namen Timo, Kosmas, Joe, Adrian, Philipp, Tom, David, Hubertus und so weiter trägt. Oder geht es, tiefer gelotet, nur um ein Geschäftsmodell der Jugendbuchverlage, das ihnen dauerhaft krisensichere Einnahmen garantiert? Denn Mädchen ... Mädchen wachsen immer wieder auf.

"Die Idee ist uns von außen zugetragen worden, und zwar von einer der Autorinnen, die heute auch sehr erfolgreich in der Reihe "Freche Mädchen" veröffentlicht, das war die Bianka Minte-König. Und die ist an den damaligen Verleger herangetreten und sagte: "Ihr müsst neue Mädchenbücher machen, dafür gibt es einen absoluten Markt, und es gibt einen ganz, ganz großen Bedarf mit jungen, frechen, emanzipierten Mädchen als Hauptfiguren,"

sagt Stefan Wendel, Programmleiter bei Thienemann, jenem Verlag, der die genrebildenden Reihe "Freche Mädchen, freche Bücher" erfand. Seit 1996 sind dort rund 80 Titel unterschiedlicher Autorinnen erschienen und verkauften sich bestens. Das rief die Konkurrenz auf den Plan. Nicht einzelne Titel wurden andernorts geklont, sondern ganze Reihenkonzepte von verblüffender Ähnlichkeit entworfen:

"Chaos, Küsse, Katastrophen" - Rowohlt Verlag.
"DTV Girl" - Deutscher Taschenbuch Verlag.
"Love Lines" - Herder Verlag.
"Wer mit wem? Entscheide Du!" - Loewe Verlag


Und weil man in der Wirtschaft ungern seiner Konkurrenz das Feld überlässt, legte auch der Originalverlag nach und erweiterte sein Reihenkonzept im Laufe der Jahre:

"Ich bin ich" - Thienemann Verlag.
"Liebe und Geheimnis" - Thienemann Verlag.


"Also ich finde, dass das ganz klug ist von den Verlagen, sich Reihen auszudenken oder bestimmte Autoren auf bestimmte Themen anzusetzen. Einfach um das eigene Profil zu schärfen und um genau zu überlegen: Wo will ich hin? Was will ich, was brauch ich für Bücher, wie hätte ich die gerne? Das sollte man schon immer tun, wenn man ein Verlagsprogramm macht: Dass man das schärft, das eigene Profil."

Monika Osberghaus, bis vor kurzem bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung fürs Kinderbuch zuständig und nun selbst Leiterin eines neuen Kinderbuchverlags, Start Frühjahr 2009, klingt im Interview milder als auf dem Papier, stellte sie der Branche doch zum Abschied vom Journalismus ein eher schlechtes Zeugnis aus:

Wer nach den Wertmaßstäben der Kinderbuchmacher von heute forscht, stochert in einem Nebel aus Gutmenschentum, Konfliktvermeidung und Indifferenz. Lektoren, die für eine der vielen Serien zuständig sind, geben gerne zu, dass dies nicht ihre persönliche Wunschkinderliteratur ist, aber: "So ist nun mal unser Verlagsprofil". Die Buchhändlerin seufzt über die Einheitsware, legt sie dennoch stapelweise aus, denn: "Das wird nun mal gekauft". Der Mangel an Qualität wird gelegentlich noch bemerkt, aber niemand will daran schuld sein.
(zit. aus Schweizer Monatshefte 3/4 - 2007)


"Die Frage ist natürlich, was für Reihen denkt man sich so aus? Und wie stark redet man den Autoren da rein, wie stark beschränkt man sie? Wie stark feilt man das, bis es ganz glatt ist und nur noch einen gemeinsamen Nenner für die ganzen Leser hat? Also einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Kurz gesagt: Wie macht man's langweilig dann oder beliebig."

"Ich würde sagen, bei den Thienemann, also bei dieser Herzchen-Reihe, da sind tatsächlich einige Autorinnen dabei, und meine Lieblingsautorin ist die Hortense Ullrich,"

erzählt Gabriele Hoffmann von "Leanders Leseladen" in Heidelberg, einer der ältesten engagierten Kinderbuchhandlungen Deutschlands. Mehrfach wurde die studierte Pädagogin schon für ihre Arbeit im Laden und auf Kinderbuchseminaren ausgezeichnet.

"Ich habe die nicht alle gelesen, diese Dinger. Aber ich habe zum Beispiel "Liebe macht blond" gelesen, und das ist ein wunderbares Buch. Da geht es um Familienkommunikation, also diese berufstätige Mutter, die immer keine Zeit hat, der kleine Bruder, der nervt, also all diese wirklich für viele Mädchen ja sehr realen Situationen und dann natürlich dieser wunderbare junge Mann und diese immer noch oder wieder Mädchenrealität, dass man ihm natürlich gefallen möchte, und der ist ja auch wirklich so süß, der führt da für seine Oma immer den Hund aus, und jetzt muss er aber die Oma selber pflegen, und der Hund muss auch ausgeführt werden. Ist doch logisch, dass sie ihm den Hund abnimmt. Und er erzählt ihr immer, dass er blonde Mädchen so schön findet. Sie hat sich schon längst die Haare blond gefärbt und trifft jetzt im Park zwanzig andere Mädchen, die irgendwelche Hunde ausführen. Und bis sie dann drauf kommen, dass er ein Supergeschäftsmann ist, der sie alle dafür engagiert hat, die Hunde, für die er das Sittergeld einholt ... also das ist einfach so ein toller Gedanke, diese Emanzipationsgrundidee für junge Mädchen, nämlich dass ihnen dieses Bild in liebevoller Weise neutralisiert wird, dass die Männer so anbetungswürdig wären. Also das find ich einfach schon sehr vergnüglich zu lesen."

"Herzchen-Reihe" sagt Gabriele Hoffmann zu den Thienemann-Büchern, weil ihr für einen Moment der wirkliche Name entfallen ist und demonstriert damit, dass eine Novität auf dem Kinderbuchmarkt auch bei Erwachsenen psychologisch wirkt: der Wiedererkennungs- und Erinnerungseffekt einer einprägsamen Umschlaggestaltung.

"Es gab damals eine neue Erfindung in der Druckindustrie, nämlich diese Glitzerfolie, und die Mädchen kamen in die Buchhandlung immer wieder und fragten: "Gibt es was Neues von den Büchern mit der Glitzerfolie." Also es hat ein bisschen gedauert, bis der Reihenname "Freche Mädchen, freche Bücher" dann tatsächlich überall im Markt durchgesetzt war. Und inzwischen, nach knapp zehn Jahren, haben wir über sechs Millionen Exemplare dieser Bücher verkauft."

Was Stefan Wendel als "Glitzerfolie" bezeichnet, kommt bei Hortense Ullrichs Beinahe-Klassiker "Liebe macht blond" - inzwischen in der 11. Auflage - idealtypisch zur Geltung. Die Mädchenfigur auf dem Paperbackcover hat dank eines besonderen Hochglanzprägedrucks golden glitzernde und irisierende Haare, was den Greif-zu-Effekt bei Kindern deutlich stimuliert. Spätere Bücher der "Freche-Mädchen"-Reihe tragen als unübersehbare Erkennungsmarke ein rot schimmerndes Herz auf dem Cover.

"Das würde ja ein schlechtes Bild auf unser Publikum werfen, wenn sie also nur wegen der Umschläge und wegen ein bisschen Glitzer so viele von diesen Büchern gekauft hätten,"

wehrt Stefan Wendel den Verdacht ab, seinem Erfolg lägen reine Äußerlichkeiten zugrunde. Dennoch macht die Konkurrenz das Ganze nach. Angefangen von der markanten Typografie,

"Wir nennen sie "Urmelschrift", aber so heißt sie nicht,"

die alle anderen Verlage mehr oder weniger gekonnt imitieren, über die glitzernden Sternchen auf dem Cover der Lola-Reihe beim Loewe Verlag, den aufgeprägten rot-schimmernden Geschenkanhänger der "Love Lines" bei Herder bis zu beigeklebten Tatoos der "Chaos, Küsse, Katastrophen" von Rowohlt, wetteifern die Verlage darum, wer die jugendlichen Leserinnen noch besser als Eingeborenenstamm mit Glasperlen gefügig machen kann. Je später der Markteintritt, desto größer die Aufmerksamkeitshürden. Die im Oktober erst gestartete Reihe "DTV-Girl" arbeitet mit "spotlackierten Umschlägen" - für Laien: ebenfalls eine Hochglanzvariante -, einem Buchtext in lila Farbe und verspricht dem Handel umfassendes Marketing mit Handyschmuck als Bestechungsgeschenk.

"Ein Trend ist es wohl, dass irgendwas dran sein muss an den Büchern. Und ich find ja immer, es muss irgendwas drin sein statt dran, "

merkt Monika Osberghaus an, doch das Marktsegment ist so interessant, dass man dem geschriebenen Wort allein als Anziehungsfaktor in den Verlagen misstraut. "DTV Girl" hat zusammen mit einer Mädchenzeitschrift zum Reihenstart einen Fotowettbewerb ausgeschrieben, der die Siegerin aufs Cover eines künftigen Buches hievt - der Leserinnenlockstoff wird also immer literaturferner. Geradezu traditionell wirkt dagegen die Strategie des Rowohlt-Verlags, die Autorin Gerlis Zillgens ein Mitmachbuch schreiben zu lassen, an dem sich via Internet die Leserinnen beteiligen. Womit wir bei der inhaltlichen Seite angelangt wären.

Verliebt. So wahnsinnig verliebt. Franziska sagt, es sei nicht zum Aushalten. Ich bin hundertpro so wie die, die wir immer unfassbar bescheuert gefunden haben. Das Seltsame ist, dass es sich gar nicht unfassbar bescheuert anfühlt. Die, die wir immer so doof fanden, haben nur noch Sternchen vor den Augen gehabt, wenn sie den anderen gesehen haben. Haben nur noch mit Säuselstimme reden können. Haben an nichts anderes mehr denken können. Von außen bei jemand anderes erlebt, sind Sternchen vor den Augen, Säuselstimme und an nichts anderes mehr denken können extrem bescheuert. Aber von innen erlebt, ist es phantastisch.
(Zillgens, "Kussmarathon", 44)

Der Rezensent, viermal so alt wie die Zielgruppe, Vater von Kindern beiderlei Geschlechts, gibt zu, dass es keine reine Freude war, rund 2.000 Seiten moderner Mädchenbücher lesen und nebenbei den Spott des zwölfjährigen Sohnes ertragen zu müssen, der niemals - nie, unter keinen Umständen! - ein solches Machwerk anrühren würde. Aber es war richtig, sich dieser Aufgabe zu unterziehen, denn nur im Binnenvergleich lässt sich das Vorurteil revidieren, das den Glanz- und Glitterbänden von Eltern, Lehrern, Kritikern entgegengebracht wird: Ja, man findet eine Menge billiger, kommerzieller Machwerke, die sich simpelster Daily-Soap-Schemata des Fernsehens bedienen. Aber in jeder dieser Reihen gibt es auch gute Romane, witzige, nachdenkliche, manchmal sogar literarisch ambitionierte Bücher, die ihre Leserinnen ernst nehmen und nicht nur mit trivialen Herz-Schmerz-Klischees abspeisen. Gerlis Zillgens "Kussmarathon", bei Rowohlt ist so ein Highlight. Die Kölner Kabarettistin erzählt zwar auch nur die Geschichte des ersten Verliebtseins, aber wie sie das tut, unterscheidet sich beträchtlich von der gängigen Dutzendware. Allein die Ankunft einer präpubertierenden Clique zum gemeinsamen DVD-Nachmittag, der doch etwas ganz anderes werden soll, trifft die von Schüchternheit geprägte Situation auf den Kopf:

David war der Erste.
"Hi", sagte er, als Annika die Tür öffnete. Und dann noch mal "Hi" zu Sabine und Bernd, die trotz eindeutigem Verbot von Annika, neugierig aus der Küche herauslugten und "Hi" sagten. Eltern und Kinder sollten nicht zusammenleben, fand Annika. Ab vierzehn sollte es ein Grundrecht auf eine eigene Wohnung ohne neugierig aus der Küche lugende Eltern geben, die "Hi" sagten.
"Hi", sagte David ein drittes Mal. Kann er nichts anderes als "Hi" sagen, dachte Annika, bevor sie ihm die Hand reichte und sagte: "Hi."
"Hi", sagte David.
Annika führte ihn die Treppe hoch in ihr Zimmer.
"Hi", sagte Franziska.
"Hi", antwortete David.
Es klingelte wieder.
Annika öffnete erneut die Haustür.
"Hi", sagte Lennart.
"Hi", sagte Elias.
Ich kann das Wort "Hi" nicht mehr hören, dachte Annika.
"Hi", sagten Bernd und Sabine, die aus der Küche lugten.
"Hi", antworteten Elias und Lennart.
Weitere vier "His" wurden in Annikas Zimmer ausgetauscht. Flecki-Apanatschi stürzte sich auf Lennart und bellte: "Wuff." Annika war sicher, dass das "Hi" in Hundesprache bedeutete. Siebzehn, zählte Annika innerlich. Siebzehn "His", das von Flecki-Apanatschi in Hundesprache nicht mitgezählt, innerhalb von fünf Minuten, das klang nicht nach dem Anfang eines coolen, aufregenden Dates.

(Zillgens, "Kussmarathon", 154-155)

In gebotener Kürze ein paar weitere Tipps aus den aktuellen Verlagsprogrammen:

Gelungen ist Hermien Stellmachers Roman "Frosch oder Traumprinz", der mit einer imaginierten Sterbeszene à la "Harold und Maude" beginnt, weil es die Heldin Mira von der Großstadt in die Provinz verschlagen hat, wo man sich nur lebendig begraben fühlen kann. Eine nicht ganz so heitere Atmosphäre und realistische Elternhausprobleme kontrastieren das Liebesgeschehen, das selbstredend ein Happyend erlebt. Frei nach der schönen Zwischenüberschrift: "Warum schwebt man in Deutsch auf Wolke sieben und auf Englisch on cloud number nine? Hat das Glück in England eine andere Adresse?" - Reihe "DTV Girl".

Hortense Ullrichs "1000 Gründe, nicht Amor zu spielen" ist zwar ein klassisches Serienprodukt, das in Titel, Konstellation und Protagonisten schon etliche Vorläufer derselben Autorin aufzuweisen hat. Dennoch bricht es durch eine wechselnde männlich/weibliche Perspektive die Erzählkonventionen normaler Mädchenbücher. Für bisherige Lesebequemlinge eine durch Unterhaltung belohnte Lektüreherausforderung. - Reihe "Chaos, Küsse, Katastrophen" bei Rowohlt.

"Paula in Liebesnöten" von Gaby Schuster gehört zu den "Blätterbüchern", bei denen die Leserinnen mehrfach im Text selbst entscheiden, wie es weitergehen soll. Im Gegensatz zur gängigen Konkurrenz benutzt die Autorin dieses formale Prinzip jedoch inhaltlich: Je weniger egoistisch die Heldin Paula ihre Entscheidungen trifft, desto überraschender fällt die Liebesbelohnung für sie aus. - Reihe "Love Lines" bei Herder.

Kristin ist schon eine junge Dame mit festem Freund und klaren Lebenszielen: Schriftstellerin will sie werden, was ihre Taxi fahrende Mutter nicht gerade unterstützt - Kristin soll wie die anderen Geschwister möglichst rasch zum Unterhalt der sozial schwachen Großfamilie beitragen. Martina Sahlers Roman "Einfach fliegen" widerlegt alle Negativklischees des Genres, zeichnet eine vielschichtige, nachdenkliche Heldin, die ihr Leben selbstverantwortlich in die Hand nimmt. - Reihe "Ich bin ich" bei Thienemann.

Wendel: ""Ich bin ich" ist sozusagen die Reihe für die Mädchen, die aus den "Frechen Mädchen" herausgewachsen sind. Wo sich einfach unheimlich viel verändert, ab einem bestimmten Alter. Und das sind dann Geschichten mit wesentlich mehr Tiefgang, wo es beispielsweise darum geht, ich bin zwar befreundet, aber ist das wirklich derjenige, den ich vielleicht heiraten will, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen möchte? Was will ich werden? Wer bin ich eigentlich? Was will ich studieren? Ist mein Freundeskreis, ist der gut für mich? Also lebensphilosophische Geschichten sind das, wenn man so will."

Eine jüngere Zielgruppe spricht Isabel Abedi an. Damit verlassen wir zwar nicht den Bereich der Serien an sich, doch den weitgehend genormter Literaturansätze. Bei den "Lola"-Büchern ist bis auf die obligatorischen Buchcoverglitzersternchen alles anders: soziale Konstellation, Handlung, Schreibweise. Die Heldin Lola wächst in einer gemischt deutsch-brasilianischen Familie auf, ihre Tante Lisbeth befindet sich noch im Krabbelalter, weil die Oma noch einmal Mutter geworden ist. Bei Lola geht es stets um Abenteuer, im aktuellen Band "Lola Löwenherz" um die Rettung einer Zirkusziege - und nebenbei um viel Alltagswirklichkeit eines jungen Mädchens. Liebesprobleme tauchen da nur am Rande auf. Prädikat: individuell geschrieben und darum empfehlenswert. Die Autorin kann sich wegen ihres Erfolges - 70.000 bis 80.000 Stück verkaufte sie laut Verlag bislang je Lola-Roman - über simpler gestrickte Geschichten sogar lustig machen:

In Omas Buchladen war nicht viel los. Nur eine Kundin stöberte in einem Regal mit Pappbilderbüchern. ( ... )"Haben Sie das Buch Spinat schmeckt fein, Pucki Püppchen?", erkundigte sie sich. ( ... )
"Leider haben wir Bücher dieser Art nicht vorrätig", sagte Oma mit einer etwas kratzigen Stimme.
Die Kundin runzelte die Stirn. "Bücher dieser Art? Was meinen Sie damit?"
"Ich meine", sagte Oma, und ihre Stimme wurde jetzt sehr kratzig, "dass wir uns große Mühe geben, keine Bücher in unseren Laden zu stellen, mit denen Eltern ihre Kinder für blöd verkaufen."
Die Kundin wurde rot. "Wollen Sie mir damit sagen, dass ich meine dreijährige Enkeltochter für blöd verkaufe?"
"Ja", sagte Oma höflich. "Das will ich."
(Abedi "Lola Löwenherz", 48)

Man könnte beinahe darauf wetten, dass die Bücher der "Frechen-Mädchen"-Initiatorin und Auflagenmillionärin Bianka Minte-König in dieser fiktiven Buchhandlung nicht gern gesehen wären. Denn Minte-König schreibt mit dem Holzhammer. Ihre Bücher sind laut, kreischend, sprachlich stereotyp auf Jugend geschminkt, psychologisch stumpfsinnig klischiert, in der Handlung monoton und als einzelne Werke kaum auseinanderzuhalten. Die persönliche Serie "Liebe und Geheimnis" hat das merkantile Kunststück geschafft, reine Heftchenromanware - esoterischen Quatsch plus verquälte Kitschromantik - ins Programm eines sonst angesehen Jugendbuchverlags zu hieven. Dass die Autorin im Hauptberuf Medien- und Literaturpädagogik lehrt, lässt einen sanft erzittern - und hoffen, ihre anzunehmende Jekyll & Hyde-Existenz trenne strikt zwischen den Persönlichkeiten. Doch Fürsprecher findet auch solche Kost. Stefan Wendel vom Thienemann Verlag:

"Wenn viel gelesen wird, ist das meines Erachtens Leseförderung. Man muss ja nicht gleich mit werweißwie-literarischen Texten in die Literatur einsteigen, das haben wir ja als Kinder und Jugendliche ... haben wir ja auch viel Unterhaltungsliteratur gelesen."

"Leseförderung bedeutet eine wunderbar bequeme Leiter,"

sekundiert die Lesepädagogin Gabriele Hoffmann.

"Eine wunderbare Leiter, in der die unteren Bretter ganz riesengroß sind, so dass da auch ganz unterschiedliche Angebote stattfinden können. Also von mir aus wirklich alles, von ganz einfachen Hartpappebilderbüchern, wo ein Auto einfach nur abgebildet ist bis zu einem Goethegedicht, das wunderbar illustriert ist von irgendeiner Grafikerin um die Jahrhundertwende des vorletzten Jahrhunderts. Also das ist alles möglich, je früher, desto besser, und umso schmaler können die Treppen dann auch nach oben werden, im Sinne von dass sich diese Individualität des einzelnen Lesers herausbildet, und dann ganz bestimmte Lesegewohnheiten entstehen."

Osberghaus: "Ich finde schon, dass Eltern drauf achten müssten, was in die Köpfe reingeht. Und ich finde es jetzt nicht gefährlich, wenn dazwischen solche Bücher sind. Das macht nichts, das schadet nicht. Aber ich finde, es ist einfach drum, wenn man die anderen Sachen gar nicht kennen lernt und wenn man nicht eine große Vielfalt kennen lernt. Und ich denke, Eltern sollten für diese Vielfalt sorgen. Und das finde ich so schade. Also wenn man einfach nur achtlos nach etwas greift, wo man denkt, sieht cool aus, glitzert, scheint irgendwas zu sein, was meinem Kind gefällt, also wird's genommen. Den Vergleich mit den Süßigkeiten kann man da ruhig ziehen. Man kommt immer gut an bei Kindern mit Süßigkeiten."

Wendel: "Also wenn wir an Kinder und Jugendliche immer nur hohe Literatur vermitteln wollen, den Ansatz finde ich fast sogar ein kleines bisschen arrogant, denn wir Erwachsene wollen ja auch nicht in unserer Freizeit stets und ständig nur hohe Literatur lesen, sondern man liest auch gerne, weil es Spaß macht."

Offen bleibt dabei, ob Mädchen, die in ihrer Mehrheit ohnehin gern zu Büchern greifen, eine generelle Leseförderung nötig haben - oder doch eher im Sinne von Monika Osberghaus einer Lektürelenkung bedürften? Gerade angesichts eines Phänomens, das den Verlag überraschte, ist das kein rein akademischer Gedanke:

Wendel: "Das Lesealter ist stark nach unten gesunken. Wir haben die ursprünglich für ab zwölf angeboten. Wir wissen aber, dass also heute auch schon neunjährige Mädchen diese Bücher lesen, weil sie eben in sind."

Da stellt sich dann doch die Frage nach der Alterskompatibilität. Neunjährige sind keine pubertierenden Beinahe-Erwachsenen, sondern Kinder. Kinder, die zwar in einer indezenten Medienwelt aufwachsen, sich aber hoffentlich nicht für alles interessieren, was ihnen dort serviert wird. Stefan Wendel wiegelt vorsorglich ab:

"Unsere Mädchenbücher sind sehr harmlos. Sex kommt eigentlich nicht vor, sondern es ist die Phase davor. Also das ist diese Phase, wo bei den Leserinnen selbst eigentlich noch gar nichts stattfindet. Aber das Interesse am anderen Geschlecht ist erwacht, und man übt vielleicht schon einmal so ein kleines bisschen durch die Lektüre. Aber es findet Sex in den "Frechen-Mädchen"-Büchern gar nicht statt."

Liebe in Mädchenbüchern ist zwar oft nur so romantisch wie ein grauer Tag in Disneyland, nämlich von viel trostloser Künstlichkeit durchzogen, aber sie ist frei von Fleischeslust. Die Aussichtslosigkeit des ewig repetierenden Verliebtheitsglücks oder -unglücks genügt sich selber, und das entspricht ja auch den Stimmungen der Altersstufe. Ein Rollback in Richtung einer antiquierten Frauenrolle, wie ihn emanzipierte Mütter befürchten mögen, findet in den Büchern nicht statt - wohl aber teilweise die Vorproduktion unkritischer Leserinnen der späteren Frauenpresse. Dafür sorgt die Themenverarmung und -verengung auf Jungs, Aussehen, Mode, Verliebtsein, und darüber darf man als Eltern schon mal betrübt sein. Umso schöner, wenn hie und da eine flapsige Bemerkung fällt, die nicht forciert jugendfrisch wirkt, sondern einfach nur schlagfertig. Schließen wir also mit der Heldin Jojo aus "Liebe macht blond":

"Schmetterlinge im Bauch? Was ist das überhaupt für ein Spruch? Der Gedanke, "Schmetterlinge" im Bauch zu haben, ist doch total eklig. Echt. Ich meine, wie würden die denn da reinkommen? Als Raupen?! Würg. Nee, echt, blöder Spruch.
(Ullrich "Liebe macht blond", 30)

Für die Sendung herangezogene Bücher:

Reihe "Freche Mädchen, freche Bücher" - Thienemann Verlag, je 9,90 Euro
Bianke Minte-König: "Liebe ... ganz schön peinlich", 2006, 222 Seiten
Bianke Minte-König: "Liebe ... total verrückt", 2007, 220 Seiten
Bianke Minte-König, Thomas Fuchs: "Jungs & andere Katastrophen", 2007, 204 Seiten
Bianke Minte-König, Thomas Fuchs: "Mädchen & andere Katastrophen", 2007, 144 Seiten
Martina Sahler: "Franzosen küssen besser", 2007, 190 Seiten
Hortense Ullrich: "Liebe macht blond", 2001, 188 Seiten (inzw. 11. Auflage)

Reihe "Liebe und Geheimnis" - Thienemann Verlag, je 9,90 Euro
Bianke Minte-König: "Das flüsternde Herz", 2007, 238 Seiten

Reihe "Ich bin ich" - Thienemann Verlag, je 9,90 Euro
Martina Sahler: "Einfach fliegen", 2007, 222 Seiten

Reihe "Chaos, Küsse, Katastrophen" - Rowohlt Verlag, je 6,90 Euro
Renée Karthee: "Heartbeat Hotel", 2007, 190 Seiten
Hortense Ullrich: "1000 Gründe, nicht Amor zu spielen", 2007, 160 Seiten
Gerlis Zillgens: "Kussmarathon", 2007, 190 Seiten

Reihe "DTV-Girl" - DTV, je 5,95 Euro
Beate Dölling: "Auf die Liebe, fertig los", 2007, 160 Seiten
Hermien Stellmacher: "Frosch oder Traumprinz", 2007, 190 Seiten

Reihe "Love-Lines" - Kerle bei Herder, je 9,90 Euro
Gaby Schuster: "Paula in Liebesnöten", 2007, 156 Seiten

Reihe "Wer mit wem - Entscheide Du!" - Loewe Verlag, je 9,90 Euro
Franziska Gehm: "Knutschwette", 2007, 176 Seiten

Lola-Reihe von Isabel Abedi - Loewe Verlag, 10,90 Euro
"Lola Löwenherz", 2007, 284 Seiten

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