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StartseiteEuropa heuteFirmen ziehen in die Niederlande29.08.2019

Brexit und die WirtschaftFirmen ziehen in die Niederlande

Das Land profitiert vom bevorstehenden EU-Austritt Großbritanniens: Seit dem Referendum im Jahr 2016 ziehen britische und internationale Firmen in die Niederlande - und kehren der Insel den Rücken. Den Unternehmen geht es darum, Mitarbeiter, Kunden und Zulassungen zum Europäischen Markt zu behalten.

Von Ludger Kazmierczak

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Alltag in Amsterdam: Die Stadt ist rund 800 Jahre alt, viele Gebäudefassaden stammen aus dem 17. Jahrhundert.  (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)
Ein beliebter Standort für britische sowie internationale Firmen ist auch Amsterdam, die Hauptstadt der Niederlande. (picture alliance / ZB / Waltraud Grubitzsch)
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Andre Buis richtet gerade sein neues Büro im Zentrum von Rotterdam ein. Buis ist Geschäftsführer der niederländischen Filiale des britischen Unternehmens Vitesse PSP, das sich um die finanziellen Belange großer Firmen kümmert. Noch sind sie nur zu Dritt in Rotterdam, aber, so Andre Buis, das werde sich sehr bald ändern:

"Die meiste Arbeit wird jetzt noch in London gemacht, aber wenn der Brexit Tatsache ist, werden wir von hier aus operieren. Ich denke, dass wir Anfang November loslegen – dann mit einem viel größeren Team."

Mitarbeiter, Kunden und Zulassungen retten 

Mindestens zehn weitere Mitarbeiter will das Unternehmen bis zum Herbst einstellen. Um den Zahlungsverkehr größerer Betriebe regeln zu dürfen, benötigt Vitesse eine Zulassung, die nur EU-Mitgliedsstaaten ausstellen können. Ohne den Umzug hätte der Finanzdienstleister einen Großteil seiner Kunden verloren. Ein typischer Fall, sagt Jeroen Nijland von der Agentur für Investitionen aus dem Ausland. Das Büro kümmert sich im Auftrag des Wirtschaftsministeriums um die Anwerbung und Betreuung internationaler Firmen, die in den Niederlanden investieren wollen:

"Es geht in erster Linie um Unternehmen, die rechtzeitig eine Zulassung benötigen, um aktiv bleiben zu können in Europa. Das betrifft den finanziellen Sektor, aber auch Medienbetriebe, die Senderechte erwerben müssen. Es geht aber auch um die IT-Branche und Life-Science. Letzteres vor allem, weil die Europäische Arzneimittel-Agentur bereits hier ist."

Der amerikanische Informationsdienstleister Bloomberg hat bereits Teile seines Geschäfts von London nach Amsterdam verlegt. Auch der US-Medienkonzern Discovery ist in die niederländische Hauptstadt gezogen und hat hier die Sendelizenzen für seine acht Fernsehsender bekommen. Da die Zeichen mehr und mehr auf einen No-Deal-Brexit stünden, wachse sowohl bei britischen als auch bei internationalen Firmen die Unruhe. Knapp 100 Betriebe seien bisher schon umgezogen, wobei die meisten trotzdem einen Standort in Großbritannien behalten hätten, erklärt Jeroen Nijland.

Neue Arbeitsplätze und Schulen

"Das Vereinigte Königreich ist natürlich selbst ein großer Markt mit 70 Millionen Konsumenten. Die Unternehmen haben also weiter ein Interesse daran, dieses Land zu bedienen – auch nach dem Brexit. Aber sie brauchen natürlich einen Zugang zum europäischen Markt."

Laut der Agentur für Investitionen aus dem Ausland hat allein die Ansiedlung der ersten 62 Firmen bereits zweieinhalbtausend neue Arbeitsplätze in den Niederlanden geschaffen. Hinzu kommen Investitionen in Höhe von 310 Millionen Euro. Es werden weitere Betriebe hinzukommen, versichert Jeroen Nijland, dessen Büro derzeit mit 325 umzugswilligen Unternehmen im Gespräch ist.

Mit den Konzernen kommen auch immer mehr ausländische Familien in die niederländischen Städte. Der Verbund Internationaler Schulen baut daher gerade in Amsterdam provisorisch ein neues Grundschul-Gebäude auf. Nur so sei es möglich, die vielen neu angemeldeten Kinder auch unterbringen zu können, sagt der Leiter des Projekts, Boris Prickarts.

"Dies ist eine Übergangslösung. Wir werden hier etwa drei Jahre bleiben und dann ziehen wir zu unserem endgültigen Standort. Denn die Schülerzahl steigt sehr schnell."

Unter den Konzernen, die es in die Niederlande zieht, sind nicht nur britische Unternehmen, sondern auch viele amerikanische, asiatische und australische Firmen, die in Europa aktiv sind. Bei der Ansiedlung solcher Multinationals konkurriert Holland mit anderen EU-Ländern, vor allem mit Frankreich, Irland, Deutschland, Belgien und Luxemburg.

"Niederlande attraktiv, weil es ein international orientiertes Land ist"

Als Wirtschaftsbotschafter seines Landes weiß Jeroen Nijland sehr genau, warum gerade die Niederlande bei vielen Betrieben so hoch im Kurs stehen. "Was die Niederlande sehr attraktiv macht ist, dass es ein international orientiertes Land ist – mit einer gut ausgebildeten Bevölkerung. Fast jeder hier spricht Englisch und wir haben gute Verbindungen zum Rest der Welt."

Außerdem wirbt das Land mit seinem Großflughafen Schiphol, dem Hafen in Rotterdam und der Nähe zum Nachbarn Deutschland. Argumente, die auch die Brexit-Kritiker aus Schottland überzeugt haben. Deshalb will das Fährunternehmen TEC Farragon die zur Zeit noch genutzte Verbindung zwischen Dover und Calais durch eine neue Strecke zwischen Rosyth in der Nähe von Edinburgh und Eemshaven in der Provinz Groningen ersetzen. Viele schottische Unternehmen rechnen künftig mit langen Zollkontrollen und Wartezeiten. Bei einer direkten Verbindung mit den Niederlanden würden solche Kontrollen wegfallen. Wegen des Brexits hat die Lehrerin Danielle Turner ihre schottische Heimat schon vor ein paar Monaten verlassen – durchaus aus Protest, sagt sie.

"Nach dem Brexit dachte ich mir: das mache ich nicht mit. Ich wollte einfach weg." Nun arbeitet sie an einer der Internationalen Grundschulen von Boris Prickarts in Amsterdam. Und da werden Lehrkräfte ja gerade dringend benötigt.

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