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StartseiteSport am WochenendeCorona und die Folgen für Sporttreibende26.07.2020

Breiten- und LeistungssportCorona und die Folgen für Sporttreibende

Bei einer Diskussion zu den Folgen von Covid-19 für Sporttreibende stellten Sportmediziner einige Aspekte heraus: Sport kann einen präventiven Nutzen haben, bei einer Infektion sollte es aber eine Pause geben. Welche Langzeitschäden auftreten können, bleibe zudem unklar.

Von Mathias von Lieben

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Archivbild vom Berliner Halbmarathon 2014 (imago sportfotodienst)
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Das Thema des Abends in einem Diskussions-Format über Sportmedizin in Hamburg lautete: Sport im Juli 2020 - gesund oder gefährlich?" Klaus-Michael Braumann machte den Anfang. Er ist Sport- und Allgemeinmediziner, hat jahrelang an der Universität Hamburg gelehrt und ist heute Mitglied des Exekutivkomitees des Weltsportärzteverbandes. Deutschland, sagte er, sei im Vergleich zu anderen Ländern im Lockdown ziemlich fortschrittlich gewesen, da "selbst unsere Bundeskanzlerin immer wieder darauf hingewiesen hat, dass die Möglichkeit des täglichen Sportreibens gegeben sein muss. Aber nach einer inoffiziellen, großen Studie an 15.000 Probanden haben doch die allermeisten eine bis zu 50 Prozent geringere sportliche Aktivität in dieser Phase gehabt."

Braumann meint: Es sei aus Sicht der Sportmedizin daher begrüßenswert, dass die meisten Beschränkungen nun deutlich gelockert wurden. Sport sei nun mal die beste Prävention und es sei klar, "dass offensichtlich der Krankheitsverlauf bei Menschen mit guter körperlicher Fitness deutlich milder beobachtet werden kann als bei weniger fitten Menschen. Und im Gegenteil, dass offensichtlich sogar eine besonders schlechte körperliche Fitness, die mit massivem Übergewicht einhergeht, ein besonders hohes Risiko darstellt." 

Präventiver Nutzen des Sports

Den präventiven Nutzen des Sports betonte auch Professor Wilhelm Bloch, der an der Sporthochschule Köln am Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin lehrt: "Sport trainiert das Immunsystem. Das ist wichtig gerade bei einer neuen Virusbedrohung, weil den neuen Virus, den kennt der Körper nicht. Da reagiert er häufig über. Und Sportler haben meistens eine bessere Immunbremse. Also: Nicht auf die Couch, sondern raus auf die Bahn!"

Raus auf die Bahn konnten Leistungssportler*innen und Kaderathlet*innen selbst während des Lockdowns. Für sie, sagte Professor Bernd Wolfarth, seien die Voraussetzungen in Deutschland ausgezeichnet gewesen. Wolfarth leitet die Abteilung Sportmedizin an der Charité Berlin, ist Leitender Olympiaarzt des Deutschen Olympischen Sport Bundes und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, kurz: DGSP. In Berlin zum Beispiel sei nur an 14 Tagen gar kein Sport möglich gewesen, ab 6. April konnten ausgewiesene Sportstätten schon wieder genutzt werden.

"Wenn man noch mal die persönlichen, individuellen Konsequenzen sich betrachtet, jetzt auch im Leistungssport betrachtet, ist das auch eine psychologische Komponente, die man nicht vernachlässigen darf. Für manche war Olympia 2020 der Lebenszeit-Höhepunkt. Für die ist es eine extrem schwere Situation", sagt Wolfarth. "Schwierig war es sicherlich in Einzelfällen die individuelle Motivation aufrechtzuerhalten und das Training auf hohem Niveau umzusetzen. Also da haben sicher auch unsere Kollegen von der Sportpsychologie einiges zu tun, um die Athleten auf Spur zu halten und um neue Reize zu setzen und die Motivation auf Dauer hochzuhalten."

Langzeitschäden bleiben unklar

Wie gefährlich das Virus ist und welche Langzeitschäden aus ihm resultieren könnten, darüber wollten die Sportmediziner kein finales Urteil fällen, diskutierten jedoch über eine polarisierende Studie. Ein Mediziner der Universitätsklinik Innsbruck hatte Mitte April durch funktionale Lungentests bei sechs infizierten Tauchsportlern erhebliche, teilweise irreversible Lungenschäden durch das Coronavirus festgestellt – trotz milder Krankheitsverläufe. Allerdings: Die Tests wurden bereits fünf bis sechs Wochen nach der Genesung durchgeführt.

Ein Aspekt, den DOSB-Arzt Bernd Wolfarth kritisch betrachtet: "Man muss einfach einschätzen: Wie war der Krankheitsverlauf? Ich fand es es schwierig, dass man Menschen fünf Wochen mit Penumonie nachuntersucht und dann schon von irreversiblen, langfristigen Schäden spricht. Das muss man erstmal sehen, wenn man ihn nach drei, nach sechs Monaten oder einem Jahr noch mal nachuntersucht." Klaus-Michael Braumann schloss sich dieser Auslegung an: "Natürlich ist Covid eine ernsthafte Erkrankung mit allen bekannten Konsequenzen und Nebenwirkungen, die man bei jeder Virus-Infektion hat. Auch Hochleistungsathleten können bei einer normalen Influenza versterben. Wir sehen auf der anderen Seite Hunderttausende, die infiziert zu sein scheinen und die überhaupt keine Symptome haben. Und im Übrigen läuft das wieder in die Richtung hinein, dass man eine zu starke Verängstigung schafft, die gar nicht angebracht ist."

Bloch: Gefäße werden mit angegriffen

Stichwort Verängstigung: Wilhelm Bloch von der Sporthochschule Köln hatte mit Blick auf eine Wiederaufnahme der Fußball-Bundesliga zum Beispiel im Mai noch davor gewarnt, dass eine Infektion auch das Karriereende für einen Sportler bedeuten könnte. Am Mittwoch sagte er, dass es sich gezeigt habe, dass "das Virus noch ein paar mehr Baustellen im Körper aufmacht und wir es nicht mit einer Lungenerkrankung allein zu tun haben. Sondern wir haben es hier mit einer systemischen Erkrankung zu tun und die vor allem die Gefäße mitangreift. Und das ist ein ganz problematischer Punkt. Da sieht man schon, dass sehr viele Patienten sich nicht wirklich erholen und die Leistungsfähigkeit eingeschränkt wird."

Bernd Wolfarth hat im Gegensatz zu der Innsbrucker Untersuchung bei seinen Sport-Patient*innen, die sich mit dem Corona-Virus infiziert haben, eher andere Beobachtungen gemacht: "Die meisten Verläufe sind zum Teil klinisch asymptomatisch, zum Teil milde bis maximal moderat. Ich selbst habe jetzt auch nicht allzu viele Fälle im Leistungssport gesehen. Es sind genau sechs Fälle, die ich bis dato hab: Drei sind komplett asymptomatisch gewesen, zwei hatten leichte grippale Symptome über drei vier Tage, einer hatte Geruchs- und Geschmacksstörungen. Aber es war keiner mit einer schweren Pneumologie. Alle sind nachuntersucht und letztendlich schon völlig unauffällig bei uns getestet worden. Das soll das Ganze nicht verharmlosen, sondern nur relativieren."

In jedem Fall empfahlen die Sportmediziner unisono auch nach milden Krankheitsverläufen Belastungstests durchführen zu lassen. In komplizierteren Fällen sollten Sportler*innen überprüfen lassen, ob Organsysteme betroffen oder neurologische Probleme aufgetreten sind. Eine Sport-Pause müsse wie bei jeder Virus-Erkrankung sowieso gemacht werden – die Länge variiert je nach Schwere des Krankheitsverlaufs. Viel Bewegung und viel Frischluft sei jedenfalls die beste Prävention – das gelte auch im Bereich des Schulsports oder für ältere Menschen. Am besten sei jedoch, sich gar nicht erst zu infizieren.

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