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StartseiteInterviewEU-Bürger in Großbritannien brauchen "Hilfe und Schutz"15.01.2020

BrexitEU-Bürger in Großbritannien brauchen "Hilfe und Schutz"

Die deutsche Historikerin Tanja Bültmann lebt und arbeitet seit über zehn Jahren in Großbritannien. Seit dem Brexit-Referendum beobachtet sie dort einen Anstieg von Rassismus. Zudem würden den EU-Bürgern in Großbritannien als Folge des Austritts Rechte genommen.

Tanja Bültmann im Gespräch mit Christine Heuer

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07.05.2019, Berlin: Die Flaggen Großbritannien und der Europäischen Union wehen bei der Ankunft des britischen Prinz Charles und Herzogin Camilla dem militärischen Teil des Flughafen Tegel im Wind. Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (dpa / picture alliance / Monika Skolimowska / dpa-Zentralbild)
Für einen neuen Aufenthaltsstatus müssen EU-Bürger sich zunächst bewerben (dpa / picture alliance / Monika Skolimowska / dpa-Zentralbild)
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Christine Heuer: Der Countdown läuft. In gut zwei Wochen tritt Großbritannien nun wirklich aus der Europäischen Union aus. Praktisch ändert sich dann für die Briten erst mal nichts. Der Brexit ist das Startdatum für Verhandlungen über die künftigen Beziehungen zu Europa. Und wie die ausgehen, das müssen wir abwarten. Aber für die mehr als drei Millionen EU-Bürger im Vereinigten Königreich hat sich schon nach dem Referendum vor drei Jahren allerhand geändert. Viele fühlen sich nunmehr geduldet und sorgen sich um ihre Zukunft auf der Insel, die ihr Zuhause geworden ist. Das Europaparlament will heute eine Resolution für ihre Rechte verabschieden. Eine dieser EU-Bürger in Großbritannien ist jetzt am Telefon. Die deutsche Historikerin Tanja Bültmann lehrt seit über zehn Jahren an der Universität in Newcastle und hat voriges Jahr die Kampagne "EU Citizens Champion" gegründet, die sich für EU-Ausländer im Vereinigten Königreich stark macht. – Guten Morgen, Frau Bültmann.

Tanja Bültmann: Ja! Guten Morgen, nach Deutschland!

Heuer: Großbritannien verlässt die EU, aber Sie bleiben in England. Warum?

Bültmann: Na ja. Sie haben das eigentlich eben schon wunderbar gut beschrieben. Das ist mein Zuhause. Warum sollte ich nun hier weggehen? – Das ist natürlich schon trotzdem eine gute Frage, denn ich sehe das auch so wie viele andere Menschen: Ja, wir werden hier nicht besonders gut behandelt. Das Abkommen, was jetzt steht, sichert zwar bestimmte Rechte zu, aber es ist nicht so, wie es vorher war, und wir müssen uns alle bewerben, um hier bleiben zu können, und damit muss man erst mal klarkommen.

Heuer: Wollen die Briten Sie als Deutsche und EU-Bürgerin überhaupt noch auf der Insel haben? Und wenn ich jetzt "Briten" sage, dann meine ich auch ganz normale Bürger.

Bültmann: Na ja, gut. Da kann ich natürlich jetzt keine allgemeine Aussage treffen. Ich habe ja keine Erhebung oder so was dazu gemacht.

"Das ist ja wie ein Schlag ins Gesicht"

Heuer: Aber Erfahrungen.

Bültmann: Aber Erfahrungen sind natürlich schon nicht unbedingt immer gut. Vor allen Dingen, wenn man sich erst mal auf der Politikerseite ansieht, was da so gesagt wird. Gerade in der Wahlkampagne zum Beispiel im Dezember hat Boris Johnson selber gesagt, dass wir schon viel zu lange Großbritannien im Prinzip wie unser Zuhause ansehen, und das ist ja wie ein Schlag ins Gesicht eigentlich. Und wenn andere Normalbriten, sage ich jetzt mal, so was immer vorgeredet bekommen von der Regierung – das war jetzt nur ein Beispiel von vielen – und wenn man dann in der Presse ständig hört, dass wir irgendwie nur schlimme Dinge hier nach Großbritannien bringen -, na ja, dann muss ich mich natürlich fragen, ob es dann auch trotzdem von mehreren so gesehen wird.

Heuer: Frau Bültmann, Sie machen sich stark für die EU-Bürger. Sie sind auch eine prominente Stimme für diese drei Millionen auf der Insel. Und Sie selbst werden immer wieder verbal angegriffen. Können Sie mal vielleicht auch Ihre schmerzlichste Erfahrung schildern?

Bültmann: Ich glaube, die kann man im deutschen Radio am Morgen nicht unbedingt genau sagen.

Heuer: So schlimm?

Bültmann: So schlimm, genau. – Aber man muss vielleicht das ein bisschen qualifizieren und sagen, das hat auch einfach was mit dem Thema insgesamt zu tun. Das betrifft auch andere Menschen, die sich einsetzen für bestimmte andere Fragen, die sich auf den Brexit beziehen, und die Tatsache, dass Frauen insgesamt oft gerade in sozialen Medien ganz schlimme Dinge gesagt bekommen. Und ich sehe auch in Deutschland immer wieder, dass deutsche Politikerinnen und auch Politiker manchmal natürlich so was zum Beispiel gesagt bekommen, ganz furchtbare Dinge. - Aber um Ihre Frage zu beantworten: Es hat auf jeden Fall auch schon mal die Polizei involviert.

"Ein breiter gefächertes Rassismusproblem"

Heuer: Ist das, was Sie erleben, eine Aggression gegen Ausländer in Großbritannien, oder speziell gegen Europäer in Großbritannien im Zusammenhang mit dem Brexit?

Bültmann: Man sieht beides auf jeden Fall und das lässt sich auch oft gar nicht so auseinanderhalten. Zum Beispiel direkt nach dem Referendum gab es ein ganz großes Anschnellen der Berichte von Hasskriminalität und das waren auch ganz viele Ausländer, die das betraf, die woanders herkamen, und zwar einfach nur deshalb kriegten die etwas ab, weil sie eine andere Hautfarbe haben und somit ganz leicht identifizierbar waren. Es ist auf jeden Fall auch ein breiter gefächertes Rassismusproblem hier, das sich jetzt nicht nur spezifisch auf EU-Ausländer bezieht, aber auf jeden Fall auch. Gerade Osteuropäer zum Beispiel stehen oft in der Schusslinie sozusagen.

"Dieser Status ist nur digital vorhanden"

Heuer: Noch können Sie sich frei bewegen, wie überall in der Europäischen Union. Was ändert sich für Sie und andere EU-Bürger ganz konkret, wenn der Brexit dann auch dazu geführt hat, dass der sich manifestiert, dass der Handelsvertrag steht und dass das Land wirklich den Brexit lebt? Was ändert sich dann für Sie?

Bültmann: Wir bekommen einen ganz neuen Status, beziehungsweise müssen uns auf diesen Status bewerben, wenn wir bleiben wollen. Der heißt "Settled Status". Wenn man den bekommt, dann ist erst mal theoretisch alles in Ordnung, aber auch wirklich nur theoretisch, denn es gibt ganz viele offene Fragen, zum Beispiel auch, wie das überhaupt implementiert werden soll. Dieser Status wird dazu benutzt, dass wir dann überall belegen müssen, zum Beispiel beim Arbeitgeber oder der Bank, dass wir hier sein dürfen. Das ist zwar auch schon früher so gewesen, da konnte man einfach seinen europäischen Pass vorlegen, aber funktioniert dann über diesen neuen Status. Und der bedeutet ganz neue Arten von Checks, die es nur digital geben wird. Dieser Status ist nämlich nur digital vorhanden. Da gibt es keinen Stempel im Pass, gar nichts, und das beispielsweise ist ein ganz großes Problem und eine riesige Veränderung.

Heuer: Ich hätte jetzt gedacht, dass es eher ein niedrigschwelliges Angebot ist und die Sache bequemer macht, wenn man das alles online erledigen kann.

Bültmann: Es hört sich sicherlich vielleicht so an. Aber ich gebe Ihnen ein Beispiel. Da wird das, glaube ich, ganz deutlich. Wenn ich jetzt hier eine Wohnung mieten wollte und mit diesem "Settled Status" dann da stehe, und neben mir steht zum Beispiel jemand aus den USA und daneben noch ein Brite; Brite und die Person aus den USA können einfach ihren Pass vorlegen. Für mich muss der Vermieter mit einer komischen Nummer zum Computer laufen, diese Nummer checken und verschiedene andere Daten eingeben. Wenn er alle drei gut findet, wer kriegt die Wohnung nicht?

Heuer: Verstehe. – Macht die britische Regierung das extra?

Bültmann: Der Plan ist grundsätzlich, dass das für alle Migranten früher oder später mal so sein soll. Das würde natürlich dieses Problem dann durchaus ändern. Aber die ganzen Systeme funktionieren sowieso schon nicht richtig im Moment und sind alle überlastet. Darum glaube ich da erst mal gar nichts von. - Ich würde das nicht unbedingt als "extra machen" beschreiben. Aber ein echtes Dokument wäre schon besser.

"Für uns ist das eine nachträgliche Änderung"

Heuer: Jetzt könnte man ja sagen, Frau Bültmann, es ist eigentlich normal, dass sich etwas ändert, wenn ein Land die Europäische Union verlässt und nicht mehr zum Club gehört. Stellen sich die EU-Ausländer da auch ein bisschen an?

Bültmann: Nein! Wir dürfen ja nicht vergessen: Für uns ist das eine nachträgliche Änderung. Es gibt ja Menschen, die leben hier schon seit Jahrzehnten. Wenn man von vornherein weiß, dass es solche Regeln gibt, für Neuankömmlinge beispielsweise, ist das ja etwas ganz anderes. Hier gibt es auch kein normales Registrierungssystem. Das heißt, das ist alles nachträglich und nachträglich fallen Rechte weg. Das ist der entscheidende Punkt.

Heuer: Wenn wir über die Menschen aus der EU sprechen, die schon lange auf der Insel leben – und Sie haben auch eingangs gesagt, Großbritannien ist mein Zuhause -, was bedeutet das denn genau? Was ist denn Zuhause?

Bültmann: Ich glaube, das fragen sich im Moment ganz viele Menschen. Uns wird oft gesagt, wir sollen doch nachhause gehen. Ja wohin denn? Hier ist ja das Zuhause. Es bedeutet natürlich, dass man hier verbunden ist, dass man hier Familie hat, dass man hier ja auch schon jahrzehntelang Steuern bezahlt hat beispielsweise, ganz banal, und das ist jetzt so richtig attackiert worden dadurch und viele Menschen, glaube ich, können diese Frage im Moment überhaupt gar nicht beantworten, weil das alles ein Schock für sie ist.

"Nur die Staatsbürgerschaft als richtiger Weg"

Heuer: Sie könnten ja auch britische Staatsbürgerin werden, oder nicht?

Bültmann: Ja, das könnte ich, und das haben auch viele schon gemacht oder planen es zu machen. Der Grund dafür ist ganz eindeutig, dass sie diesen neuen "Settled Status" nicht als einen sicheren Status ansehen, viele Menschen, die das bereits gemacht haben. Es ist auch tatsächlich mein Plan, das zu tun, weil meiner Meinung nach nur die Staatsbürgerschaft eigentlich der richtige Weg ist. Aber viele können es gar nicht machen, es ist super teuer, und es erlauben auch nicht alle Länder überhaupt zum Beispiel doppelte Staatsbürgerschaft. Bei Deutschland sind auch Fragen da. Es ist alles nicht besonders einfach.

Heuer: Das ist nur ein Ausweg für vergleichsweise wenige Privilegierte?

Bültmann: Ja! Und natürlich gibt es auch Menschen, die sagen, um Gottes Willen, auf gar keinen Fall, ich kann doch nicht die Staatsbürgerschaft von einem Land annehmen, das mich so behandelt hat.

"Wir sind seit fast vier Jahren wie Dreck behandelt worden"

Heuer: Was vor allem fordern Sie jetzt von der britischen Regierung, Frau Bültmann?

Bültmann: Meine Forderung ist natürlich vor allem, dass sie uns endlich mit Respekt behandeln sollen. Wir haben nichts gemacht, außer uns zu entscheiden, unser Leben diesem Land zu geben, und wir sind hier seit fast vier Jahren wirklich behandelt worden wie der allerletzte Dreck. Man kann das nicht anders beschreiben. Und das muss endlich aufhören. Politiker sind auch gewählt, uns zu vertreten und unsere Interessen zu vertreten.

Heuer: Und was wünschen Sie sich von der Europäischen Union?

Bültmann: Leider – und das tut mir wirklich sehr leid – hat sich die EU auch nicht unbedingt bei vielen Fragen mit Ruhm bekleckert. Was gestern im Europäischen Parlament diskutiert wurde, war wichtig und richtig. Es muss aber auch so gemeint werden. Wir brauchen Hilfe und Schutz und darum muss die EU darauf wirklich ganz klar setzen, dass das System, wie es jetzt besteht oder geplant ist, nicht so implementiert wird. Dann wird es ganz viele Probleme geben.

"Es geht ja auch um Briten, die in der EU lebe"

Heuer: Was gestern diskutiert wurde und was heute auch im Europaparlament als Resolution dann noch mal verabschiedet wird, ist, dass die Freizügigkeit zur Bedingung für Freihandel gemacht wird. Glauben Sie nicht an diese Zusage?

Bültmann: Na ja. Ich meine, das ist ja noch mal ein bisschen eine andere Frage. Das Problem sind ja auch ganz praktische Sachen. Und was man auch wirklich nicht vergessen darf: Es geht ja nicht nur um EU-Bürger in Großbritannien. Es geht ja auch um Briten, die in der EU leben. Die sind in eigentlich einer noch schlimmeren Situation und auch genauso betroffen, und das muss wirklich endlich mal menschlich beantwortet werden und nicht nur politisch. Das ist meiner Meinung nach überhaupt keine politische Frage mehr, sondern nur eine menschliche, für die der politische Wille gebraucht wird.

Heuer: Sie fühlen sich ein bisschen verlassen?

Bültmann: Ja, auf jeden Fall, und es ist auch ganz, ganz klar, dass das viele andere so sehen. Die EU muss sich fragen, was sie eigentlich bedeutet, wenn sie mal eben fünf Millionen Menschen – das sind wir hier und Briten in der EU – so im Grunde verlassen kann.

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