Montag, 18.02.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteKommentare und Themen der WocheTheresa May spielt mit höchstem Einsatz12.02.2019

Brexit-ErklärungTheresa May spielt mit höchstem Einsatz

Nur noch sechs Wochen, dann will Großbritannien die EU verlassen. Dass Regierungschefin Theresa May nun Aufschub für Nachverhandlungen fordert, sei ein riskantes Spiel auf Zeit, kommentiert Friedbert Meurer. Am Ende könnte ihr Kalkül aber sehr wohl noch aufgehen.

Von Friedbert Meurer

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Das Foto zeigt das britische Parlament an der Themse im Abendlicht. (dpa-Bildfunk / PA Wire / Dominic Lipinski)
Das britische Parlament (dpa-Bildfunk / PA Wire / Dominic Lipinski)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Pocket
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Brexit-Erklärung Theresa May will mehr Zeit

Großbritannien Brexit und kein Ende

Londonderry und der Brexit "Eine harte Grenze wird Chaos verursachen"

Schulz zu den Brexit-Verhandlungen "Die Schuld liegt bei Fanatikern à la Boris Johnson"

Leinen (SPD) zu Brexit "Das ist höchste politische Unkultur"

Brexit-Verhandlungen Politologe: EU wird keine weiteren Zugeständnisse machen

Das Phänomen ist aus dem Fußball bekannt. Eine Mannschaft führt 2: 1, es sind nur noch wenige Minuten zu spielen. Das Team, das in Führung liegt,  hat jetzt alle Zeit der Welt, schiebt nur noch den Ball hin und her und wartet auf den erlösenden Schlusspfiff.

Spiel auf Zeit

Auch die britische Premierministerin Theresa May hat die Vorzüge des Zeitspiels für sich entdeckt, aber ganz so wie auf dem grünen Rasen funktioniert es im richtigen Leben nicht. Das Vereinigte Königreich liegt mitnichten in Führung, sondern seine Regierung muss noch Schwerstarbeit leisten, um die EU zu einem Kompromiss zu bewegen, um gleichzeitig zuhause eine Mehrheit für das Vertragswerk zu organisieren.

Alle betreiben jetzt in Wahrheit Zeitspiel. Die EU bewegt sich nicht, weil sonst die Brexiteers sofort das nächste Zugeständnis fordern. Die britische Regierung wartet, weil immer noch zu viel Abgeordnete andere Ziele verfolgen. Viele Brexiteers wollen den "No Deal", den Brexit ohne Vertrag und damit den radikalen Bruch mit der EU.

Aber auch die einstigen Remainer denken noch nicht daran, sich in ihr Schicksal zu fügen und dem Brexit-Vertrag zuzustimmen, der ihnen vorgesetzt wurde. Noch hoffen sie, den Brexit verschieben und dann sogar ein zweites Referendum ansetzen zu können.

Das Kalkül des Oppositionsführers

Die Chancen für ein zweites Referendum sind aber gesunken. Labour-Chef Jeremy Corbyn will es nicht, aus einer Mischung aus Taktik – die Labour-Wähler im Norden könnten die Partei abstrafen – und aus Überzeugung, um nicht zu sagen: Starrsinn. Ein jetzt aufgetauchter Mitschnitt von 2010 macht noch einmal deutlich, dass Corbyn die EU als arbeitnehmerfeindliches Projekt zutiefst ablehnt.

Was plant May

Und was will May? Wenn sie Ende März vor die Wahl gestellt wird, die EU ohne Vertrag zu verlassen oder kleinlaut eine Verschiebung des Brexits zu beantragen, wie wird sie sich entscheiden? Oder spekuliert sie darauf, dass andere ihr die Entscheidung abnehmen, das Parlament also? Sie ist wieder die Sphinx, die allen fremd ist.

Aber am Ende könnte sehr wohl auch ihr Kalkül noch aufgehen. Ein Kompromiss in letzter Minute mit der EU könnte etliche Gegner in den eigenen Reihen umstimmen. Corbyn würde ein Auge zudrücken, wenn 50 Abgeordnete Labours für den Vertrag Mays stimmen. Wir sind nun in der absoluten Schlussphase eines Spiels, das vor zwei Jahren angepfiffen wurde.

Es steigt nur mit jedem Tag das Risiko, dass sich alle Akteure so sehr in ihren Manövern verheddern, dass das Spiel abgebrochen wird. Theresa May spielt mit höchstem Einsatz. Wenn es tatsächlich zum "No Deal" kommt, dann wird es an dem undurchsichtigen Zeitspiel liegen, das sie seit jetzt zwei Jahren betreibt.     

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk