Politische Literatur (Archiv) / Archiv 12.11.2007

Breitseite auf das Nachrichten-FlaggschiffWalter van Rossum schaut die "Tagesshow"Redakteurin am Mikrophon: Sandra Pfister

Aus der "Tagesschau" macht Walter van Rossum die "Tagesshow". (Maximilian Schönherr)Aus der "Tagesschau" macht Walter van Rossum die "Tagesshow". (Maximilian Schönherr)

Die "Tagesschau" ist nicht nur eine der ältesten und erfolgreichsten Fernsehsendungen in Deutschland; sie ist eine Institution. An ihrem Ruf als Garant seriöser Nachrichten kratzt nun der Autor Walter van Rossum. Wer die "Tagesschau" für einen Hort glaubwürdiger Information halte, sitze einem gefährlichen Irrtum auf, behauptet er. Der Autor von "Meine Abende mit Sabine Christiansen" bezeichnet die "Tagesschau" als "Tagesshow" - und legt damit ein weiteres Bashing-Buch vor. Der Leiter der Deutschlandfunk-Nachrichten, Marco Bertolaso, hat das Buch gelesen.

"Fanfare "heute-journal""

Das ist nicht die "Tagesschau". Walter van Rossum überrascht und beginnt sein Buch mit Kritik am ZDF-"heute-journal". In einer Fußnote lässt er später wissen:

Um den Korpus meiner Analyse nicht allzu unübersichtlich werden zu lassen, beziehe ich mich hauptsächlich auf die Tagesschau und die Tagesthemen. In den vergleichbaren Sendungen des ZDF ließe sich Nämliches, wenn nicht Schlimmeres nachweisen.

Ja, wenn das ZDF schlechter informiert als die ARD - müsste man nicht da ansetzen? Oder verkauft sich die Breitseite auf das Nachrichten-Flaggschiff besser? Oder war vielleicht der Aufwand zu hoch, sich wenigstens mit dem Teilbereich TV-Nachrichten im Ganzen auseinanderzusetzen? Die Dramaturgie jedenfalls nährt diesen Verdacht. Die Negativbeispiele stammen weitgehend aus je einer Ausgabe der Tagesschau und der Tagesthemen, obwohl van Rossum im Subtext klarmacht, dass die ganze Gilde gemeint ist.

"Tagesschau-Fanfare mit Ansage "Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau"."

Der 6. Dezember 2006, das ist van Rossums Tagesschau-Bloomsday. Er nimmt eine Meldung der 20-Uhr-Sendung nach der anderen genüsslich auseinander. Keineswegs immer unbegründet. Das wirkt suggestiv, hat aber nichts zu tun mit empirischer Beweisführung, die auch nur eine der pauschalen Thesen decken würde. Und die haben es in sich:

Tag für Tag offeriert die Tagesschau ein groteskes Sammelsurium aus fragmentarisierten Informationen, Halbwahrheiten, Pseudonachrichten, plumpen ideologischen Fanfaren, Platituden und Fehldeutungen.

Bei den Tagesthemen ist ihm der Wetterbericht

der letzte Weltdeutungsversuch und der einzige mit Erkenntnisgewinn.

Und nach einem Besuch bei den Hamburger Machern beider Sendungen, deren Interview-Zitate tatsächlich nicht immer überzeugen, wird als Urteil verkündet:

Ich habe bei ARD-aktuell niemanden getroffen, der auch nur annähernd imstande gewesen wäre, halbwegs präzise zu beschreiben, was er da macht und wie das "Nachrichtenmachen" als Handwerk funktioniert. Zugespitzt hatte ich eher den Eindruck, dass ein solches Wissen hier ein Einstellungshindernis wäre.

So redet ein Erleuchteter über Ahnungslose. Und das macht skeptisch. Denn im richtigen Leben sind die wirklich Erleuchteten nun einmal ähnlich rar wie die völlig Ahnungslosen. Van Rossums Ärger ist aber so groß, dass selbst das Publikum nicht ungeschoren davonkommt:

Was ist das eigentlich für eine Mediengesellschaft, die sich Abend für Abend millionenfach vor Tagesschau oder heute-journal niederlässt, ohne sich vor Lachen auf die Schenkel zu schlagen? Wie ist es möglich, dass in einer hochqualifizierten Wissensgesellschaft nicht regelmäßig der ganz normale Sachverstand beim Betrachten der Tagesschau rebelliert?

Was in Gottes Namen macht den Mann so wütend? Walter van Rossum sieht die Gesellschaft als Opfer einer komplexen Desinformation, die sich wie Mehltau über alles Aufklärerische legt. Komplex und gefährlich deshalb, weil sie im Gewand und mit den Mitteln tatsächlicher Information operiert. Über richtige Themen wird von echten Journalisten, ohne wirklich zu lügen, am Ende doch die Unwahrheit gesagt. Van Rossum sieht Sprachregelungen am Werk, eine immer neu austarierte, geschmeidige Anpassung an die herrschende Meinung.

Ergebnis: Der Status quo wird zur Norm aufgewertet, Nachrichten wirken systemstabilisierend, unabhängig davon, wie das System gerade aussieht. Nur, der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde ausdrücklich geschaffen, um ein System zu stabilisieren, den demokratischen Rechtsstaat des Grundgesetzes. Ob das gut gemacht wird, das ist die entscheidende Frage.

Tagesschau 6.12.2006: Die unabhängige US-Kommission zur Irak-Politik hat heute Präsident Bush ihren mit Spannung erwarteten Bericht vorgelegt. Seit März hatte das Gremium um den ehemaligen US-Außenminister Baker gearbeitet. Die Kommission bewertet die Lage in dem Golfstaat als sehr ernst und warnt vor einem Abgleiten ins Chaos. Die Experten empfehlen sowohl militärisch als auch diplomatisch einen Strategiewechsel. US-Präsident Bush ist nicht an die Vorschläge gebunden.

Als schreiendes Beispiel für Desinformation dient van Rossum immer wieder die Nachrichtengebung zum Irak.

Diesen Aufmacher und den folgenden Bericht aus Washington hält er für typisch; der "Tagesschau" gehe es nie um den Irak, sondern nur um eines: Wie löst die angemaßte Supermacht USA ihr Problem? Und nicht nur das:

Konsens und Pragmatismus leiten die Tagesschau, wenn sie allabendlich ihre Zuschauer auf die allerselbstverständlichste Art zu Mitwissern eines ungeheueren Verbrechens macht, nämlich eines barbarischen und durch nichts zu rechtfertigenden und relativierenden Angriffskriegs. Weder an diesem noch an irgendeinem anderen Tag bringt die Tagesschau die Sache auf diesen Punkt.

Sollte mit Mitwissern hier so etwas wie Komplizen eines Verbrechens gemeint sein, dann ginge das auch für eine Polemik zu weit. In jedem Fall beleidigt der Vorwurf erneut die Zuschauer. Auf deren eigenen Kopf gibt van Rossum nicht viel. Ob es ihn nachdenklich stimmt, dass die vermeintlich fehlgeleiteten Zuschauer der Tagesschau als Wähler eine Beteiligung Deutschlands am Irak-Feldzug verhindert haben? Und dass man hier von einem völkerrechtswidrigen Krieg sprechen darf, ist banal. Natürlich auch in den Medien, in einem Kommentar etwa oder in einem Bericht, der Meinungen wiedergibt.

Allein, die Nachrichten dürfen es nicht mit ihrer eigenen Stimme. Kein Standpunkt darf der offizielle Standpunkt der Nachrichten sein, das wäre Propaganda. Kommentare werden gebraucht, und die kann man sicher besser machen als einige im Buch zitierte Beispiele, aber die Trennung von Nachricht und Kommentar ist nicht Vernebelung, Anpassung oder Mutlosigkeit. Die Trennung von Nachricht und Kommentar ist eine freiheitliche Errungenschaft.

Das Buch beruht auf einem Missverständnis. Walter van Rossum ist unzufrieden mit der Leistung des politischen Systems und mit der aufklärerischen Arbeit der Medien. Über beides lässt sich reden. Nur, die Nachrichten sind der falsche Adressat. Auch Nachrichtenredakteure würden gerne eine interessantere politische Debatte spiegeln; aber sie können sie nicht erfinden. Auch Nachrichtenredakteure wünschen sich weniger Volksmusik und mehr investigative Magazine; aber sie können diese nicht ersetzen. In einem milden Augenblick gesteht auch Walter van Rossum zu:

Das strukturelle Problem aller Nachrichtensendungen besteht darin, dass es keine Objektivität und auch keine Wahrheit geben kann. Dennoch gibt es so etwas wie objektivierbare Unwahrheiten.

Gerade weil das mit der objektiven Wahrheit so heikel ist, sind Nachrichten nicht der Ort von Meinungsjournalismus, und objektivierbare Unwahrheiten - wenn damit klare Lügen gemeint sein sollen - wird sich erst recht keine Redaktion zu eigen machen, denn sonst straft der Leser, Hörer oder Zuschauer.

Natürlich gibt es im Nachrichtengeschäft Schwachstellen und offene Fragen. Einige hat van Rossum angesprochen, etwa ob der Tagesschau nicht mit weniger Konferenzen und mehr Reportern geholfen wäre. Er will eine bessere Auslandsberichterstattung. Sehr gut. Er kritisiert die Personalisierung von Politik, aber wichtige Punkte lässt er links liegen. Das schleichende Gift von Boulevardisierung und Infotainment, die gefährliche Tempoverschärfung durch halbgare Informationen im Internet, die Kommerzialisierung der Information als Ware sowie die schlichte Tatsache, dass vielen Redaktionen der Rohstoff Zeit ausgegangen ist.

Ein völliges Rätsel ist aber, wie man solch ein Buch schreiben kann, ohne die Agenturen anzusprechen, die Themensetzer und Taktgeber der Nachrichtenwelt. Unter dem Strich bleibt, jeder Beitrag zum Thema Information ist willkommen, doch das dringend nötige Buch über das Nachrichtengeschäft muss auch nach dieser Polemik erst noch geschrieben werden. Ganz davon angesehen, dass man Radio, Zeitungen und Internet einbeziehen muss und für das ganze Bild auch den Blick über den deutschen Medientellerrand hinauswagen sollte. Und - zugegeben - jetzt auch ein wenig polemisch: Nur zur Erinnerung, das hier ist Gott sei Dank nicht die Tagesschau:

Radio DDR, 4.6.1986, Fünf-Uhr-Nachrichten: Fünf Uhr, Guten Morgen, Radio DDR sendet Nachrichten. Über die Fortführung der Sozialpolitik sprach Volkskammer-Spitzenkandidat Joachim Hermann, SED, in der Berliner Charité mit Ärzten, Schwestern und Studenten. Er hob hervor, dass sie sich mit immer größerer Wirksamkeit für die Patienten und damit ganz im Sinne der auf das Wohl des Volkes gerichteten Parteitagsbeschlüsse einsetzten.

Marco Bertolaso über Die Tagesshow. Ein Buch von Walter van Rossum, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, in einem Umfang von 197 Seiten für 8 Euro 95.

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